kleist-digital
  • Werke
  • Briefe
  • Verzeichnisse
  •  Lexikalische Suche
  •  Semantische Suche
kleist-digital
  •  Suche
  • Werke
  • Briefe
  • Verzeichnisse

  • Apparat
  • Erwähnte Personen
  • Erwähnte Orte
  • Kollation Editionen
  • Stellenkommentar
  • Home
  • Briefe
  • [019] W. v. Zenge, 4.9.1800

[019] An Wilhelmine v. Zenge, 04. September 1800

Textwiedergabe  nach Handschrift.

  • Fassung Handschrift
    konstituiert
  • Textversion
    ohne orig. Zeilenfall
  • Textversion
    [+] ohne ſ, aͤ, oͤ, uͤ

Alle Textversionen sind inhaltlich identisch. Die Handschrift wird in konstituierter und emendierter Fassung dargestellt (eine textkritische Darstellung ist in Planung). Alle Emendationen sind im Anhang einzeln verzeichnet.
Die Fassung Handschrift zeigt die emendierte Wiedergabe der Handschrift. Der originale Zeilenfall ist beibehalten. Diese Fassung wird wegen der Zeilenlänge auf Smartphones nicht angezeigt.

In der Textversion ohne originalen Zeilenfall wird der Zeilenfall mit einem Schrägstrich / angezeigt, die Zeile wird aber nicht umbrochen. Die Zeilenzahl wird alle 10 Zeilen angezeigt.

In der Textversion ohne langes ſ sind das lange ſ und historische Umlautformen der heutigen Darstellungsweise angepasst. Der originale Zeilenumbruch wird nicht angezeigt, Seitenumbrüche bleiben erhalten.

[1] [BKA IV/1 252] [DKV IV 103] [SE:1993 II 546] [Heimböckel:1999 (Reclam) 107] [MA II 618] Oderan]Öderan im Erzgebirge, d.]den 4t ]4. Septbr. 1800, Abends]abends 9 Uhr. ]Uhr

So heißt der Ort, der mich für diese Nacht empfängt. Er ist zwar
von Dir nicht gekannt, aber er sorgt doch für Deine Wünsche Wünsche, [Graph undeutlich] wie für einen
alten Freund.
Denn er bietet mir ein Stübchen an, ganz wie
das Deinige in Frankfurt; u.]und ich werde nicht einschlafen, ohne tausend⸗5
mal
an Dich gedacht zu haben.

[MA II 619] [SE:1993 II 547]

Unsere Reise gieng]ging von Dreßden]Dresden aus süd-westlich,]südwestlich, immer an dem
Fuße des Erzgebirges entlang, über Freiberg nach Oderan.
Die
ganze Gegend sieht aus wie ein bewegtes Meer von Erde.
Das
sind nichts als Wogen, immer die eine kühner als die andern.
10
Doch sahen wir noch nichts von dem eigentlichen Hochgebirge. Bei
Freiberg giengen]gingen wir wieder über denselben Strom, den wir
schon bei Nossen auf der Reise nach Dreßden]Dresden passirt]passiert waren;
welches aber nicht die Mulde ist.
In dem Thale]Tale dieses Flusses
liegt das Bergwerk.
Wir sahen es von Weitem]weitem liegen u.]und mich 15
drängte die Begierde, es zu sehen.
Aber mein Ziel trat mir vor Au⸗
gen
, u.]und in einer halben Stunde hatte ich Freiberg schon wieder
im Rücken.

Hier bin ich nun 6 Meilen von Dreßden.]Dresden. Brokes [Heimböckel:1999 (Reclam) 108] wünscht hier
zu übernachten, aus Gründen, die ich Dir in der Folge mittheilen]mitteilen 20
werde.
Ich benutzte noch die erste Viertelstunde, um Dir an einem
Tage auch noch den zweiten Brief zu schrei[DKV IV 104] ben.
Mein letzter Brief
aus Dreßden]Dresden ist auch vom 4t, ]4., von heute.
Du sollst an Nachrichten
von mir nicht Mangel haben.
Aber diese Absicht ist nun erfüllt,
u.]und eigentlich bin ich herzlich müde.
Also gute Nacht, liebes Mädchen. 25
Morgen schreibe ich mehr.

Kemnitz,]Chemnitz, d. ]den 5t ]5. Septmbr,]September, Morgends]morgens 8 Uhr.

Wie doch zwei Kräfte immer in dem Menschen sich streiten!
Immer weiter von Dir führt mich die eine, die Pflicht, u.]und die andere,
die Neigung, strebt immer wieder zu Dir zurück.
Aber die höhere 30
Macht soll siegen, u.]und sie wird es.
Laß mich nur ruhig meinem
Ziele entgegen gehen, Wilhelmine.
Ich wandle auf einem guten
Wege, das fühle ich an meinem heitern Selbstbewußtsein,
[2] [BKA IV/1 255] an der Zufriedenheit, die mir das Innere durchwärmt.
Wie würde
ich sonst mit solcher Zuversicht zu Dir sprechen?
Wie würde ich sonst 35
Dich noch mit inniger Freude die meinige]Meinige nennen können?
Wie würde
ich die schöne Natur, die jetzt mich umgiebt,]umgibt, so froh u.]und ruhig genießen
können?
Ja, liebes Mädchen, das letzte ist entscheidend. Einsamkeit
in der offnen Natur, das ist der Prüfstein des Gewissens.
In Gesell⸗
schaften
, auf den Straßen, in dem Schauspiele mag es schweigen,40
denn da wirken die Gegenstände nur auf den Verstand u.]und bei ihnen
braucht man kein Herz.
Aber wenn man die weite, edlere, er[SE:1993 II 548] habe⸗
nere
Schöpfung vor sich sieht, — ja da braucht [MA II 620] man ein Herz, da
regt es sich unter der Brust u.]und klopft an das Gewissen.
Der erste
Blick flog in die weite Natur, der zweite schlüpft heimlich in 45
unser innerstes Bewußtsein.
Finden wir uns selbst
häßlich, uns allein in diesem Ideale von Schönheit, ja dann
ist es vorbei mit der Ruhe, u.]und weg ist Freude u.]und Genuß.
Da drückt
es uns die Brust zusammen, wir können das Hohe u.]und Göttliche nicht
fassen, u.]und wandeln stumpf [Heimböckel:1999 (Reclam) 109] u.]und sinnlos wie Sclaven]Sklaven durch die Palläste]Paläste 50
ihrer Herren.
Da ängstigt uns die Stille der Wälder, da schreckt uns
das Geschwätz der Quelle, uns ist die Gegenwart Gottes zur
Last, wir u. wir [Graph undeutlich, ›u.‹ eher gestr.] stürzen uns in das Gewühl der Menschen um uns
selbst unter der Menge zu verlieren, u.]und wünschen uns nie, nie
wiederzufinden.
55

[DKV IV 105]

Wie froh bin ich, daß doch wenigstens ein Mensch in der Welt
ist, der mich ganz versteht.
Ohne Brokes würde mir vielleicht
Heiterkeit, vielleicht selbst Kraft zu meinem Unternehmen fehlen.

Denn ganz auf sein Selbstbewußtsein zurückgewiesen zu sein,
nirgends ein Paar]paar Augen finden, die uns Beifall zuwinken 60
— u.]und doch recht thun,]tun, das soll freilich, sagt man, die Tugend der
Helden sein.
Aber wer weiß ob Christus am Kreuze gethan]getan
haben würde, was er that, wenn
nicht aus dem Kreise wüthender]wütender Verfolger
seine Mutter u.]und seine Jünger feuchte Blicke des Entzückens 65
[3] [BKA IV/1 256] auf ihn geworfen hätten.

Die Post ist vor der Thüre,]Türe, Adieu.]adieu. Ich nehme diesen Brief noch
mit mir.
Er kömmt zwar immer weiter von Dir ab u.]und
später wirst Du ihn nun erhalten.
Aber das Porto
ist theuer,]teuer, u.]und wir beide müssen für ganzes Geld auch das 70
ganze Vergnügen genießen.

Noch einen Gedanken — —. Warum, wirst Du sagen, warum
spreche ich so geheimnißreiche]geheimnisreiche Gedanken halb aus, die ich doch nicht
ganz sagen will?
Warum rede ich von Dingen, die Du nicht verstehn
kannst u.]und sollst?
Liebes Mädchen, ich will es Dir sagen. Wenn ich so 75
etwas schreibe, so denke ich mich immer zwei Monate älter.
Wenn
wir dann einmal, in der Gartenlaube, einsam, diese Briefe
durchblättern werden, und ich Dir solche dunkeln Äußerungen
erklären werde, und Du mit dem Ausruf des Erstaunens: ja so,
so war das gemeint — —
80

Adieu. Der Postillion bläst.

[Heimböckel:1999 (Reclam) 110] [SE:1993 II 549]

Lungwitz, um ½ 11 Uhr. ]Uhr

O welch’]welch ein herrliches Geschenk des Himmels ist ein schönes
[MA II 621] Vaterland!
Wir sind durch ein einziges Thal]Tal gefahren,
romantisch schön.
Da ist Dorf an Dorf, Garten an Garten,85
herrlich bewässert, schöne Gruppen von Bäumen an den Ufern,
Alles]alles wie eine englische Anlage.
Jeder Bauerhof ist eine
Landschaft.
Reinlichkeit u.]und Wohlstand blickt aus Allem]allem hervor.
Man sieht aus dem Ganzen, daß auch der Knecht u.]und die Magd
hier das Leben genießen.
Frohsinn u.]und Wohlwollen [DKV IV 106] spricht uns 90
aus jedem Auge an.
Die Mädchen sind zum Theil]Teil höchst interessant
gebildet.
Das findet man meistens in allen Gebirgen. Wahrlich,
wenn ich Dich nicht hätte, u.]und reich wäre, ich sagte à dieu a toutes
les beautés des villes.
Ich durchreisete die Gebirge, besonders die
dunkeln Thäler,]Täler, spräche ein von Haus zu Haus, und wo ich ein blaues 95
Auge unter dunkeln Augenwimpern, oder bräunliche Locken auf
dem weißen Nacken fände, da wohnte ich ein Weilchen u.]und sähe zu
ob das Mädchen auch im Innern so schön sei, wie von außen.

Wäre das, u.]und wäre auch nur ein Fünkchen von Seele in ihr, ich nähme
sie mit mir, sie auszubilden nach meinem Sinn.
Denn das 100
[4] [BKA IV/1 259] ist nun einmal mein Bedürfniß;]Bedürfnis; u.]und wäre ein Mädchen
auch noch so vollkommen, ist sie fertig, so ist es nichts für
mich.
Ich selbst muß es mir formen u.]und ausbilden, sonst fürchte
ich, geht es mir, wie mit dem Mundstück an meiner Clarinette.]Klarinette.

Die kann man zu Dutzenden auf der Messe kaufen, aber wenn 105
man sie braucht, so ist kein Ton rein.
Da gab mir einst der Mu⸗
sicus]Musikus
Baer in Potsdam ein Stück, mit der Versicherung, das sei
gut, er könne gut darauf spielen.
Ja, er, er [Graph undeutlich] das glaub’ ich. Aber mir gab es
lauter falsche quickende]quieckende Töne an.
Da schnitt ich mir von einem
gesunden Rohre ein Stück ab, formte es nach meinen 110
Lippen, schabte u.]und kratzte mit dem Messer bis es in jeden Ein⸗
schnitt
meines Mundes paßte — — u.]und das gieng]ging herrlich.
Ich
spielte nach Herzenslust. —

[Heimböckel:1999 (Reclam) 111]

Zuweilen bin ich auf Augenblicke ganz vergnügt. Wenn ich so
im offnen Wagen sitze, der Mantel gut geordnet, die Pfeife 115
brennend, neben mir Brockes, tüchtige Pferde, guter Weg, und
immer rechts u.]und links die Erscheinungen wechseln, wie Bilder auf
dem Tuche bei dem Guckkasten — und vor mir das schöne Ziel,
u.]und hinter mir das liebe Mädchen — — u.]und in mir Zufriedenheit
— dann, ja dann bin ich froh, recht herzlich froh.
120

[MA II 622] [SE:1993 II 550]

Wenn Du einmal könntest so neben mir sitzen, zur Linken,
Arm an Arm, Hand in Hand, immer Gedanken wechselnd
und Gefühle, bald mit den Lippen, bald mit den Fingern — ja
das würden schöne, süße herrliche Tage sein.

[DKV IV 107]

Was das Reisen hier schnell geht, das glaubst Du gar nicht. Oder 125
ist es die Zeit, die so schnell verstreicht?
Fünf Uhr war es als wir
von Oderan abfuhren, jetzt ist es ½ 11, also in 5 ½ Stunde 4 Meilen.

Jetzt geht es gleich weiter nach Zwickau.
Wir fliegen wie die Vögel
über die Länder.
Aber dafür lernen wir auch nicht viel.
Einige flüchtige Gedanken sind die ganze Ausbeute unsrer 130
Reise.

Sind Sie in Dreßden]Dresden gewesen? — „Ja, durchgereist.“ — Haben Sie
das grüne Gewölbe gesehen? —
„Nein“ — das]Das Schloß? — „Von außen“.
—
Königsstein? — „Von weitem“ — Pillnitz, Moritzburg? —
„Gar nicht.“ — Mein Gott, wie ist das möglich? — Möglich? Mein 135
Freund, das war nothwendig.]notwendig.

[5] [BKA IV/1 260]

Weil wir eben von Dreßden]Dresden sprechen — da habe ich Dir einige
Ansichten dieser Gegend mitgeschickt.
So kannst Du Dir deutlicher
denken, wo Dein Freund war.
Bei Dreßden,]Dresden, rechts, der grüne
Vordergrund, das ist der Zwinger.
Nein — Eigentlich der Thurm,]Turm, 140
an den der grüne Berg u.]und die grüne Allee stößt, das ist der Zwinger,
d. h. der kurfürstliche Garten.
Auf diesem grünen Berge stand ich u.]und sah über
die Elbbrücke. —
Das Stück von Tharandt ist schlecht. Tausendmal
schöner hat es die Natur gebildet, als dieser Pfuscher von Künstler.

Übrigens kann es doch meine mein [Graph undeutlich] Beschreibung davon 145
erklären.
Der höchste Berg in der [Heimböckel:1999 (Reclam) 112] Mitte, wo die schönsten Sträucher stehen,
da stand ich.
Die Aussicht über den See ist die schönste. Die andern beiden
sind hier versteckt. —
Das dritte Stück: die Halsbrücke zu Freiberg
kaufte ich ebenfalls zu Dreßden]Dresden in Hofnung]Hoffnung sie in natura zu sehen.

Aber daraus ward nichts, nicht einmal von weitem. 150

Adieu, in der nächsten Station noch ein Wort, u.]und dann wird
der Brief zugesiegelt u.]und abgeschickt.

Zwickau, 3 Uhr Nachmittags. ]nachmittags

Jetzt habe ich das Schönste auf meiner ganzen bisherigen Reise
gesehen, u.]und ich will es Dir beschreiben.
155

Es war das Schloß Lichtenstein. Wir sahen von einem hohen Berge
herab, rechts und links dunkle Tannen, ganz wie ein ge[SE:1993 II 551] [MA II 623] wählter
Vordergrund; zwischen durch eine Gegend, [DKV IV 108] ganz wie ein geschloßnes]geschlossnes
Gemälde.
In der Tiefe lag zur Rechten am Wasser das Gebirgsstädtchen; hinter
ihm, ebenfalls zur Rechten, auf der Hälfte eines ganz buschigten Felsens,160
das alte Schloß Lichtenstein; hinter diesem, immer noch zur rechten]Rechten
ein höchster Felsen, auf welchem ein Tempel steht.
Aber zur Linken
öffnet sich ein weites Feld, wie ein Teppich, von Dörfern, Gärten
u.]und Wäldern gewebt.
Ganz im Hintergrunde ahndet das Auge blasse
Gebirge u.]und drüber hin, über die höchste matteste Linie der Berge,165
schimmert der bläuliche Himmel, der Himmel im Norden, der Himmel
von Frankfurt, der Himmel, der mein liebes Minchen beleuchtet,
u.]und beschützen möge, bis ich es einst wieder in meine Arme drücke.

Ja, mein liebes Mädchen, das ist ein ganz andrer Styl]Stil von Gegend,
als man in unserm traurigen märkischen Vaterlande sieht. 170
[6] [BKA IV/1 263] Zwar ist das Thal,]Tal, das die Oder ausspült, besonders bei Frankfurt
sehr reizend.
Aber das ist doch nur ein bloßes Miniatür-Ge⸗
mälde.]Miniatürgemälde.
Hier sieht man die Natur gleichsam in Lebensgröße.
Jenes ist gleichsam wie die Gelegenheitsstücke großer Künstler,
flüchtig gezeichnet, nicht ohne [Heimböckel:1999 (Reclam) 113] meisterhafte Züge, aber ohne Vollendung;175
dieses hingegen ist ein Stück, mit Begeisterung gedichtet, mit
Fleiß u.]und Genie auf das Tableau geworfen, u.]und aufgestellt vor
der Welt mit der Zuversicht auf Bewunderung.

Dabei ist Alles]alles fruchtbar, selbst die höchsten Spitzen bebaut, und
oft bis an die Hälfte des Berges, wie in der Schweiz, laufen 180
saftgrüne Wiesen hinan. —

Aber nun muß ich den Brief zusiegeln. Adieu. Schreibe mir doch
ob Vater u.]und Mutter nicht nach mir gefragt haben; u.]und in welcher Art.

Aber sei ganz aufrichtig. Ich werde ihnen flüchtige Gedanken, die
natürlich sind, nicht verdenken.
Aber bleibe Du standhaft, u.]und verlasse 185
Dich darauf, daß ich diesmal besser für Dich, u.]und also für Deine Eltern
sorge, als je in meinem Leben.

Adieu — Oder soll ich Dir noch einmal schreiben von der
nächsten Station?
Soll ich? — Es ist 3 Uhr, um 6 sind wir in Reichen ⸗
bach
— ja es sei. — Aber für diesen Brief, für dieses [DKV IV 109] Kunststück 190
einen 8 Seiten langen Brief mitten auf einer ununterbrochenen Extra
-Post-Reise]Extrapost-Reise
zu schreiben, dafür, sage ich, [MA II 624] mußt Du du [Graph unklar, bka: ›Du‹] mir auch bei
der Rückkehr entweder — einen Kuß geben, oder [SE:1993 II 552] mir ein
neues Band in den Tobacksbeutel]Tobaksbeutel ziehen.
Denn das alte ist
abgerissen.
195

Aber nun will ich auch einmal etwas essen. Adieu. In Reichenbach
mehr. —

Geschwind noch ein Paar]paar Worte. Der Postillion ist faul u.]und langsam,
ich bin fleißig u.]und schnell.
Das ist natürlich, denn er arbeitet für Geld,
u.]und ich für den Lohn der Liebe.
200

Aber geschwind — Ich bin in die sogenannte große Kirche gewesen,
hier in Zwickau.
Da giebt]gibt es Manches]manches zu sehen.
[7] [BKA IV/1 264] Zuerst ist der Eindruck des Innern angenehm u.]und erhebend.
Ein weites Gewölbe wird von wenigen u.]und doch schlanken Pfeilern
getragen.
Wir sehen es gern, wenn mit geringen Kräften ausgewirkt 205
wird, was große zu erfordern scheint.
Ferner war zu sehn ein
Stück von Lucas Cranach, mit Meisterzügen, aber ohne Plan und
Ordnung, wie die durchlöcherten u.]und gefärbten Stücke, die an den Thüren]Türen [Heimböckel:1999 (Reclam) 114]
der Bauern, Soldaten u.]und Bedienten hangen; doch das kennst Du nicht.

Ferner war zu sehn, ein Model]Modell des heiligen Grabes zu Jerusalem 210
aus Holz geschnitzt &]etc. &]etc.

Dabei fällt mir eine Kirche ein, die ich Dir noch nicht beschrieben
habe; die Nickolskirche zu Leipzig.
Sie ist im Äußern, wie die
Religion, die in ihr gepredigt wird, antik, im Innern nach dem
modernsten Geschmack ausgebaut.
Aus der Kühnheit der äuße⸗215
ren
Wölbungen sprach uns der Götze der abendtheuerlichen]abenteuerlichen
Gothen]Goten zu; aus der edeln Simplicität]Simplizität des Innern wehte uns
der Geist der verfeinerten Griechen an.
Schade daß ein — —
— ich hätte beinah etwas gesagt, was die Priester übelnehmen.

Aber das weiß ich, daß die edeln Gestalten der leblosen Steine 220
wärmer zu meinem Herzen sprachen, als der hochgelehrte
Priester auf seiner Kanzel.

[DKV IV 110]

Reichenbach, Abends]abends 8 Uhr. ]Uhr

Nur zwei Dinge mögte]möchte ich gewiß wissen, dann wollte ich mich
leichter, über den Mangel aller Nachrichten von Dir trösten: erstens 225
ob Du lebst, zweitens, ob Du mich liebst.
Oder nur das Erste;]erste; denn
dies, hoffe ich, schließt bei Dir, wie bei mir, das Andere]andere ein.

Aber am Liebsten]liebsten fast mögte]möchte ich wissen, ob Du ganz ruhig bist.
Wenn Du nur damals an jenem Abend in der Gartenlaube
nicht geweint hättest, als ich Dir einen doppel[MA II 625] sinnigen Gedanken 230
mittheilte,]mitteilte, von dem Du gleich den übelsten Sinn auffaß[SE:1993 II 553] test.
Aber Du versprachst mir Besserung, u.]und wirst Dein Wort
[8] [BKA IV/1 267] halten u.]und vernünftig sein.
Wie sollte es Dich einst reuen,
Wilhelmine, wenn Du mit Beschämung, vielleicht in Kurzem,]kurzem,
einsähest, Deinem redlichsten Freunde mißtraut zu haben.
235
Und wie wird es Dich dagegen mit innigem Entzücken erfüllen,
wenn Du in wenigen Wochen, den Freund, dem den [Graph unklar] Du Alles]alles ver⸗
trautest
, u.]und der Dich in nichts betrog, in die Arme schließen
kannst.

Adieu, liebes Mädchen, jetzt schließe ich den Brief. In der 240
nächsten Station fange ich einen andern Brief an.
Es werden
[Heimböckel:1999 (Reclam) 115] doch Zwischenräume von Tagen sein, ehe Du den folgenden Brief
empfängst.
Vielleicht empfängst Du sie auch alle auf einmal.
—
Aber was ich in der Nacht denken werde weiß ich nicht, denn
es ist finster, u.]und der Mond verhüllt. —
Ich werde ein 245
Gedicht machen.
Und worauf? — Da fielen mir heute
die Nadeln ins Auge, die ich einst in der Gartenlaube auf⸗
suchte
.
Unaufhörlich lagen sie mir im Sinn. Ich werde
in dieser Nacht ein Gedicht auf oder an eine Nadel machen.

Adieu. Schlafe wohl, ich wache für Dich. H. K. 250

N. S. So eben]Soeben höre ich, daß der Waffenstillstand zwischen
Kaiserlichen u.]und Franzosen morgen, d.]den 6t ]6. aufhört.
Wir reisen
grade den Franzosen entgegen, u.]und da wird es was Neues
zu sehen geben.
Wenn nur die Briefe nicht gehindert werden!
Aber Briefe an Damen — die Franzosen sind artig — ich hoffe 255
das Beßte.]Beste.
Fürchte nichts für mich.

19
An Wilhelmine v. Zenge, 04. September 1800

Quellenangaben für Zitation
https://kleist-digital.de/briefe/019, [ggf. Angabe von Zeile/Vers oder Seite], 02.05.2026

Zeilen- u. Seitennavigation
  • Erwähnte Personen
  • Erwähnte Orte
  • Kollation Editionen
  • Stellenkommentar

Apparat

Textwiedergabe nach Kopie der Handschrift. Die Handschrift ist in Besitz von:
Biblioteka Jagiellońska, Kraków; Sammlung Autographa (H. v. Kleist)

Erstdruck: [Bieder:1884] 54–63

Pagina Kleist-Ausgaben
  • [BKA] (018) IV/1 249–267
  • [MA] (018) II 618–625
  • [DKV] (021) IV 103–110
  • [SE:1993] (019) II 546–553
  • [Heimböckel:1999 (Reclam)] (018) 107–115
 Erwähnte Personen
  • []Beer, Joseph (1)
  • []Brockes, Ludwig von (3)
  • []Cranach, Lucas (1)
  • []Jesus Christus (1)
  • []Kleist, Heinrich von (1)
  • []Zenge, Wilhelmine von (9)
  • [»]Alle Personen anzeigen +/–
 Erwähnte Orte
  • []Bergwerk b. Freiberg (1)
  • []Dreßden (8)
  • []Erzgebirge (2)
  • []Frankfurth a Oder (3)
  • []Freiberg (4)
  • []Freiberger Mulde (1)
  • []Große Kirche (1)
  • []Grünes Gewölbe (1)
  • []Hohe Elbbrücke (1)
  • []Jerusalem (1)
  • []Kemnitz (1)
  • []Königstein (1)
  • []Lungwitz (1)
  • []Morizburg (1)
  • []Mulde (1)
  • []Nickolskirche (1)
  • []Nossen (1)
  • []Oder (1)
  • []Oderan (3)
  • []Pilnitz (1)
  • []Potsdam (1)
  • []Reichenbach (3)
  • []Schloß Lichtenstein (2)
  • []Schweiz (1)
  • []Tharandt (1)
  • []Zwickau (3)
  • []Zwinger (2)
  • [»]Alle Orte anzeigen +/–
 Vergleich Editionen

Die durchgeführte Kollation mit unterschiedlichen historischen und aktuellen Kleist-Editionen zeigt bestimmte Lesarten und Emendationen, die von der vorliegenden emendierten Fassung abweichen. In den Anmerkungen finden sich hierzu häufig nähere Erläuterungen. (Gelegentlich ist die Ursache für Abweichungen ein Transkriptionsfehler in der jeweiligen Edition.)

Disclaimer: Abweichungen, die ihren Grund in typographisch bedingten Normalisierungen und Standardisierungen haben, werden nicht angezeigt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden. Mitgeteilte Abweichungen müssen am Original überprüft werden.

[MA:2010] [6 Abw.]
  • 3Wünsche ] Wünsche, [Graph undeutlich]
  • 53wir ] u. wir [Graph undeutlich, ›u.‹ eher gestr.]
  • 108er, ] er [Graph undeutlich]
  • 145meine ] mein [Graph undeutlich]
  • 192Du ] du [Graph unklar, bka: ›Du‹]
  • 237dem ] den [Graph unklar]
Stellenkommentar

82 Lungwitz, Das Dorf wurde auch zu Kleists Zeit schon Oberlungwitz genannt. Siehe HOV

148 dritte Stück:Halsbrücke ist ein Ort 5 km entfernt von Freiberg. Dort gibt es den zwischen 1686 und 1715 gebauten Aquädukt, die Altväterbrücke, die Kleist offensichtlich meint.

152 zugesiegelt u. abgeschickt.Die nächste Station ist Zwickau. Kleist wird den Brief erst in Reichenbach absenden.

198 Postillion franz.: Postillon. Gespannführer der Postkutsche

207 Stück Da ein Cranach nicht zu den Kunstschätzen des St. Marien-Doms zählt(e), meint Kleist vielleicht den sechsflügeligen Wandelaltar, einen spätgotischen Hochaltar des Nürnberger Meisters Michael Wohlgemuth (Entstehung um 1480).

210 Model Holzschnitzwerk, 1507 von Michael Heuffner geschaffen. Siehe auch allg. zu Nachbildungen des Heiligen Grabes.

215 modernsten Geschmack »Die Gestaltung des heutigen Innenraumes der Nikolaikirche geht auf Friedrich Dauthe zurück, der, einer Anregung des französischen Architekten Laugiers folgend, von 1784 bis 1797 alles, was auch nur im Entferntesten an die Gotik erinnerte, entfernte und aus einer gotischen Hallenkirche einen klassizistischen Predigtsaal schuf. Den neuen Bilderschmuck dafür gestaltete Friedrich Oeser, der seine Bilder ausschließlich für den Eingangsbereich und den Altarraum konzipierte.« (zitiert nach Nicolaikirche Leipzig)

251 Waffenstillstand Aufkündigung des Waffenstillstands zwischen Frankreich und Österreich durch General Jean-Victor Moreau. Als Einstiegslektüre zum 2. Koalitionskrieg: Wikipedia.

255 artig ›wohlerzogen, höflich, verbindlich, liebenswürdig, galant‹ (vgl. Goethe-Wörterbuch). Siehe auch ›DWB‹ und ›Adelung‹

WERKE
  • Dramen
  • Erzählungen
  • Lyrik
  • Sonstige Prosa
  • Berliner Abendblätter
  • Phöbus
VERZEICHNISSE
  • Personen
  • Orte
  • Kleist Texte (alphabetisch)
  • Von Kleist erwähnte Werke
  • Literaturverzeichnis
SONSTIGES
  • Über die Edition
  • Kleist-Wörter-Rätsel
  • Handschriften-Simulator
  • Handschriften-Fonts
  • Kontakt Herausgeber
  • Impressum / Haftungsausschluss
  • Datenschutzerklärung
  • Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer
    Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz