[019] An Wilhelmine v. Zenge, 04. September 1800
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[1]
[BKA IV/1 252]
[DKV IV 103]
[SE:1993 II 546]
[Heimböckel:1999 (Reclam) 107]
[MA II 618]
Oderan]Öderan
im
Erzgebirge,
d.]den
4t
]4.
Septbr. 1800, Abends]abends
9
Uhr.
]Uhr
So
heißt
der
Ort, der
mich
für
diese
Nacht
empfängt.
Er
ist
zwar
von
Dir
nicht
gekannt, aber
er
sorgt
doch
für
Deine
Wünsche
Wünsche, [Graph undeutlich]
wie
für
einen
alten
Freund.
Denn
er
bietet
mir
ein
Stübchen
an, ganz
wie
das
Deinige
in
Frankfurt;
u.]und
ich
werde
nicht
einschlafen, ohne
tausend⸗5
mal
an
Dich
gedacht
zu
haben.
Unsere
Reise
gieng]ging
von
Dreßden]Dresden
aus
süd-westlich,]südwestlich,
immer
an
dem
Fuße
des
Erzgebirges
entlang, über
Freiberg
nach
Oderan.
Die
ganze
Gegend
sieht
aus
wie
ein
bewegtes
Meer
von
Erde.
Das
sind
nichts
als
Wogen, immer
die
eine
kühner
als
die
andern.
10
Doch
sahen
wir
noch
nichts
von
dem
eigentlichen
Hochgebirge.
Bei
Freiberg
giengen]gingen
wir
wieder
über
denselben
Strom,
den
wir
schon
bei
Nossen
auf
der
Reise
nach
Dreßden]Dresden
passirt]passiert
waren;
welches
aber
nicht
die
Mulde
ist.
In
dem
Thale]Tale
dieses
Flusses
liegt
das
Bergwerk.
Wir
sahen
es
von
Weitem]weitem
liegen
u.]und
mich
15
drängte
die
Begierde, es
zu
sehen.
Aber
mein
Ziel
trat
mir
vor
Au⸗
gen, u.]und
in
einer
halben
Stunde
hatte
ich
Freiberg
schon
wieder
im
Rücken.
Hier
bin
ich
nun
6
Meilen
von
Dreßden.]Dresden.
Brokes
[Heimböckel:1999 (Reclam) 108]
wünscht
hier
zu
übernachten, aus
Gründen, die
ich
Dir
in
der
Folge
mittheilen]mitteilen
20
werde.
Ich
benutzte
noch
die
erste
Viertelstunde, um
Dir
an
einem
Tage
auch
noch
den
zweiten
Brief
zu
schrei[DKV IV 104] ben.
Mein
letzter
Brief
aus
Dreßden]Dresden
ist
auch
vom
4t,
]4.,
von
heute.
Du
sollst
an
Nachrichten
von
mir
nicht
Mangel
haben.
Aber
diese
Absicht
ist
nun
erfüllt,
u.]und
eigentlich
bin
ich
herzlich
müde.
Also
gute
Nacht,
liebes
Mädchen.
25
Morgen
schreibe
ich
mehr.
Kemnitz,]Chemnitz,
d. ]den
5t
]5.
Septmbr,]September,
Morgends]morgens
8
Uhr.
Wie
doch
zwei
Kräfte
immer
in
dem
Menschen
sich
streiten!
Immer
weiter
von
Dir
führt
mich
die
eine, die
Pflicht, u.]und
die
andere,
die
Neigung, strebt
immer
wieder
zu
Dir
zurück.
Aber
die
höhere
30
Macht
soll
siegen, u.]und
sie
wird
es.
Laß
mich
nur
ruhig
meinem
Ziele
entgegen
gehen,
Wilhelmine.
Ich
wandle
auf
einem
guten
Wege, das
fühle
ich
an
meinem
heitern
Selbstbewußtsein,
[2]
[BKA IV/1 255]
an
der
Zufriedenheit, die
mir
das
Innere
durchwärmt.
Wie
würde
ich
sonst
mit
solcher
Zuversicht
zu
Dir
sprechen?
Wie
würde
ich
sonst
35
Dich
noch
mit
inniger
Freude
die
meinige]Meinige
nennen
können?
Wie
würde
ich
die
schöne
Natur, die
jetzt
mich
umgiebt,]umgibt,
so
froh
u.]und
ruhig
genießen
können?
Ja,
liebes
Mädchen,
das
letzte
ist
entscheidend.
Einsamkeit
in
der
offnen
Natur, das
ist
der
Prüfstein
des
Gewissens.
In
Gesell⸗
schaften,
auf
den
Straßen, in
dem
Schauspiele
mag
es
schweigen,40
denn
da
wirken
die
Gegenstände
nur
auf
den
Verstand
u.]und
bei
ihnen
braucht
man
kein
Herz.
Aber
wenn
man
die
weite, edlere, er[SE:1993 II 548] habe⸗
nere
Schöpfung
vor
sich
sieht, — ja
da
braucht
[MA II 620]
man
ein
Herz, da
regt
es
sich
unter
der
Brust
u.]und
klopft
an
das
Gewissen.
Der
erste
Blick
flog
in
die
weite
Natur, der
zweite
schlüpft
heimlich
in
45
unser
innerstes
Bewußtsein.
Finden
wir
uns
selbst
häßlich, uns
allein
in
diesem
Ideale
von
Schönheit, ja
dann
ist
es
vorbei
mit
der
Ruhe, u.]und
weg
ist
Freude
u.]und
Genuß.
Da
drückt
es
uns
die
Brust
zusammen, wir
können
das
Hohe
u.]und
Göttliche
nicht
fassen, u.]und
wandeln
stumpf
[Heimböckel:1999 (Reclam) 109]
u.]und
sinnlos
wie
Sclaven]Sklaven
durch
die
Palläste]Paläste
50
ihrer
Herren.
Da
ängstigt
uns
die
Stille
der
Wälder, da
schreckt
uns
das
Geschwätz
der
Quelle, uns
ist
die
Gegenwart
Gottes
zur
Last,
wir
u. wir [Graph undeutlich, ›u.‹ eher
gestr.]
stürzen
uns
in
das
Gewühl
der
Menschen
um
uns
selbst
unter
der
Menge
zu
verlieren, u.]und
wünschen
uns
nie, nie
wiederzufinden.
55
Wie
froh
bin
ich, daß
doch
wenigstens
ein
Mensch
in
der
Welt
ist, der
mich
ganz
versteht.
Ohne
Brokes
würde
mir
vielleicht
Heiterkeit, vielleicht
selbst
Kraft
zu
meinem
Unternehmen
fehlen.
Denn
ganz
auf
sein
Selbstbewußtsein
zurückgewiesen
zu
sein,
nirgends
ein
Paar]paar
Augen
finden, die
uns
Beifall
zuwinken
60
— u.]und
doch
recht
thun,]tun,
das
soll
freilich, sagt
man, die
Tugend
der
Helden
sein.
Aber
wer
weiß
ob
Christus
am
Kreuze
gethan]getan
haben
würde, was
er
that, wenn
nicht
aus
dem
Kreise
wüthender]wütender
Verfolger
seine
Mutter
u.]und
seine
Jünger
feuchte
Blicke
des
Entzückens
65
[3]
[BKA IV/1 256]
auf
ihn
geworfen
hätten.
Die
Post
ist
vor
der
Thüre,]Türe,
Adieu.]adieu.
Ich
nehme
diesen
Brief
noch
mit
mir.
Er
kömmt
zwar
immer
weiter
von
Dir
ab
u.]und
später
wirst
Du
ihn
nun
erhalten.
Aber
das
Porto
ist
theuer,]teuer,
u.]und
wir
beide
müssen
für
ganzes
Geld
auch
das
70
ganze
Vergnügen
genießen.
Noch
einen
Gedanken — —.
Warum, wirst
Du
sagen, warum
spreche
ich
so
geheimnißreiche]geheimnisreiche
Gedanken
halb
aus, die
ich
doch
nicht
ganz
sagen
will?
Warum
rede
ich
von
Dingen, die
Du
nicht
verstehn
kannst
u.]und
sollst?
Liebes
Mädchen,
ich
will
es
Dir
sagen.
Wenn
ich
so
75
etwas
schreibe, so
denke
ich
mich
immer
zwei
Monate
älter.
Wenn
wir
dann
einmal, in
der
Gartenlaube, einsam,
diese
Briefe
durchblättern
werden, und
ich
Dir
solche
dunkeln
Äußerungen
erklären
werde, und
Du
mit
dem
Ausruf
des
Erstaunens: ja
so,
so
war
das
gemeint — —
80
Adieu.
Der
Postillion
bläst.
Lungwitz,
um
½
11
Uhr.
]Uhr
O
welch’]welch
ein
herrliches
Geschenk
des
Himmels
ist
ein
schönes
[MA II 621]
Vaterland!
Wir
sind
durch
ein
einziges
Thal]Tal
gefahren,
romantisch
schön.
Da
ist
Dorf
an
Dorf, Garten
an
Garten,85
herrlich
bewässert, schöne
Gruppen
von
Bäumen
an
den
Ufern,
Alles]alles
wie
eine
englische
Anlage.
Jeder
Bauerhof
ist
eine
Landschaft.
Reinlichkeit
u.]und
Wohlstand
blickt
aus
Allem]allem
hervor.
Man
sieht
aus
dem
Ganzen, daß
auch
der
Knecht
u.]und
die
Magd
hier
das
Leben
genießen.
Frohsinn
u.]und
Wohlwollen
[DKV IV 106]
spricht
uns
90
aus
jedem
Auge
an.
Die
Mädchen
sind
zum
Theil]Teil
höchst
interessant
gebildet.
Das
findet
man
meistens
in
allen
Gebirgen.
Wahrlich,
wenn
ich
Dich
nicht
hätte, u.]und
reich
wäre, ich
sagte
à
dieu
a
toutes
les
beautés
des
villes.
Ich
durchreisete
die
Gebirge, besonders
die
dunkeln
Thäler,]Täler,
spräche
ein
von
Haus
zu
Haus, und
wo
ich
ein
blaues
95
Auge
unter
dunkeln
Augenwimpern, oder
bräunliche
Locken
auf
dem
weißen
Nacken
fände, da
wohnte
ich
ein
Weilchen
u.]und
sähe
zu
ob
das
Mädchen
auch
im
Innern
so
schön
sei, wie
von
außen.
Wäre
das, u.]und
wäre
auch
nur
ein
Fünkchen
von
Seele
in
ihr, ich
nähme
sie
mit
mir, sie
auszubilden
nach
meinem
Sinn.
Denn
das
100
[4]
[BKA IV/1 259]
ist
nun
einmal
mein
Bedürfniß;]Bedürfnis;
u.]und
wäre
ein
Mädchen
auch
noch
so
vollkommen, ist
sie
fertig,
so
ist
es
nichts
für
mich.
Ich
selbst
muß
es
mir
formen
u.]und
ausbilden, sonst
fürchte
ich, geht
es
mir, wie
mit
dem
Mundstück
an
meiner
Clarinette.]Klarinette.
Die
kann
man
zu
Dutzenden
auf
der
Messe
kaufen, aber
wenn
105
man
sie
braucht, so
ist
kein
Ton
rein.
Da
gab
mir
einst
der
Mu⸗
sicus]Musikus
Baer
in
Potsdam
ein
Stück, mit
der
Versicherung, das
sei
gut,
er
könne
gut
darauf
spielen.
Ja,
er,
er [Graph undeutlich]
das
glaub’
ich.
Aber
mir
gab
es
lauter
falsche
quickende]quieckende
Töne
an.
Da
schnitt
ich
mir
von
einem
gesunden
Rohre
ein
Stück
ab, formte
es
nach
meinen
110
Lippen, schabte
u.]und
kratzte
mit
dem
Messer
bis
es
in
jeden
Ein⸗
schnitt
meines
Mundes
paßte — — u.]und
das
gieng]ging
herrlich.
Ich
spielte
nach
Herzenslust. —
Zuweilen
bin
ich
auf
Augenblicke
ganz
vergnügt.
Wenn
ich
so
im
offnen
Wagen
sitze, der
Mantel
gut
geordnet, die
Pfeife
115
brennend, neben
mir
Brockes,
tüchtige
Pferde, guter
Weg, und
immer
rechts
u.]und
links
die
Erscheinungen
wechseln, wie
Bilder
auf
dem
Tuche
bei
dem
Guckkasten — und
vor
mir
das
schöne
Ziel,
u.]und
hinter
mir
das
liebe
Mädchen
— — u.]und
in
mir
Zufriedenheit
— dann, ja
dann
bin
ich
froh, recht
herzlich
froh.
120
Wenn
Du
einmal
könntest
so
neben
mir
sitzen, zur
Linken,
Arm
an
Arm, Hand
in
Hand, immer
Gedanken
wechselnd
und
Gefühle, bald
mit
den
Lippen, bald
mit
den
Fingern — ja
das
würden
schöne, süße
herrliche
Tage
sein.
Was
das
Reisen
hier
schnell
geht, das
glaubst
Du
gar
nicht.
Oder
125
ist
es
die
Zeit, die
so
schnell
verstreicht?
Fünf
Uhr
war
es
als
wir
von
Oderan
abfuhren, jetzt
ist
es
½
11, also
in
5
½
Stunde
4
Meilen.
Jetzt
geht
es
gleich
weiter
nach
Zwickau.
Wir
fliegen
wie
die
Vögel
über
die
Länder.
Aber
dafür
lernen
wir
auch
nicht
viel.
Einige
flüchtige
Gedanken
sind
die
ganze
Ausbeute
unsrer
130
Reise.
Sind
Sie
in
Dreßden]Dresden
gewesen? —
„Ja, durchgereist.“ —
Haben
Sie
das
grüne
Gewölbe
gesehen? —
„Nein“ — das]Das
Schloß? —
„Von
außen“.
—
Königsstein? —
„Von
weitem“ —
Pillnitz,
Moritzburg? —
„Gar
nicht.“ —
Mein
Gott, wie
ist
das
möglich? —
Möglich?
Mein
135
Freund, das
war
nothwendig.]notwendig.
Weil
wir
eben
von
Dreßden]Dresden
sprechen — da
habe
ich
Dir
einige
Ansichten
dieser
Gegend
mitgeschickt.
So
kannst
Du
Dir
deutlicher
denken, wo
Dein
Freund
war.
Bei
Dreßden,]Dresden,
rechts, der
grüne
Vordergrund, das
ist
der
Zwinger.
Nein — Eigentlich
der
Thurm,]Turm,
140
an
den
der
grüne
Berg
u.]und
die
grüne
Allee
stößt, das
ist
der
Zwinger,
d.
h.
der
kurfürstliche
Garten.
Auf
diesem
grünen
Berge
stand
ich
u.]und
sah
über
die
Elbbrücke.
—
Das
Stück
von
Tharandt
ist
schlecht.
Tausendmal
schöner
hat
es
die
Natur
gebildet, als
dieser
Pfuscher
von
Künstler.
Übrigens
kann
es
doch
meine
mein [Graph undeutlich]
Beschreibung
davon
145
erklären.
Der
höchste
Berg
in
der
[Heimböckel:1999 (Reclam) 112]
Mitte, wo
die
schönsten
Sträucher
stehen,
da
stand
ich.
Die
Aussicht
über
den
See
ist
die
schönste.
Die
andern
beiden
sind
hier
versteckt. —
Das
dritte
Stück:
die
Halsbrücke
zu
Freiberg
kaufte
ich
ebenfalls
zu
Dreßden]Dresden
in
Hofnung]Hoffnung
sie
in
natura
zu
sehen.
Aber
daraus
ward
nichts, nicht
einmal
von
weitem.
150
Adieu, in
der
nächsten
Station
noch
ein
Wort, u.]und
dann
wird
der
Brief
zugesiegelt
u.]und
abgeschickt.
Zwickau,
3
Uhr
Nachmittags.
]nachmittags
Jetzt
habe
ich
das
Schönste
auf
meiner
ganzen
bisherigen
Reise
gesehen, u.]und
ich
will
es
Dir
beschreiben.
155
Es
war
das
Schloß
Lichtenstein.
Wir
sahen
von
einem
hohen
Berge
herab, rechts
und
links
dunkle
Tannen, ganz
wie
ein
ge[SE:1993 II 551]
[MA II 623] wählter
Vordergrund; zwischen
durch
eine
Gegend, [DKV IV 108]
ganz
wie
ein
geschloßnes]geschlossnes
Gemälde.
In
der
Tiefe
lag
zur
Rechten
am
Wasser
das
Gebirgsstädtchen; hinter
ihm, ebenfalls
zur
Rechten, auf
der
Hälfte
eines
ganz
buschigten
Felsens,160
das
alte
Schloß
Lichtenstein;
hinter
diesem, immer
noch
zur
rechten]Rechten
ein
höchster
Felsen, auf
welchem
ein
Tempel
steht.
Aber
zur
Linken
öffnet
sich
ein
weites
Feld, wie
ein
Teppich, von
Dörfern, Gärten
u.]und
Wäldern
gewebt.
Ganz
im
Hintergrunde
ahndet
das
Auge
blasse
Gebirge
u.]und
drüber
hin, über
die
höchste
matteste
Linie
der
Berge,165
schimmert
der
bläuliche
Himmel, der
Himmel
im
Norden, der
Himmel
von
Frankfurt,
der
Himmel, der
mein
liebes
Minchen
beleuchtet,
u.]und
beschützen
möge, bis
ich
es
einst
wieder
in
meine
Arme
drücke.
Ja, mein
liebes
Mädchen,
das
ist
ein
ganz
andrer
Styl]Stil
von
Gegend,
als
man
in
unserm
traurigen
märkischen
Vaterlande
sieht. 170
[6]
[BKA IV/1 263]
Zwar
ist
das
Thal,]Tal,
das
die
Oder
ausspült, besonders
bei
Frankfurt
sehr
reizend.
Aber
das
ist
doch
nur
ein
bloßes
Miniatür-Ge⸗
mälde.]Miniatürgemälde.
Hier
sieht
man
die
Natur
gleichsam
in
Lebensgröße.
Jenes
ist
gleichsam
wie
die
Gelegenheitsstücke
großer
Künstler,
flüchtig
gezeichnet, nicht
ohne
[Heimböckel:1999 (Reclam) 113]
meisterhafte
Züge, aber
ohne
Vollendung;175
dieses
hingegen
ist
ein
Stück, mit
Begeisterung
gedichtet, mit
Fleiß
u.]und
Genie
auf
das
Tableau
geworfen, u.]und
aufgestellt
vor
der
Welt
mit
der
Zuversicht
auf
Bewunderung.
Dabei
ist
Alles]alles
fruchtbar, selbst
die
höchsten
Spitzen
bebaut, und
oft
bis
an
die
Hälfte
des
Berges, wie
in
der
Schweiz,
laufen
180
saftgrüne
Wiesen
hinan. —
Aber
nun
muß
ich
den
Brief
zusiegeln.
Adieu.
Schreibe
mir
doch
ob
Vater
u.]und
Mutter
nicht
nach
mir
gefragt
haben; u.]und
in
welcher
Art.
Aber
sei
ganz
aufrichtig.
Ich
werde
ihnen
flüchtige
Gedanken, die
natürlich
sind, nicht
verdenken.
Aber
bleibe
Du
standhaft, u.]und
verlasse
185
Dich
darauf, daß
ich
diesmal
besser
für
Dich, u.]und
also
für
Deine
Eltern
sorge, als
je
in
meinem
Leben.
Adieu —
Oder
soll
ich
Dir
noch
einmal
schreiben
von
der
nächsten
Station?
Soll
ich? —
Es
ist
3
Uhr, um
6
sind
wir
in
Reichen
⸗
bach
— ja
es
sei. —
Aber
für
diesen
Brief, für
dieses
[DKV IV 109]
Kunststück
190
einen
8
Seiten
langen
Brief
mitten
auf
einer
ununterbrochenen
Extra
-Post-Reise]Extrapost-Reise
zu
schreiben, dafür, sage
ich, [MA II 624]
mußt
Du
du [Graph unklar, bka: ›Du‹]
mir
auch
bei
der
Rückkehr
entweder — einen
Kuß
geben, oder
[SE:1993 II 552]
mir
ein
neues
Band
in
den
Tobacksbeutel]Tobaksbeutel
ziehen.
Denn
das
alte
ist
abgerissen.
195
Aber
nun
will
ich
auch
einmal
etwas
essen.
Adieu.
In
Reichenbach
mehr. —
Geschwind
noch
ein
Paar]paar
Worte.
Der
Postillion
ist
faul
u.]und
langsam,
ich
bin
fleißig
u.]und
schnell.
Das
ist
natürlich, denn
er
arbeitet
für
Geld,
u.]und
ich
für
den
Lohn
der
Liebe.
200
Aber
geschwind —
Ich
bin
in
die
sogenannte
große
Kirche
gewesen,
hier
in
Zwickau.
Da
giebt]gibt
es
Manches]manches
zu
sehen.
[7]
[BKA IV/1 264]
Zuerst
ist
der
Eindruck
des
Innern
angenehm
u.]und
erhebend.
Ein
weites
Gewölbe
wird
von
wenigen
u.]und
doch
schlanken
Pfeilern
getragen.
Wir
sehen
es
gern, wenn
mit
geringen
Kräften
ausgewirkt
205
wird, was
große
zu
erfordern
scheint.
Ferner
war
zu
sehn
ein
Stück
von
Lucas
Cranach,
mit
Meisterzügen, aber
ohne
Plan
und
Ordnung, wie
die
durchlöcherten
u.]und
gefärbten
Stücke, die
an
den
Thüren]Türen
[Heimböckel:1999 (Reclam) 114]
der
Bauern, Soldaten
u.]und
Bedienten
hangen; doch
das
kennst
Du
nicht.
Ferner
war
zu
sehn, ein
Model]Modell
des
heiligen
Grabes
zu
Jerusalem
210
aus
Holz
geschnitzt
&]etc.
&]etc.
Dabei
fällt
mir
eine
Kirche
ein, die
ich
Dir
noch
nicht
beschrieben
habe; die
Nickolskirche
zu
Leipzig.
Sie
ist
im
Äußern, wie
die
Religion, die
in
ihr
gepredigt
wird, antik, im
Innern
nach
dem
modernsten
Geschmack
ausgebaut.
Aus
der
Kühnheit
der
äuße⸗215
ren
Wölbungen
sprach
uns
der
Götze
der
abendtheuerlichen]abenteuerlichen
Gothen]Goten
zu; aus
der
edeln
Simplicität]Simplizität
des
Innern
wehte
uns
der
Geist
der
verfeinerten
Griechen
an.
Schade
daß
ein — —
— ich
hätte
beinah
etwas
gesagt, was
die
Priester
übelnehmen.
Aber
das
weiß
ich, daß
die
edeln
Gestalten
der
leblosen
Steine
220
wärmer
zu
meinem
Herzen
sprachen, als
der
hochgelehrte
Priester
auf
seiner
Kanzel.
Reichenbach,
Abends]abends
8
Uhr.
]Uhr
Nur
zwei
Dinge
mögte]möchte
ich
gewiß
wissen, dann
wollte
ich
mich
leichter, über
den
Mangel
aller
Nachrichten
von
Dir
trösten: erstens
225
ob
Du
lebst,
zweitens, ob
Du
mich
liebst.
Oder
nur
das
Erste;]erste;
denn
dies, hoffe
ich, schließt
bei
Dir, wie
bei
mir, das
Andere]andere
ein.
Aber
am
Liebsten]liebsten
fast
mögte]möchte
ich
wissen, ob
Du
ganz
ruhig
bist.
Wenn
Du
nur
damals
an
jenem
Abend
in
der
Gartenlaube
nicht
geweint
hättest, als
ich
Dir
einen
doppel[MA II 625] sinnigen
Gedanken
230
mittheilte,]mitteilte,
von
dem
Du
gleich
den
übelsten
Sinn
auffaß[SE:1993 II 553] test.
Aber
Du
versprachst
mir
Besserung, u.]und
wirst
Dein
Wort
[8]
[BKA IV/1 267]
halten
u.]und
vernünftig
sein.
Wie
sollte
es
Dich
einst
reuen,
Wilhelmine,
wenn
Du
mit
Beschämung, vielleicht
in
Kurzem,]kurzem,
einsähest, Deinem
redlichsten
Freunde
mißtraut
zu
haben.
235
Und
wie
wird
es
Dich
dagegen
mit
innigem
Entzücken
erfüllen,
wenn
Du
in
wenigen
Wochen, den
Freund,
dem
den [Graph unklar]
Du
Alles]alles
ver⸗
trautest,
u.]und
der
Dich
in
nichts
betrog, in
die
Arme
schließen
kannst.
Adieu,
liebes
Mädchen,
jetzt
schließe
ich
den
Brief.
In
der
240
nächsten
Station
fange
ich
einen
andern
Brief
an.
Es
werden
[Heimböckel:1999 (Reclam) 115]
doch
Zwischenräume
von
Tagen
sein, ehe
Du
den
folgenden
Brief
empfängst.
Vielleicht
empfängst
Du
sie
auch
alle
auf
einmal.
—
Aber
was
ich
in
der
Nacht
denken
werde
weiß
ich
nicht, denn
es
ist
finster, u.]und
der
Mond
verhüllt. —
Ich
werde
ein
245
Gedicht
machen.
Und
worauf? —
Da
fielen
mir
heute
die
Nadeln
ins
Auge, die
ich
einst
in
der
Gartenlaube
auf⸗
suchte.
Unaufhörlich
lagen
sie
mir
im
Sinn.
Ich
werde
in
dieser
Nacht
ein
Gedicht
auf
oder
an
eine
Nadel
machen.
Adieu.
Schlafe
wohl, ich
wache
für
Dich.
H.
K.
250
N.
S.
So
eben]Soeben
höre
ich, daß
der
Waffenstillstand
zwischen
Kaiserlichen
u.]und
Franzosen
morgen, d.]den
6t
]6.
aufhört.
Wir
reisen
grade
den
Franzosen
entgegen, u.]und
da
wird
es
was
Neues
zu
sehen
geben.
Wenn
nur
die
Briefe
nicht
gehindert
werden!
Aber
Briefe
an
Damen — die
Franzosen
sind
artig
— ich
hoffe
255
das
Beßte.]Beste.
Fürchte
nichts
für
mich.
