[018] An Wilhelmine v. Zenge, 03. September 1800
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[1]
[BKA IV/1 232]
[DKV IV 94]
[SE:1993 II 538]
[Heimböckel:1999 (Reclam) 98]
[MA II 610]
Dreßden,]Dresden,
d.]den
3t
3t (und 4.)
]3.
Septmbr]September
1800,
früh
5
Uhr.
]Uhr (und 4. September)
Gestern, d.
2t
]2.
Septmbr.]September
spät
um
10
Uhr
Abends]abends
traf
ich
nach
einer
34stündigen
Reise
in
diese
Stadt
ein.
Noch
habe
ich
nichts
von
ihr
gesehen, nicht
sie
selbst, nicht
ihre
Lage, nicht
die
Elbe,
die
den
Strom, der
sie
durchschneidet, nicht
die
Höhen, die
sie
5
umkränzen; u.]und
wenn
ich
schreibe, daß
ich
in
Dreßden]Dresden
bin, so
glaube
ich
das
bloß, noch
weiß
ich
es
nicht.
Und
freilich — es
wäre
wohl
der
Mühe
werth,]wert,
sich
davon
zu
überzeugen.
Der
Morgen
ist
schön.
Lange
wird
mein
Aufenthalt
hier
nicht
währen.
Vielleicht
muß
ich
es
morgen
schon
wieder
verlassen.
Morgen?
das
10
schöne
Dreßden?]Dresden?
Ohne
es
gesehen
zu
haben?
Rasch
ein
Spaziergang —
Nein — und
wenn
ich
es
nie
sehen
sollte!
Ich
könnte
Dir
dann
viel⸗
leicht
von
hier
gar
nicht
schreiben, u.]und
so
erfülle
ich
denn
lieber
jetzt
gleich
meine
Pflicht.
Ich
will
durch
diese
immer
wiederholten
Briefe, durch
diese
fast
15
ununterbrochene
Unterhaltung
mit
Dir, durch
diese
nie
ermüdende
Sorgfalt
für
Deine
Ruhe, bewirken, daß
Du
zuweilen, wenn
das
Verhältniß]Verhältnis
des
Augenblicks
Dich
beklommen
macht, wenn
fremde
Zweifel
u.]und
fremdes
Mistrauen]Mißtrauen
Dich
beunruhigen, mit
Sicherheit, mit
Zuversicht,
mit
tiefempfunden
tiefempfundnem
tiefempfundnem
]tiefempfundnem
Bewußtsein
zu
Dir
selbst
sagen
mögest: ja, es
20
ist
gewiß,
es
ist
gewiß,
daß
er
mich
liebt!
Wenn
Du
mir
nur
eine
Ahndung
von
Zweifel
hättest
erblicken
lassen,
gewiß, mir
würde
Deine
Ruhe
weniger
am
Herzen
liegen.
Aber
da
Du
Dich
mit
Deiner
ganzen
offnen
Seele
mir
anvertraut
hast, so
will
ich
jede
Gelegenheit
benutzen, jeden
Augenblick
ergreifen, um
Dir
zu
zeigen, 25
daß
ich
Dein
Vertrauen
auch
vollkommen
verdiene.
Darum
ordne
ich
auch
jetzt
das
Vergnügen, diese
schöne
Stadt
zu
sehen,
meiner
Pflicht, Dir
Nachricht
von
mir
zu
[Heimböckel:1999 (Reclam) 99]
geben, unter; oder
eigentlich
vertausche
ich
nur
jenes
Vergnügen
mit
einem
andern, wobei
mein
Herz
u.]und
mein
Gefühl
noch
mehr
genießt.
30
Mein
Aufenthalt
wird
hier
wahrscheinlich
nur
von
sehr
kurzer
Dauer
sein.
So
eben]Soeben
geht
die
Post
nach
Prag
ab
u.]und
in
8
Tagen
nicht
wieder.
Uns
bleibt
also
nichts
übrig
als
Extra-Post]Extrapost
zu
nehmen, sobald
unsre
[2]
[BKA IV/1 235]
Geschäfte
bei
dem
englischen
Gesandten
abgethan]abgetan
sind.
Daher
will
ich
Dir
so
kurz
als
möglich
den
Verlauf
meiner
Reise
von
Leipzig
nach
35
Dreßden]Dresden
mittheilen.]mitteilen.
Als
wir
von
Leipzig
abreiseten (Mittags]mittags
d.
1t]1.
Septmbr) hatten
wir
unser
gewöhnliches
Schicksal, schlechtes
Wetter.
Wir
[SE:1993 II 540]
empfanden
es
auf
dem
offnen
Postwagen
doppelt
unangenehm.
Die
Gegend
schien
fruchtbar
u.]und
blühend, aber
die
Sonne
war
hinter
einen
Schleier
von
Regenwolken
40
versteckt
u.]und
wenn
die
Könige
trauern,
so
trauert
auch
das
Land.
So
kamen
wir
über
immer
noch
ziemlich
flachen
Lande
gegen
Abend,
nach
Grimma.
Als
es
schon
finster
war, fuhren
wir
wieder
ab.
Denke
Dir
unser
Erstaunen, als
wir
uns
dicht
vor
den
Thoren]Toren
dieser
Stadt, plötz⸗
lich
in
der
Mitte
eines
Gebirges
sahen.
Dicht
vor
uns
lag
eine
Landschaft, 45
[DKV IV 96]
ganz
wie
ein
transparentes
Stück.
Wir
fuhren
auf
einem
schauerlich
schönen
Wege, der
auf
der
halben
Höhe
eines
Felsens
in
Stein
gehauen
war.
Rechts
der
steile
Felsen
selbst, mit
überhangendem
Ge[MA II 612] büsch,
links
der
schroffe
Abgrund, der
den
Lauf
der
Mulde
beugt, jenseits
des
reißenden
Stromes
dunkelschwarze
hohe
belaubte
Felsen, über
welche
in
einem
50
ganz
erheiterten
Himmel
der
Mond
heraufstieg.
Um
das
Stück
zu
vollenden
lag
vor
uns, am
Ufer
der
Mulde,
auf
einem
einzelnen
hohen
Felsen, ein
zweistockhohes
viereckiges
Haus,
dessen
Fenster
sämmtlich,]sämtlich,
wie
absichtlich, erleuchtet
waren.
Wir
konnten
nicht
erfahren, was
diese
seltsame
Anstalt
zu
bedeuten
habe, u.]und
fuhren, immer
mit
hochgehobnen
Augen, daran
55
vorbei, sinnend
u.]und
forschend, wie
man
bei
einem
Feenschlosse
vorbeigeht.
So
reizend
war
der
Eingang
in
eine
reizende
Nacht.
Der
Weg
gieng
ging
]ging
immer
am
Ufer
der
Mulde
entlang, bei
Felsen
vorbei, die
wie
Nacht⸗
gestalten
vom
Monde
erleuchtet
waren.
Der
Himmel
war
durchaus
heiter,
der
Mond
voll, die
Luft
rein, das
Ganze
herrlich.
Kein
Schlaf
60
kam
in
den
ersten
Stunden
auf
meine
Augen.
Die
Natur
u.]und
meine
brennende
Pfeife
erhielten
mich
wach.
Mein
Auge
wich
nicht
vom
Monde.
Ich
dachte
an
Dich, u.]und
suchte
den
Punct]Punkt
im
Monde, auf
welchem
vielleicht
Dein
Auge
ruhte, u.]und
maß
in
Gedanken
den
Winkel
den
unsre
Blicke
im
Monde
machten, u.]und
träumte
mich
zurück
auf
der
Linie
Deines
Blickes, um
so
65
Dich
zu
finden, bis
ich
Dich
endlich
wirklich
im
Traume
fand.
Als
ich
erwachte
waren
wir
in
Waldheim,
einem
Städtchen, das
wieder
an
der
Mulde
liegt.
Besonders
als
wir
es
schon
im
Rücken
hatten
u.]und
das
Gebirgs⸗
[3]
[BKA IV/1 236] städtchen
hinter
uns
im
niedrigen
Thale]Tale
lag, von
buschigten
Höhen
umlagert,
gab
es
eine
reizende
Ansicht.
Wir
fuhren
nun
immer
an
dem
Fuße
des
Erz⸗70
gebirges
[SE:1993 II 541]
oder
an
seinem
Vorgebirge
entlang.
Hin
u.]und
wieder
blickten
nackte
Granitblöcke
aus
den
Hügeln
hervor.
Die
ganze
Gebirgsart
ist
aber
Schifer,]Schiefer,
welcher, wegen
seiner
geblätterten
Tafeln, ein
noch
wilderes
zerrisseneres
Ansehn
hat, als
der
Granit
selbst.
Die
allgemeine
[DKV IV 97]
Pflanze
war
die
Harz-Tanne;]Harztanne;
ein
schöner
Baum
an
sich, der
ein
gewisses
75
ernstes
Ansehn
hat, der
aber
die
Gegend
auf
welcher
er
steht
meistens
öde
macht, vielleicht
wegen
seines
dunkeln
Grüns, oder
wegen
des
tiefen
Schweigens
das
in
dem
Schatten
seines
Laubes
waltet.
Denn
es
sind
nur
einige
wenige, ganz
kleine
Vögelarten, die, außer
Uhu
u.]und
Eule, in
diesem
Baume
nisten.
80
Ich
gieng]ging
an
dem
Ufer
eines
kleinen
Waldbachs
entlang.
Ich
[MA II 613]
lächelte
über
seine
Eilfertigkeit, mit
welcher
er
schwatzhaft
u.]und
geschmeidig
über
die
Steine
hüpfte.
Das
ruht
nicht
eher, dachte
ich, als
bis
es
im
Meere
ist; u.]und
dann
fängt
es
seinen
Weg
von
vorn
an. —
Und
doch — wenn
es
still
steht, wie
in
dieser
Pfütze, so
verfault
es
u.]und
stinkt.
85
Wir
fanden
dieses
Gebirge
wie
alle, sehr
bebaut
u.]und
bewohnt; lange
Dörfer,
alle
Häuser
2
Stock
hoch, meistens
mit
Ziegeln
gedeckt; die
Thäler]Täler
grün,
fruchtbar, zu
Gärten
gebildet; die
Menschen
warm
u.]und
herzlich, meistens
schön
gestaltet, besonders
die
Mädchen.
Das
Enge
der
Gebirge
scheint
über⸗
haupt
auf
das
Gefühl
zu
wirken
u.]und
man
findet
darin
viele
Gefühlsphilosophen,
90
Menschenfreunde, Freunde
der
Künste, besonders
der
Musik.
Das
Weite
des
platten
Landes
hingegen
wirkt
mehr
auf
den
Verstand
u.]und
hier
findet
man
die
Denker
u.]und
Vielwisser.
Ich
möchte
an
einem
Orte
gebohren]geboren
sein, wo
die
Berge
nicht
zu
eng, die
Flächen
nicht
zu
weit
sind.
Es
ist
mir
lieb, daß
hinter
Deinem
Hause
die
Laube
eng
u.]und
dunkel
ist.
Da
lernt
man
fühlen, was
95
man
in
den
Hörsälen
nur
zu
oft
verlernt.
Aber
überhaupt
steht
der
Sachse
auf
einem
höhern
Grad
der
Cultur,]Kultur,
als
unsre
Landleute.
Du
solltest
einmal
hören, mit
welcher
Gewandheit]Gewandtheit
ein
solches
sächsisches
Mädchen
auf
Fragen
antwortet.
Unsre (maulfaulen)
Brandenburgerinnen
würden
Stunden
brauchen, um
abzuthun,]abzutun,
was
hier
in
Minuten
100
abgethan]abgetan
wird.
Auch
findet
man
häufig
selbst
in
den
Dörfern
Lauben, Gärten,
Kegelbahnen
&]etc.
so, daß
hier
nicht
bloß, wie
bei
uns, für
das
Bedürfniß]Bedürfnis
gesorgt
ist, sondern
daß
man
schon
einen
Schritt
weiter
gerückt
ist, u.]und
auch
an
das
Vergnügen
denkt.
Mittags (d.
2t
)
passirten]passierten
wir
Nossen
u.
und
]und
zum
drittenmale
die
Mulde,
105
die
hier
eine
fast
noch
reizendere
Ansicht
bildet.
Das
östliche
Ufer
[4]
[BKA IV/1 239]
ist
sanft
abhangend, das
westliche
steil, felsig
u.]und
buschig.
Um
die
Kante
eines
Einschnittes
liegt
das
Städtchen
Nossen,
auf
einem
Vorsprung, dicht
an
der
Mulde,
ein
altes
Schloß.
Rechts
offnet
öffnet
]öffnet
sich
die
Aussicht
durch
das
Mulde⸗
thal
nach
den
Ruinen
des
Klosters
Zelle.
110
In
diesem
Kloster
liegen
seit
uralten
Zeiten
die
Leichname
aller
Mark⸗
grafen
von
Meißen.
In
neuern
Zeiten
hat
man
jedem
derselben
ein
Monu⸗
ment
geben
wollen.
Man
hat
daher
[MA II 614]
die
Skelette
ausgegraben,
u.]und
die
Knochen
eines
Jeden
möglichst
genau
zusammengesucht, wobei
es
indessen
[Heimböckel:1999 (Reclam) 102]
immer
noch
zweifelhaft
bleibt, ob
Jeder
auch
wirklich
den
Kopf
bekommen
hat, der
115
ihm
gehört.
Gegen
Abend
kamen
wir
über
Wilsdruf,
nach
den
Höhen
von
Kesselsdorf;
ein
Ort, der
berühmt
ist, weil
in
seiner
Nähe
ein
Sieg
erfochten
worden
ist.
So
kann
man
sich
Ruhm
erwerben
in
der
Welt, ohne
selbst
das
Mindeste]mindeste
dazu
beizu⸗
tragen.
120
Es
war
schon
ganz
finster, als
wir
von
den
Elbhöhen
herabfuhren,
u.]und
im
Mondschein
die
Thürme]Türme
von
Dreßden]Dresden
erblickten.
Grade
jener
vortheilhafte]vorteilhafte
Schleier
lag
über
die
Stadt, der
uns, wie
Wieland
sagt, mehr
erwarten
läßt, als
versteckt
ist.
Man
führte
uns
durch
enge
Gassen, zwischen
hohen
meistens
5]fünf-
bis
6]sechs-
Stöckigen]stöckigen
Häusern
entlang
bis
in
die
Mitte
der
Stadt, 125
u.]und
sagte
uns
vor
der
Post,
daß
wir
am
Ziele
unsrer
Reise
wären.
Es
war
½
11
Uhr.
Aber
da
die
Elbbrücke
nicht
weit
war, so
eilten
wir
schnell
dahin, sahen
rechts
die
Altstadt,
im
Dunkel, links
die
Neustadt,
im
Dunkel, im
Hintergrunde
die
hohen
Elbufer, im
Dunkel, kurz
alles
in
im
Dunkel
gehüllt, u.]und
giengen]gingen
zurück, mit
dem
Entschluß, wiederzukehren,
130
sobald
nur
die
große
Lampe
im
Osten
angesteckt
sei.
———
Liebes
Minchen.
So
eben]Soeben
kommen
wir
von
dem
engl.
Ambassadeur,
Lord
Elliot
zurück, wo
wir
Dinge
gehört
haben, die
uns
bewegen,
nicht
nach
Wien
zu
gehen, sondern
ent[DKV IV 99] weder
nach
Würzburg
oder
nach
135
Straßburg.
Sei
ruhig, u.]und
wenn
das
Herzchen
unruhig
wird, so
ließ]lies
die
Instruction]Instruktion
durch, oder
besieh’
Deine
neue
Tasse
von
oben
und
unten.
Diese
Veränderung
unseres
Reiseplans
hat
ihre
Schwierigkei[SE:1993 II 543] ten, die
jedoch
nicht
unüberwindlich
sind; 140
besonders
wegen
Deiner
Briefe, die
ich
in
Wien
getroffen
haben
würde.
Doch
ich
werde
schon
noch
Mittel
aussinnen, u.]und
sie
Dir
am
Ende
dieses
Briefes
mittheilen.]mitteilen.
Übrigens
bleibt
Alles]alles
beim
Alten.]alten.
Ich
gehe
nicht
weiter, als
an
einen
dieser
Orte, u.]und
kehre
zu
der
einmal
bestimmten
Zeit, nämlich
vor
d.]dem
1t
]1.
Novmbr]November
145
gewiß
zurück, wenn
nicht
vielleicht
noch
früher.
Denke
nicht
darüber
nach, u.]und
halte
Dich, wenn
die
Unmög[MA II 615] lichkeit, mich
zu
begreifen, Dich
beunruhigt, mit
blinder
Zuversicht
an
Deinem
Vertrauen
zu
meiner
Redlichkeit, das
Dich
dich
nicht
täuschen
wird, so
wahr
Gott
über
mich
lebt.
Einst
wirst
Du
Alles]alles
erfahren, u.]und
mir
mit
Thränen]Tränen
danken.
150
Täglich
werde
ich
Dir
schreiben.
Ich
reise
morgen
von
hier
wieder
ab, und
werde
Tag
u.]und
Nacht
nicht
ruhen.
Aber
ein
Stündchen
werde
ich
doch
erübrigen,
Dir
zu
schreiben.
Mehr
kann
ich
jetzt
für
Deine
Ruhe
nicht
thun,]tun,
liebes,
geliebtes
Mädchen.
Abends
um
8
Uhr. ]Uhr
155
Ich
habe
den
übrigen
Theil]Teil
des
heutigen
Tages
dazu
angewendet, einige
Merkwürdigkeiten
von
Dreßden]Dresden
zu
sehen, und
will
Dir, was
ich
sah
u.]und
dachte
u.]und
fühlte, mittheilen.]mitteilen.
Dreßden]Dresden
hat
enge
Straßen, meistens
5
bis
6
Stock
hohe
Häuser, viel
Leben
u.]und
Thätigkeit,]Tätigkeit,
wenig
Pracht
u.]und
Geschmack.
Die
Elbbrücke
ist
ganz
160
von
Stein, aber
nicht
prächtig.
Auf
dem
Zwinger
(dem
kurfürstl.
Garten)
findet
man
Pracht, aber
ohne
Geschmack.
Das
kurfürstliche
Schloß
selbst
kann
man
kaum
finden, so
alt
u.]und
russig]rußig
sieht
es
aus.
Wir
giengen]gingen
in
die
berühmte
Bildergallerie.]Bildergalerie.
Aber
wenn
man
nicht
genau
vorbereitet
ist, so
gafft
man
so
etwas
an, [DKV IV 100]
wie
Kinder
eine
Puppe.
Eigen⸗165
tlich
habe
ich
daraus
nicht
mehr
gelernt, als
daß
hier
viel
zu
lernen
sei.
Wir
hatten
den
Nachmittag
frei, u.]und
die
Wahl, das
grüne
Gewölbe,
Pilnitz,
oder
Tharandt
zu
sehen.
In
der
Wahl
zwischen
Antiquität, Kunst
u.]und
Natur
wählten
wir
das
Letztere]letztere
u.]und
sind
nicht
unzufrieden
mit
unsrer
Wahl.
Der
Weg
nach
Tharandt
geht
durch
den
schönen
plauenschen]Plauenschen
Grund.
170
Man
fährt
an
der
Weißritz
entlang, die
dem
Reisenden
[SE:1993 II 544]
entgegen
rauscht.
Mehr
Abwechselung
wird
man
selten
in
einem
Thale]Tale
finden.
Die
Schlucht
ist
bald
eng, bald
breit, bald
steil,
bald
flach, bald
felsig, bald
grün, bald
ganz
roh, bald
auf
das
Fruchtbarste
bebaut.
So
hat
man
das
Ende
der
Fahrt
erreicht, ehe
man
es
wünscht.
Aber
175
man
findet
doch
hier
noch
etwas
Schöneres, als
man
es
auf
diesem
ganzen
Wege
sah.
Man
steigt
auf
einen
Felsen
nach
der
Ruine
einer
alten
Ritterburg.
Es
war
ein
unglückseeliger]unglückseliger
Einfall, die
herabgefallenen
Steine
weg
zu
[6]
[BKA IV/1 243]
schaffen
u.]und
den
Pfad
dahin
zu
bahnen.
Da[MA II 616] durch
hat
das
Ganze
aufgehört
180
eine
Antiquität
zu
sein.
Man
will
sich
den
Genuß
erkaufen, „wär’s]wärs
auch
mit
einem
Tropfen
Schweißes
nur“.
nur.“
Du
bist
mir
noch
einmal
so
lieb
geworden, seitdem
ich
um
Deinetwillen
reise.
Aber
die
Natur
hat
zuviel
gethan,]getan,
um
mißvergnügt
diesen
Platz
zu
verlassen.
Welch’
eine
Fülle
von
Schönheit!
Wahrlich, es
war
ein
natürlicher
Einfall, 185
sich
hier
ein
Haus
zu
bauen, denn
ein
schönerer
Platz
läßt
sich
schwerlich
denken.
Mitten
im
engen
Gebirge
hat
man
die
Aussicht
in
drei
reizende
Thäler.]Täler.
Wo
sie
sich
kreuzen, steht
ein
Fels, auf
ihm
die
alte
Ruine.
Von
hier
aus
übersieht
man
das
Ganze.
An
seinem
Fuße, wie
an
den
Felsen
geklebt,
hangen
zerstreut
die
Häuser
von
Tharandt.
Wasser
sieht
man
in
jedem
Thale,]Tale,
190
grüne
Ufer, waldige
Hügel.
Aber
das
schönste
Thal]Tal
ist
das
südwestliche.
Da
schäumt
die
Weißritz
heran, durch
schroffe
Felsen, die
Tannen
u.]und
Birken
tragen, schön
gruppirt]gruppiert
wie
Federn
auf
den
Köpfen
der
Mädchen.
Dicht
unter
der
Ruine
bildet
sie
selbst
ein
natürliches
Bassin, u.]und
wirft
das
verkehrte
Bild
der
Gegend
malerisch
schön
zurück.
195
Bei
der
Rückfahrt
sah
ich
Dreßden]Dresden
in
der
Ferne.
Es
liegt, vielthürmig,]vieltürmig,
von
der
Elbe
getheilt,]geteilt,
in
einem
weiten
Kessel
von
Bergen.
Der
Kessel
ist
fast
zu
weit.
Unzählige
Mengen
von
Häusern
liegen
so
weit
man
sieht
umher, wie
vom
Himmel
herabgestreut.
Die
Stadt
selbst
sieht
aus, als
[Heimböckel:1999 (Reclam) 105]
wenn
sie
von
den
Bergen
herab
zusammengekollert
wäre.
Wäre
das
200
Thal]Tal
enger, so
würde
dies
Alles]alles
mehr
concentrirt]konzentriert
sein.
Doch
auch
so
ist
es
reizend.
Gute
Nacht,
liebes
Mädchen.
Es
ist
10
Uhr, morgen
früh
muß
ich
Dir
noch
mehr
schreiben
u.]und
also
früh
aufstehen.
Gute
Nacht.
d.]den
4t
]4.
Septmbr,]September,
Morgends]morgens
5
Uhr.
205
Guten
Morgen,
Minchen.
Ich
bin
gestern
bei
meiner
Erzählung
zu
rasch
über
manchen
interessanten
Gegenstand
hinweggegangen
u.]und
ich
will
das
heute
noch
nachholen.
In
der
Mitte
des
plauenschen]Plauenschen
Grundes
krümmt
sich
das
Thal]Tal
u.]und
bildet
da
einen
tiefen
Einschnitt.
Die
Weißritz
stürtzt]stürzt
sich
gegen
die
Wand
eines
vor⸗210
springenden
Felsens
u.]und
will
ihn
gleichsam
durchbohren.
Aber
der
Felsen
ist
stärker, wankt
nicht, u.]und
beugt
ihren
stürmischen
Lauf.
Da
hangt
an
dem
Einschnitt
des
Thales,]Tales,
zwischen
Felsen
u.]und
Strom,
ein
Haus, eng
u.]und
einfältig
gebaut, wie
für
einen
Weisen.
Der
hintere
Felsen
giebt]gibt
dem
Örtchen
Sicherheit, Schatten
winken
ihm
die
215
überhangenden
Zweige
zu, Kühlung
führt
ihm
die
Welle
der
Weißritz
entgegen.
[7]
[BKA IV/1 244]
Höher
hinauf
in
das
Thal]Tal
ist
die
Aussicht
schauerlich, tiefer
hinab
in
die
Ebene
von
Dreßden]Dresden
heiter.
Die
Weißritz
trennt
die
Welt
von
diesem
Örtchen
u.]und
nur
ein
schmaler
Steg
führt
in
seinen
Eingang. —
Eng
sagte
ich, wäre
das
Häuschen?
Ja
freilich, für
Assembleen
u.]und
Redouten.
Aber
220
für
2
Menschen
u.]und
die
Liebe
weit
genug, weit
hinlänglich
genug.
Ich
verlor
mich
in
meinen
Träumereien.
Ich
sah
mir
das
Zimmer
aus, wo
ich
wohnen
würde, ein
anderes, wo
Jemand]jemand
Anderes]anderes
wohnen
würde, ein
drittes, wo
wir
beide
wohnen
würden.
Ich
sah
eine
Mutter
auf
der
Treppe
sitzen, ein
Kind
schlummernd
an
ihrem
Busen.
Im
Hintergrunde
kletterten
Knaben
an
dem
225
Felsen, u.]und
sprangen
von
Stein
zu
Stein, u.]und
jauchzten
laut —
In
dem
reizenden
Thale]Tale
von
Tharandt
war
ich
unbeschreiblich
bewegt.
Ich
wünschte
recht
mit
Innigkeit
Dich
[Heimböckel:1999 (Reclam) 106]
bei
mir
zu
sehen.
Solche
Thäler,]Täler,
eng
u.]und
heimlich, sind
das
wahre
Vaterland
der
Liebe.
Da
würden
wir
Freuden
genossen
haben, höhere
noch
als
in
der
Gartenlaube.
Und
wie
herrlich
müßte
230
einmal
ein
kurzes
Leben
in
der
idealischen
Natur
auf
Deine
Seele
wirken.
Denn
tiefe
Eindrücke
macht
der
Anblick
der
erhabenen
edlern
edlen
edlen
]edlen
Schöpfung
auf
weiche, empfängliche
Herzen.
Die
Natur
würde
gewiß
das
Gefühl
u.]und
den
Gedanken
in
Dir
erwecken; ich
würde
ihn
zu
entwickeln
suchen
u.]und
selbst
neue
Gedanken
u.]und
Gefühle
bilden. —
O, einst
müssen
wir
235
einmal
beide
eine
schöne
Gegend
besuchen.
Denn
da
erwarten
uns
ganz
neue
Freuden, die
wir
noch
gar
nicht
kennen.
So
erinnert
mich
fast
jeder
Gegenstand
durch
eine
entfernte
oder
nahe
Beziehung
an
Dich,
mein
liebes, geliebtes
Mädchen.
Und
wenn
mein
Geist
sich
einmal
in
einer
eine [Graph undeutlich]
wissenschaftlichen
Folgereihe
von
Gedanken
von
Dir
240
entfernt, so
führt
mich
ein
Blick
auf
Deinen
Tobacksbeutel,]Tobaksbeutel,
der
immer
an
dem
Knopfe
meiner
Weste
hangt, oder
auf
Deine
Handschuh, die
ich
selten
ausziehe, oder
auf
das
blaue
Band, das
Du
mir
um
den
linken
Arm
gewunden
hast, u.]und
das
immer
noch, unaufge[MA II 618] löst, wie
das
Band
unserer
Liebe, verknüpft
ist, wieder
zu
Dir
zurück.
245
———
|
Abgeschickt
den 1t Brief aus Berlin 2 ____ Pasewalk 3 ____ Berlin 4 ____ Berlin 5 ____ Leipzig u.]und diesen aus Dreßden.]Dresden. |
Empfangen.]Empfangen
Zwei Briefe, nur zwei, aber zwei herrliche, die ich mehr als einmal durchgelesen habe. Wann werde ich wieder 250 etwas von Deiner Hand sehen? |
Wegen
der
nun
folgenden
Instruction]Instruktion
will
ich
mich
kurz
fassen.
Ich
habe
Ulriken
das
Nöthige]Nötige
hierüber
geschrieben
u.]und
sie
gebeten
Dir
ihren
255
Brief
mitzutheilen.]mitzuteilen.
Mache
Du
es
[Heimböckel:1999 (Reclam) 107]
mit
Deinen
Briefen, wie
sie
es
mit
dem
Gelde
machen
soll.
[DKV IV 103]
Schreibe
gleich
nach
Würzburg
in
Franken.
Sei
ruhig.
Lebe
wohl.
Morgen
schreibe
ich
Dir
wieder.
In
5
Minuten
reise
ich
von
hier
ab.
Dein
treuer
Freund
Heinrich.
260
(Diese
Correspondenz]Korrespondenz
wird
Dir
vieles
Geld
kosten.
Ich
werde
das
ändern, so
viel
es
möglich
ist.
Was
es
Dir
doch
kostet, werde
ich
Dir
schon
einst
ersetzen.)
