[045] An Wilhelmine v. Zenge, 21. Mai 1801
nach Handschrift.
Alle Textversionen sind inhaltlich identisch. Die Handschrift wird in konstituierter und emendierter Fassung dargestellt (eine textkritische Darstellung ist in Planung). Alle Emendationen sind im Anhang einzeln verzeichnet.
Die
Fassung Handschrift zeigt die emendierte Wiedergabe der Handschrift. Der originale Zeilenfall ist beibehalten. Diese Fassung wird wegen der Zeilenlänge auf Smartphones nicht angezeigt.
In der Textversion ohne originalen Zeilenfall wird der Zeilenfall mit einem Schrägstrich / angezeigt, die Zeile wird aber nicht umbrochen. Die Zeilenzahl wird alle 10 Zeilen angezeigt.
In der Textversion ohne langes ſ sind das lange ſ und historische Umlautformen der heutigen Darstellungsweise angepasst. Der originale Zeilenumbruch wird nicht angezeigt, Seitenumbrüche bleiben erhalten.
[1] [BKA IV/2 18] [DKV IV 223] [SE:1993 II 649] [Heimböckel:1999 (Reclam) 231] [MA II 728] Leipzig, d.]den 21t ]21. Mai, ]Mai 1801. ]1801
Liebe Wilhelmine, ich bin bei meiner Ankunft in dieser Stadt in einer recht großen Hoffnung getäuscht worden. Ich hatte nämlich Dir, u.]und außer Dir noch Leopold, Rühle, Gleißenberg, Gleißenberg ]Gleißenberg [MA II 729] & &]etc. etc. theils]teils schriftlich, theils]teils mündlich gesagt, daß sie ihre Briefe an mich nach Leipzig addressiren]adressieren mögten,]möchten, weil ich die Messe hier besuchen würde. Da ich mich aber in Dreßden]Dresden so lange aufhielt, daß die Messe während dieser Zeit vorübergieng,]vorüberging, so würde ich nun diesen Umweg über Leipzig nicht gemacht haben, wenn ich nicht gehofft hätte, hier eine ganze Menge von Briefen vorzufinden, besonders da ich in Dreßden]Dresden keinen einzigen, außer vor 4 Wochen den Deinigen empfieng.]empfing. Nun aber denke Dir mein Erstaunen als ich auf der hiesigen Post auch nicht einen einzigen Brief fand, auch für Ulriken nicht, so daß es fast scheint, als wären wir aus dem Gedächtniß]Gedächtnis unsrer Freunde u.]und Verwandten ganz ausgelöscht — — Liebe Wilhelmine, bin ich es auch aus dem Deinigen? Zürnst Du auf mich, weil ich von Dreßden]Dresden aus nur einmal, und nur so wenige Zeilen an Dich schrieb? Willst Du Dich darum mit Gleichem an mir rächen? Ach, laß diese Rache fahren — Wenn Du Dir einbildest, daß Du mir nicht mehr lieb u.]und werth]wert bist, so irrst Du Dich, und wenn Du die Kürze meines einzigen [Heimböckel:1999 (Reclam) 232] Briefes für ein Zeichen davon hältst, so verstehst Du Dich ganz falsch auf meine Seele — Sonst, ja sonst war es meine Freude, mir selbst oder Dir mein Herz zu öffnen, u.]und meine Gedanken und Gefühle dem Papier anzuvertrauen; aber das ist nicht mehr [DKV IV 224] so — Ich habe selbst mein eignes Tagebuch vernachläßigt,]vernachlässigt, [SE:1993 II 650] weil mich vor allem Schreiben ekelt. Sonst waren die Augenblicke, wo ich mich meiner selbst bewußt ward, meine schönsten — jetzt muß ich sie vermeiden, weil ich mich u.]und meine Lage fast nicht ohne Schaudern denken kann — Doch nichts in diesem Tone. Auch dieses war ein Grund, warum ich Dir so selten schrieb, weil ich voraussah, daß ich Dir doch nichts von mir schreiben könnte, was Dir Freude machen würde. In den letzten Tagen meines Aufenthaltes in Dreßden]Dresden hatte ich schon einen Brief an Dich bis zur Hälfte vollendet, als ich einsah, daß es besser war, ihn ganz zurückzuhalten, weil er Dir doch nichts, als Kummer gewährt haben würde. Ach, warum kann ich dem Wesen, das ich glücklich machen sollte, nichts gewähren, als Thränen?]Tränen? Warum bin ich, wie Tankred, verdammt, das, was ich liebe, mit jeder Handlung zu verletzen? — Doch davon laß mich ein für allemal schweigen. Das Bewußtsein Dich durch meine Briefe, statt zu erfreuen, zu betrüben, macht sie mir selbst so [MA II 730] verhaßt, daß ich bei diesen letzten Zeilen schon halb u.]und halb willends]willens war, auch dieses Schreiben zu zerreißen — Doch Eines]eines muß vollendet werden — und ich will Dir darum nur kürzlich die Geschichten Geschichte ]Geschichte [2] [BKA IV/2 21] meines Aufenthaltes in Dreßden]Dresden mittheilen,]mitteilen, die Dich nicht betrüben wird, wenn ich Dir bloß erzähle, was ich sah u.]und hörte, nicht was ich dachte u.]und empfand.
Ich zweifle, daß ich auf meiner ganzen bevorstehenden Reise, selbst Paris nicht ausgenommen, eine Stadt finden werde, in welcher die Zerstreuung so leicht u.]und angenehm ist, als Dreßden.]Dresden. Nichts war so fähig mich so ganz ohne alle Erinnerung wegzuführen von dem traurigen Felde der Wissenschaft, als diese in dieser Stadt gehäuften Werke der Kunst. Die Bildergallerie,]Bildergalerie, die Gipsabgüsse, das Antikenca[Heimböckel:1999 (Reclam) 233] binet,]Antikenkabinett, die Kupferstichsammlung, die Kirchen-Musik]Kirchenmusik in der Katholischen katholischen ]katholischen Kirche, das Alles]alles waren Gegenstände bei deren Genuß man den Verstand nicht braucht, die nur allein auf Sinn u.]und Herz wirken. Mir war so wohl bei diesem ersten Eintrit]Eintritt in diese für mich ganz neue Welt voll Schönheit. [DKV IV 225] Täglich habe ich die griechischen Ideale u.]und die italienischen Meisterstücke besucht, und jedesmal, wenn ich in die Gallerie]Galerie trat, stundenlang vor dem einzigen Raphael dieser Sammlung, vor jener Mutter Gottes gestanden, mit dem hohen Ernste, mit der stillen Größe, ach Wilhelmine, u.]und mit Umrissen, die mich [SE:1993 II 651] zugleich an zwei geliebte Wesen erinnerten — Wie oft, wenn ich auf meinen Spaziergängen junge Künstler sitzen fand, mit dem Bret]Brett auf dem Schoß, den Stift in der Hand, beschäftigt die schöne Natur zu copieren,]kopieren, o wie oft habe ich diese glücklichen Menschen beneidet, welche kein Zweifel um das Wahre, das sich nirgends findet, bekümmert, die nur in dem Schönen leben, das sich doch zuweilen, wenn auch nur als Ideal, ihnen zeigt. Den Einen]einen fragte ich einst, ob man, wenn man sonst nicht ohne Talent sei, sich wohl im 24t ]24. Jahre noch mit Erfolg der Kunst widmen könnte? Er antwortete mir, daß Wouvermann,]Wouwerman, einer der größten Landschaftsmaler, erst im 40t ]40. ein Künstler geworden sei. — Nirgends fand ich mich aber tiefer in meinem Innersten gerührt, als in der Katholischen katholischen ]katholischen Kirche, wo die größte, erhebenste Musik noch zu den andern Künsten trit,]tritt, das Herz gewaltsam zu bewegen. Ach, Wilhelmine, unser Gottesdienst ist keiner. Er spricht nur zu dem kalten Verstande, aber zu [MA II 731] allen Sinnen ein katholisches Fest. Mitten vor dem Altar, an seinen untersten Stufen, kniete jedesmal, ganz isolirt]isoliert von den Andern,]andern, ein gemeiner Mensch, das Haupt auf die höheren Stufen gebückt, betend mit Innbrunst.]Inbrunst. Ihn quälte kein Zweifel, er glaubt — Ich hatte eine unbeschreibliche Sehnsucht mich neben ihn niederzuwerfen, u.]und zu weinen — Ach, nur einen Tropfen Vergessenheit, und mit Wollust würde ich katholisch werden —. Doch davon wollte ich ja eben schweigen. — Dreßden]Dresden hat eine große, [Heimböckel:1999 (Reclam) 234] feierliche Lage, in der Mitte der umkränzenden Elbhöhen, die in einiger Entfernung, als ob sie aus Ehrfurcht nicht näher zu treten wagten, [3] [BKA IV/2 22] es umlagern. Der Strom verläßt plötzlich sein rechtes Ufer, und wendet sich schnell nach Dreßden,]Dresden, seinen Liebling zu küssen. Von der Höhe des Zwingers kann man seinen Lauf fast bis nach Meißen [DKV IV 226] verfolgen. Er wendet sich bald zu dem rechten bald zu dem linken Ufer, als würde die Wahl ihm schwer, und wankt, wie vor Entzücken, und schlängelt sich spielend in tausend Umwegen durch das freundliche Thal,]Tal, als wollte er nicht in das Meer — Wir haben von Dreßden]Dresden aus Morizburg,]Moritzburg, Pillnitz, Tharandt, das Du schon kennst, u.]und Freiberg besucht. In Freiberg sind wir beide in das Bergwerk gestiegen. Ich mußte es, damit ich, wenn man mich fragt: sind Sie dort gewesen? doch antworten kann: ja. Ein weiteres Interesse hatte ich jetzt nicht dabei, so sehr mich die Kenntniß,]Kenntnis, die man sich [SE:1993 II 652] hier erwerben kann, auch sonst interessirt]interessiert hätte. Denn wenn das Herz ein Bedürftniß Bedürfniß ]Bedürfnis hat, so ist es kalt gegen Alles,]alles, was es nicht befriedigt, und nur mit halbem Ohre habe ich gehört, wie tief der Schacht ist, wohin der Gang streicht, wieviel Ausbeute er giebt, gibt, ]gibt, u.s.w.]usw. — Ich hatte ein Paar]paar Adressen nach Dreßden]Dresden mit, von denen ich aber nur Eine]eine gebrauchte u.]und die Andern]andern verbrannt habe. Denn für ein Herz, das sich gern jedem Eindruck hingiebt,]hingibt, ist nichts gefährlicher, als Bekanntschaften, weil sie durch neue Verhältnisse das Leben immer noch verwickelter machen, das schon verwickelt genug ist. Doch diese Verstandesregel war es eigentlich nicht, die mich davon abhielt. Ich fand aber in Dreßden]Dresden ein Paar]paar so liebe Leute, daß ich über sie alle Andern]andern vergaß. Denn ob ich gleich Menschen, die ich kennen lerne, leicht lieb gewinne und dann gern unter ihnen bin, so habe ich doch kein Bedürfniß,]Bedürfnis, viele kennen zu lernen. [MA II 732] Diese lieben Leute waren zuerst der Hauptmann v. Zanthier, Gouverneur bei dem jungen Grafen v. v Stollberg]Stolberg u.]und Prinzen v. Pleß, ein Mann Mann, ]Mann, dem das Herz an einer guten Stelle sitzt. Er machte uns zuerst mit Dreßden]Dresden bekannt u.]und hat [Heimböckel:1999 (Reclam) 235] viel zu unserm Vergnügen beigetragen. Außer ihm fanden wir noch in Dreßden]Dresden ein Paar]paar Verwandte, den Lieut. v. Einsiedel u.]und seine Frau, welche uns auch mit dem weiblichen Theil]Teil von Dreßden]Dresden bekannt machten. Unter diesen waren besonders zwei Fräulein v. Schlieben, arm u.]und freundlich und gut, die Eigenschaften die zusammengenommen mit zu dem Rührendsten gehören, das ich kenne. Wir sind gern in [DKV IV 227] ihrer Gesellschaft gewesen, und zuletzt waren die Mädchen auch so gern in der unsrigen, daß die Eine]eine am Abend bei unserem Abschied aus vollem Herzen weinte. — Von Dreßden]Dresden aus machten wir auch noch eine große Streiferei nach Töplitz, 8 Meilen, eine herrliche Gegend, besonders von dem nahgelegenen nahegelegenen ]nahegelegenen Schloßberge aus, wo das ganze Land aussieht, wie ein bewegtes [4] [BKA IV/2 25] Meer von Erde, die Berge, wie collossalische]kolossalische Pyramiden, in den schönsten Linien geformt, als hätten die Engel im Sande gespielt — Von Töplitz fuhren wir tiefer in Böhmen nach Lowositz, das am südlichen Fuße des Erzgebirges liegt, da, wo die Elbe hineintrit.]hineintritt. Wie eine Jungfrau unter Männern erscheint, so trit]tritt sie schlank u.]und klar unter die Felsen — Leise mit schüchternem Wanken naht sie sich — das rohe Geschlecht drängt sich, den Weg ihr versperrend, um sie herum, der Glänzend[SE:1993 II 653] -Reinen ins Antlitz zu schauen — sie aber ohne zu harren, windet sich, flüchtig, erröthend,]errötend, hindurch — In Aussig ließen wir den Wagen zu Lande fahren, und fuhren noch 10 Meilen auf der Elbe nach Dreßden.]Dresden. Ach, Wilhelmine, es war einer von jenen lauen, süßen, halb dämmernden Tagen, die jede Sehnsucht, u.]und alle Wünsche des Herzens ins Leben rufen — Es war war, so still auf der Fläche des Wassers, so ernst zwischen den hohen, dunkeln Felsenufern, die der Strom durchschnitt. Einzelne Häuser waren hie u.]und da an den Felsen gelehnt, wo ein Fischer oder ein Weinbauer sich angesiedelt hatte. Mir schien ihr Loos]Los unbeschreiblich rührend u.]und reizend — das kleine einsame Hüttchen unter dem schützenden Felsen, der Strom, der Kühlung u.]und Nahrung zugleich herbeiführt, Freuden, die keine Idylle mahlen]malen kann, Wünsche, die nicht [Heimböckel:1999 (Reclam) 236] über die Gipfel der umschließenden Berge [MA II 733] fliegen — ach, liebe Wilhelmine, ist Dir das nicht auch alles so rührend u.]und reizend wie mir? Könntest Du bei diesem Glücke Glück ]Glück nicht auch Alles]alles aufgeben, was jenseits der Berge liegt? Ich könnte es — ach, ich sehne mich unaussprechlich nach Ruhe. Für die Zukunft leben zu wollen — ach, es ist ein Knabentraum, und nur wer für den Augenblick lebt, lebt für die Zukunft. Ja wer erfüllt eigentlich getreuer seine Bestimmung nach dem Willen der [DKV IV 228] Natur, als der Hausvater, der Landmann? — Ich malte mir ein ganzes künftiges Schicksal aus — ach, Wilhelmine, mit Freuden wollte ich um dieses Glück Glück, allen Ruhm u.]und allen Ehrgeiz aufgeben — Zwei Fischer ruderten gegen den Strom, und trieften von Schweiß. Ich nahm unserm Schiffer das Ruder u.]und fieng]fing aus Leibeskräften zu arbeiten.]arbeiten [an]. Ja, fiel mir ein, das ist ein Scherz, wie aber wenn es Ernst wäre — ? Auch das, antwortete ich mir, u.]und beschloß eine ganze Meile lang unaufhörlich zu arbeiten. Es gelang mir doch nicht ohne Anstrengung u.]und Mühe — aber es gelang mir. Ich wischte mir den Schweiß ab, und setzte mich neben Ulriken, u.]und faßte ihre Hand — sie war kalt — ich dachte an den Lohn, an Dich — —
Adieu, adieu. Schreibe mir nach Göttingen, aber gleich, und dein Dein ]Dein ganzes Schicksal während der verflossnen Zeit, Deine Verhältnisse, auch etwas von meiner Familie. Wenn es mir so leicht wird, wie heute, so schreibe ich bald wieder. Dein treuer Freund Heinrich.
