[043] An Wilhelmine v. Zenge, 14. April 1801
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[1]
[BKA IV/1 548]
[DKV IV 219]
[SE:1993 II 645]
[Heimböckel:1999 (Reclam) 227]
[MA II 725]
Berlin,
d.]den
14t
]14.
Aprill,
]April
1801.
]1801
Liebe
Freundinn,]Freundin,
die
Paar]paar
Zeilen,
die
Du
mir
geschrieben
hast, athmen]atmen
zugleich
so
viel
Wehmuth]Wemut
u.]und
Würde, daß
selbst
Dein
Anblick
mich
kaum
inniger
weniger
]weniger
hätte
rühren
können.
Wenn
ich
mir
Dich
denke, wie
Du
in
Deinem
Zimmer
sitzest, mein
Bild
vor
5
Dir, das
Haupt
auf
die
Arme
gedrückt, die
Augen
voll
Thränen]Tränen
—
ach,
Wilhelmine,
dann
kommt
dieser
Gedanke
noch
zu
meinem
eignen
Kummer, ihn
zu
verdoppeln.
Dir
hat
die
Liebe
wenig
von
ihren
Freuden, doch
viel
von
ihrem
Kummer
zugetheilt,]zugeteilt,
und
Dir
schon
zwei
Trennungen
zugemessen, deren
jede
gleich
10
gefährlich
war.
Du
hättest
ein
so
ruhiges
Schicksal
verdient,
warum
mußte
der
Himmel
Dein
Loos]Los
an
einen
Jüngling
knüpfen, den
seine
seltsamgespannte]seltsam
gespannte
Seele
ewig-unruhig
bewegt?
Ach,
Wilhelmine,
Du
bist
so
vielen
Glückes
würdig,
ich
[SE:1993 II 646]
bin
es
Dir
schuldig, Du
hast
mir
durch
so
vielen
Edelmuth]Edelmut
15
die
Schuld
auferlegt — warum
kann
ich
sie
nicht
bezahlen?
Warum
kann
ich
Dir
nichts
geben
zum
Lohne, als
Thränen?]Tränen?
— O
Gott
gebe
mir
nur
die
Möglichkeit
diese
Thränen]Tränen
einst
wieder
mit
Freuden
vergüten
zu
können!
—
Liebe,
theure]teure
Freundinn,]Freundin,
ich
for⸗
dre
nicht
von
Dir, daß
Du
mir
den
Kummer
verheimlichst,20
wenn
Du
ihn
fühlst, so
wie
ich
selbst
immer
das
süßeste
Recht
der
Freundschaft, nämlich
das
schwere
Herz
auszuschütten, übe; aber
laß
uns
beide
uns
bemühen, so
ruhig
u.]und
so
heiter
unter
der
Gewit⸗
terwolke
zu
stehen, als
es
nur
immer
möglich
ist.
Verzeihe
mir
diese
Reise — ja
verzeihen,
ich
habe
mich
nicht
in
dem
Ausdrucke
25
vergriffen, denn
ich
fühle
nun
selbst, daß
die
erste
Veranlassung
dazu
wohl
nichts, als
eine
Übereilung
war.
Lies’
Lies
]Lies
doch
meine
Briefe
von
dieser
Zeit
an
noch
einmal
durch
u.]und
frage
Carln
recht
über
mich
aus —
Mir
ist
diese
Periode
in
meinem
Leben
und
dieses
gewaltsame
Fortziehen
der
Verhältnisse
zu
einer
30
Handlung, mit
deren
Gedanken
man
sich
bloß
zu
spielen
er⸗
laubt
hatte, [Heimböckel:1999 (Reclam) 228]
äußerst
[DKV IV 220]
merkwürdig.
Aber
nun
ist
es
unabänderlich
geschehen
u.]und
ich
muß
reisen —
Ach,
Wilhelmine,
wie
hätte
sich
mir
noch
vor
drei
Jahren
die
Brust
gehoben
unter
der
Vorempfindung
[2]
[BKA IV/1 551]
einer
solchen
Reise!
Und
jetzt —!
Ach, Gott
weiß, daß
mir
das
35
Herz
blutet!
Frage
nur
Carln,
der
mich
alle
Augenblicke
ein⸗
mal
fragt: was
seufzest
Du
denn?
— Aber
nun
[MA II 726]
will
ich
doch
so
viel
Nutzen
ziehn
aus
dieser
Reise, wie
ich
kann, u.]und
auch
in
Paris
et⸗
was
lernen, wenn
es
mir
möglich
sein
wird.
Vielleicht
geht
doch
noch
etwas
Gutes
aus
dieser
verwickelten
Begebenheit
meines
40
Lebens
hervor — liebe
Wilhelmine,
soll
ich
Dir
sagen, daß
ich
es
fast
hoffe?
Ach, ich
sehne
mich
unaussprechlich
nach
Ruhe!
Alles
ist
dunkel
in
meiner
Zukunft, ich
weiß
nicht, was
ich
wünschen
u.]und
hoffen
u.]und
fürchten
soll, ich
fühle
daß
mich
weder
die
Ehre, noch
der
Reichthum,]Reichtum,
noch
selbst
die
Wissenschaften
allein
ganz
befriedigen
können; nur
ein
45
einziger
Wunsch
ist
mir
ganz
deutlich,
Du
bist
es,
Wilhelmine
—
O
Gott,
wenn
mir
einst
das
bescheidne
Loos]Los
fallen
sollte, das
ich
begehre,
ein
Weib, ein
eignes
Haus
u.]und
Freiheit
— o
dann
wäre
es
nicht
zu
theuer]teuer
erkauft
mit
allen
Thränen,]Tränen,
die
ich, u.]und
mit
allen
die
Du
ver⸗
gießest, denn
mit
Entzückungen
wollte
ich
sie
Dir
vergüten.
Ja,50
laß
uns
hoffen —
Was
ich
begehre, genießen
Millionen, der
Himmel
gewährt
Wünsche
gern, die
in
seinen
[SE:1993 II 647]
Zweck
eingreifen, warum
sollte
er
grade
uns
beide
von
seiner
Güte
ausschließen?
Also
Hoffnung
u.]und
Vertrauen
auf
den
Himmel
u.]und
auf
uns!
Ich
will
mich
bemühen,
die
ganze
unseelige]unselige
Spitzfündigkeit
zu
vergessen, die
Schuld]schuld
an
dieser
55
innern
Verwirrung
ist.
Vielleicht
giebt]gibt
es
dann
doch
Augenblicke
auf
dieser
Reise, in
welchen
ich
vergnügt
bin.
O
mögten]möchten
sie
auch
Dir
werden!
Fahre
nur
fort, Dich
immer
auszubilden, ich
müßte
un⸗
sinnig
sein
mit
den
Füßen
von
mir
zu
stoßen, was
sich
zu
meinem
eignen
Genuß
von
Tage
zu
Tage
veredelt.
Gewinne
Deinen
Rousseau
60
so
lieb
wie
es
Dir
immer
möglich
ist, auf
diesen
Nebenbuhler
werde
ich
nie
zürnen.
Ich
werde
Dir
oft
schreiben, das
nächste]nächstemal
mal]
von
Dreßden,]Dresden,
etwa
in
8
Tagen.
Dahin
[Heimböckel:1999 (Reclam) 229]
schreibe
mir, aber
gleich, und
scheue
Dich
nicht
mit
eigner
Hand
die
Adresse
[DKV IV 221]
zu
schreiben, unsre
Liebe
soll
kein
Geheimniß]Geheimnis
mehr
sein.
Den
28t
]28.
Aprill]April
treffe
ich
65
ohngefähr
in
Leipzig
ein, da
kannst
Du
an
Minna
Clausius
schreiben, die
mit
ihrem
Vater
dort
zur
Messe
ist, u.]und
wieder
einen
Brief
einlegen.
Wohin
Du
auf
der
ganzen
Reise
schreibst, mußt
Du
aber
immer
den
Brief
bezeichnen,
]bezeichnen:
selbst
abzuholen
(in
Frankreich
französisch) —
Und
nun
Adieu.]adieu.
Die
73
Rth.,
Rth,
wovon
Du
vergessen
hast
mir
70
zu
schreiben,
habe
ich
Carln
gegeben, in
der
Meinung, daß
es
Dir
so
recht
sein
wird.
Adieu, adieu, sei
mein
starkes
Mädchen.
Heinrich
K.
