[044] An Wilhelmine v. Zenge, 4. Mai 1801
nach Handschrift.
Alle Textversionen sind inhaltlich identisch. Die Handschrift wird in konstituierter und emendierter Fassung dargestellt (eine textkritische Darstellung ist in Planung). Alle Emendationen sind im Anhang einzeln verzeichnet.
Die
Fassung Handschrift zeigt die emendierte Wiedergabe der Handschrift. Der originale Zeilenfall ist beibehalten. Diese Fassung wird wegen der Zeilenlänge auf Smartphones nicht angezeigt.
In der Textversion ohne originalen Zeilenfall wird der Zeilenfall mit einem Schrägstrich / angezeigt, die Zeile wird aber nicht umbrochen. Die Zeilenzahl wird alle 10 Zeilen angezeigt.
In der Textversion ohne langes ſ sind das lange ſ und historische Umlautformen der heutigen Darstellungsweise angepasst. Der originale Zeilenumbruch wird nicht angezeigt, Seitenumbrüche bleiben erhalten.
[1]
[BKA IV/2 8]
[DKV IV 221]
[SE:1993 II 647]
[Heimböckel:1999 (Reclam) 229]
[MA II 727]
Dreßden,]Dresden,
d.]den
4t
]4.
Mai,
]Mai
1801.
]1801
Liebe
Wilhelmine,
heute
lag
ich
auf
den
Brühlschen
Terrassen,
ich
hatte
ein
Buch
mitgenommen, darin
zu
lesen, aber
ich
war
zer⸗
streut
u.]und
legte
es
weg.
Ich
blickte
von
dem
hohen
Ufer
herab
über
das
herrliche
Elbthal,]Elbtal,
es
lag
da
wie
ein
Gemälde
von
Claude
Lorrain
unter
5
meinen
Füßen — es
schien
mir
wie
eine
Landschaft
auf
einen
einem [Graph undeutlich]
Teppich
gestickt, grüne
Fluren, Dörfer, ein
breiter
Strom, der
sich
schnell
wendet,
Dreßden]Dresden
zu
küssen]küssen,
u.]und
hat
er
es
geküßt, schnell
wieder
flieht — und
der
prächtige
Kranz
von
Bergen, der
den
Teppich
wie
eine
Arabeskenborde
umschließt — und
der
reine
blaue
itali⸗10
sche
Himmel, der
über
die
ganze
Gegend
schwebte —
Mich
dünkte, als
schmeckte
süß
die
Luft, holde
Gerüche
streuten
mir
die
Fruchtbäume
zu, und
überall
Knospen
[SE:1993 II 648]
u.]und
Blüthen,]Blüten,
die
ganze
Natur
sah
aus
wie
ein
funfzehnjähriges
Mädchen —
Ach,
Wilhelmine,
ich
hatte
eine
unaussprechliche
Sehnsucht, nur
einen
Tropfen
von
Freude
zu
15
empfangen, es
schien
ein
ganzes
Meer
davon
über
die
Schöpfung
ausgegossen, nur
ich
allein
gieng]ging
leer
aus —
Ich
wünschte
mir
nur
so
viel
Heiterkeit, u.]und
auch
diese
nur
auf
eine
so
kurze
Zeit
als
nöthig]nötig
wäre, Dir
einen
heitern
kurzen
[Heimböckel:1999 (Reclam) 230]
Brief
zu
schreiben.
Aber
der
Himmel
läßt
auch
meine
bescheidensten
Wünsche
unerfüllt.
Ich
20
beschloß,
auch
für
diesen
Tag
[DKV IV 222]
noch
zu
schweigen
—
Da
sah
ich
Dich
im
Geiste,
wie
Du
täglich
auf
Nachrichten
harrest,
täglich
sie
erwartest
und
täglich
getäuscht
wirst, ich
dachte
mir, wie
Du
Dich
härmst
u.]und
Dich
mit
falschen
Vorstellungen
quälst, vielleicht
mich
krank
glaubst, oder
wohl
gar —
Da
stand
ich
schnell
auf, rief
Ulriken,
die
lesend
hinter
25
mir
saß, mir
zu
folgen, gieng]ging
in
mein
Zimmer, und
sitze
nun
am
Tische, Dir
wenigstens
zu
schreiben, daß
ich
noch
immer
lebe
u.]und
noch
immer
Dich
liebe.
Liebe,
theure]teure
Freundinn,]Freundin,
erlaß’
erlaß
]erlaß
mir
eine
weitläufigere
Mittheilung,]Mitteilung,
ich
kann
Dir
nichts
Frohes
schreiben]schreiben,
u.]und
der
Kummer
30
ist
eine
Last, die
noch
schwerer
drückt, wenn
mehrere
daran
tra⸗
gen.
Noch
habe
ich
seit
meiner
Abreise
von
Berlin
keine
[MA II 728]
wahrhaft
vergnügte
Stunde
genossen, zerstreut
bin
ich
wohl
gewesen, aber
nicht
vergnügt —
Meine
heitersten
Augenblicke
sind
solche, wo
ich
mich
selbst
vergesse — und
doch, giebt]gibt
es
Freude, ohne
ruhiges
35
Selbstbewußtsein?
Ach,
Wilhelmine,
Du
bist
glücklich
gegen
mich,
weil
Du
eine
Freundinn]Freundin
hast — ich
kann
Ulriken
Alles]alles
mittheilen,]mitteilen,
nur
nicht, was
mir
das
Theuerste]Teuerste
ist.
Du
glaubst
auch
nicht, wie
ihr
lustiges, zu
allem
Abendtheuerlichen]Abenteuerlichen
aufgewecktes
Wesen, gegen
[2]
[BKA IV/2 11]
mein
Bedürfniß]Bedürfnis
absticht —
Ach, könnte
ich
vier
Monate
aus
40
meinem
Leben
zurücknehmen!
Adieu, adieu, ich
will
vergessen,
was
nicht
mehr
zu
ändern
ist —
Lebe
wohl, mit
dem
ersten
frohen
Augenblick
erhältst
Du
einen
recht
langen
Brief
von
mir.
Bis
dahin
laß
mich
schweigen — wenn
Du
fürchtest, daß
ich
Dich
kälter
lieben
werde, so
quälst
Du
Dich
vergeblich.
O
Gott, wenn
mir
ein
einziger
45
Wunsch
erfüllt
würde, mich
aus
diesem
Labyrinthe
zu
retten —
Liebe
Wilhelmine,
schreibe
mir
doch
gleich
nach
Leipzig.
Umstände
haben
uns
verhindert, bereits
dort
zu
sein.
Du
wirst
aber
wahr⸗
scheinlich
einen
Brief
für
mich
an
Minna
Clausius
geschickt
haben, den
sie
nun, da
sie
mich
nicht
in
Leip[SE:1993 II 649] zig
gesprochen
hat, wieder
nach
[Heimböckel:1999 (Reclam) 231]
Berlin
zurück⸗50
genommen
haben
wird.
Also
würde
ich
jetzt, wenn
Du
nicht
gleich
schreibst, keinen
Brief
von
Dir
in
Leipzig
finden, wo
ich
ohngefähr
in
10
Tagen
einzutreffen
denke.
[DKV IV 223]
Schreibe
also
doch
gleich, wenn
Du
kannst,
u.]und
es
Dir
nicht
auch
so
schwer
wird
wie
mir —
Adieu, grüße
Louisen,
u.]und
denke
nur
ein
halb
mal
so
oft
an
mich, wie
ich
an
Dich
denke, und
zur
55
bestimmten
Zeit —
Du
weißt
sie
doch
noch?
Vielleicht
erhältst
Du
noch
von
Dreßden]Dresden
aus
einen
Brief
von
mir.
H.
K.
