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  • [018] W. v. Zenge, 3.9.1800

[018] An Wilhelmine v. Zenge, 03. September 1800

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[1] [BKA IV/1 232] [DKV IV 94] [SE:1993 II 538] [Heimböckel:1999 (Reclam) 98] [MA II 610] Dreßden,]Dresden, d.]den 3t 3t (und 4.) ]3. Septmbr]September 1800, früh 5 Uhr. ]Uhr (und 4. September)

Gestern, d. 2t ]2. Septmbr.]September spät um 10 Uhr Abends]abends traf ich nach einer 34stündigen Reise in diese Stadt ein.

[SE:1993 II 539]

Noch habe ich nichts von ihr gesehen, nicht sie selbst, nicht ihre Lage, nicht den Strom, der sie durchschneidet, nicht die Höhen, die sie umkränzen; u.]und wenn ich schreibe, daß ich in Dreßden]Dresden bin, so glaube ich das bloß, noch weiß ich es nicht.

Und freilich — es wäre wohl der Mühe werth,]wert, sich davon zu überzeugen. Der Morgen ist schön. Lange wird mein Aufenthalt hier nicht währen. Vielleicht muß ich es morgen schon wieder verlassen. Morgen? das schöne Dreßden?]Dresden? Ohne es gesehen zu haben? Rasch ein Spaziergang —

Nein — und wenn ich es nie sehen sollte! Ich könnte Dir dann vielleicht von hier gar nicht schreiben, u.]und so erfülle ich denn lieber jetzt gleich meine Pflicht.

[MA II 611] [DKV IV 95]

Ich will durch diese immer wiederholten Briefe, durch diese fast ununterbrochene Unterhaltung mit Dir, durch diese nie ermüdende Sorgfalt für Deine Ruhe, bewirken, daß Du zuweilen, wenn das Verhältniß]Verhältnis des Augenblicks Dich beklommen macht, wenn fremde Zweifel u.]und fremdes Mistrauen]Mißtrauen Dich beunruhigen, mit Sicherheit, mit Zuversicht, mit tiefempfunden tiefempfundnem tiefempfundnem ]tiefempfundnem Bewußtsein zu Dir selbst sagen mögest: ja, es ist gewiß, es ist gewiß, daß er mich liebt!

Wenn Du mir nur eine Ahndung von Zweifel hättest erblicken lassen, gewiß, mir würde Deine Ruhe weniger am Herzen liegen. Aber da Du Dich mit Deiner ganzen offnen Seele mir anvertraut hast, so will ich jede Gelegenheit benutzen, jeden Augenblick ergreifen, um Dir zu zeigen, daß ich Dein Vertrauen auch vollkommen verdiene.

Darum ordne ich auch jetzt das Vergnügen, diese schöne Stadt zu sehen, meiner Pflicht, Dir Nachricht von mir zu [Heimböckel:1999 (Reclam) 99] geben, unter; oder eigentlich vertausche ich nur jenes Vergnügen mit einem andern, wobei mein Herz u.]und mein Gefühl noch mehr genießt.

Mein Aufenthalt wird hier wahrscheinlich nur von sehr kurzer Dauer sein. So eben]Soeben geht die Post nach Prag ab u.]und in 8 Tagen nicht wieder. Uns bleibt also nichts übrig als Extra-Post]Extrapost zu nehmen, sobald unsre [2] [BKA IV/1 235] Geschäfte bei dem englischen Gesandten abgethan]abgetan sind. Daher will ich Dir so kurz als möglich den Verlauf meiner Reise von Leipzig nach Dreßden]Dresden mittheilen.]mitteilen.

Als wir von Leipzig abreiseten (Mittags]mittags d. 1t]1. Septmbr) hatten wir unser gewöhnliches Schicksal, schlechtes Wetter. Wir [SE:1993 II 540] empfanden es auf dem offnen Postwagen doppelt unangenehm. Die Gegend schien fruchtbar u.]und blühend, aber die Sonne war hinter einen Schleier von Regenwolken versteckt u.]und wenn die Könige trauern, so trauert auch das Land.

So kamen wir über immer noch ziemlich flachen Lande gegen Abend, nach Grimma. Als es schon finster war, fuhren wir wieder ab. Denke Dir unser Erstaunen, als wir uns dicht vor den Thoren]Toren dieser Stadt, plötzlich in der Mitte eines Gebirges sahen. Dicht vor uns lag eine Landschaft, [DKV IV 96] ganz wie ein transparentes Stück. Wir fuhren auf einem schauerlich schönen Wege, der auf der halben Höhe eines Felsens in Stein gehauen war. Rechts der steile Felsen selbst, mit überhangendem Ge[MA II 612] büsch, links der schroffe Abgrund, der den Lauf der Mulde beugt, jenseits des reißenden Stromes dunkelschwarze hohe belaubte Felsen, über welche in einem ganz erheiterten Himmel der Mond heraufstieg. Um das Stück zu vollenden lag vor uns, am Ufer der Mulde, auf einem einzelnen hohen Felsen, ein zweistockhohes viereckiges Haus, Wahrscheinlich handelt es sich um das Schloss Gattersburg an der Mulde in Grimma. Ein altes Postkartenmotiv zeigt das Anwesen u. a. in seiner alten Form von 1867. dessen Fenster sämmtlich,]sämtlich, wie absichtlich, erleuchtet waren. Wir konnten nicht erfahren, was diese seltsame Anstalt zu bedeuten habe, u.]und fuhren, immer mit hochgehobnen Augen, daran vorbei, sinnend u.]und forschend, wie man bei einem Feenschlosse vorbeigeht.

[Heimböckel:1999 (Reclam) 100]

So reizend war der Eingang in eine reizende Nacht. Der Weg gieng ging ]ging immer am Ufer der Mulde entlang, bei Felsen vorbei, die wie Nachtgestalten vom Monde erleuchtet waren. Der Himmel war durchaus heiter, der Mond voll, die Luft rein, das Ganze herrlich. Kein Schlaf kam in den ersten Stunden auf meine Augen. Die Natur u.]und meine brennende Pfeife erhielten mich wach. Mein Auge wich nicht vom Monde. Ich dachte an Dich, u.]und suchte den Punct]Punkt im Monde, auf welchem vielleicht Dein Auge ruhte, u.]und maß in Gedanken den Winkel den unsre Blicke im Monde machten, u.]und träumte mich zurück auf der Linie Deines Blickes, um so Dich zu finden, bis ich Dich endlich wirklich im Traume fand.

Als ich erwachte waren wir in Waldheim, einem Städtchen, das wieder an der Mulde liegt. Besonders als wir es schon im Rücken hatten u.]und das Gebirgs [3] [BKA IV/1 236] städtchen hinter uns im niedrigen Thale]Tale lag, von buschigten Höhen umlagert, gab es eine reizende Ansicht. Wir fuhren nun immer an dem Fuße des Erzgebirges [SE:1993 II 541] oder an seinem Vorgebirge entlang. Hin u.]und wieder blickten nackte Granitblöcke aus den Hügeln hervor. Die ganze Gebirgsart ist aber Schifer,]Schiefer, welcher, wegen seiner geblätterten Tafeln, ein noch wilderes zerrisseneres Ansehn hat, als der Granit selbst. Die allgemeine [DKV IV 97] Pflanze war die Harz-Tanne;]Harztanne; ein schöner Baum an sich, der ein gewisses ernstes Ansehn hat, der aber die Gegend auf welcher er steht meistens öde macht, vielleicht wegen seines dunkeln Grüns, oder wegen des tiefen Schweigens das in dem Schatten seines Laubes waltet. Denn es sind nur einige wenige, ganz kleine Vögelarten, die, außer Uhu u.]und Eule, in diesem Baume nisten.

Ich gieng]ging an dem Ufer eines kleinen Waldbachs entlang. Ich [MA II 613] lächelte über seine Eilfertigkeit, mit welcher er schwatzhaft u.]und geschmeidig über die Steine hüpfte. Das ruht nicht eher, dachte ich, als bis es im Meere ist; u.]und dann fängt es seinen Weg von vorn an. — Und doch — wenn es still steht, wie in dieser Pfütze, so verfault es u.]und stinkt.

[Heimböckel:1999 (Reclam) 101]

Wir fanden dieses Gebirge wie alle, sehr bebaut u.]und bewohnt; lange Dörfer, alle Häuser 2 Stock hoch, meistens mit Ziegeln gedeckt; die Thäler]Täler grün, fruchtbar, zu Gärten gebildet; die Menschen warm u.]und herzlich, meistens schön gestaltet, besonders die Mädchen. Das Enge der Gebirge scheint überhaupt auf das Gefühl zu wirken u.]und man findet darin viele Gefühlsphilosophen, Menschenfreunde, Freunde der Künste, besonders der Musik. Das Weite des platten Landes hingegen wirkt mehr auf den Verstand u.]und hier findet man die Denker u.]und Vielwisser. Ich möchte an einem Orte gebohren]geboren sein, wo die Berge nicht zu eng, die Flächen nicht zu weit sind. Es ist mir lieb, daß hinter Deinem Hause die Laube eng u.]und dunkel ist. Da lernt man fühlen, was man in den Hörsälen nur zu oft verlernt.

Aber überhaupt steht der Sachse auf einem höhern Grad der Cultur,]Kultur, als unsre Landleute. Du solltest einmal hören, mit welcher Gewandheit]Gewandtheit ein solches sächsisches Mädchen auf Fragen antwortet. Unsre (maulfaulen) Brandenburgerinnen würden Stunden brauchen, um abzuthun,]abzutun, was hier in Minuten abgethan]abgetan wird. Auch findet man häufig selbst in den Dörfern Lauben, Gärten, Kegelbahnen &]etc. so, daß hier nicht bloß, wie bei uns, für das Bedürfniß]Bedürfnis gesorgt ist, sondern daß man schon einen Schritt weiter gerückt ist, u.]und auch an das Vergnügen denkt.

[SE:1993 II 542] [DKV IV 98]

Mittags (d. 2t ) passirten]passierten wir Nossen u. und ]und zum drittenmale die Mulde, die hier eine fast noch reizendere Ansicht bildet. Das östliche Ufer [4] [BKA IV/1 239] ist sanft abhangend, das westliche steil, felsig u.]und buschig. Um die Kante eines Einschnittes liegt das Städtchen Nossen, auf einem Vorsprung, dicht an der Mulde, ein altes Schloß. Rechts offnet öffnet ]öffnet sich die Aussicht durch das Muldethal nach den Ruinen des Klosters Zelle.

In diesem Kloster liegen seit uralten Zeiten die Leichname aller Markgrafen Die Mark Meißen geht auf eine Gründung durch Otto I. im Jahre 965 zurück. Ab 1425 wurden die Markgrafen (nach dem Tod Albrechts III. und dem Aussterben des Geschlechts der Askanier) zu Kurfürsten von Sachsen.Der Bau des Zisterzienser-Klosters geht auf Markgraf Otto von Meißen, »der Reiche« (1156-1190) zurück, der das Kloster auch als Erbbegräbnisstätte für die Wettiner (die zu dieser Zeit die Markgrafen stellten) plante. Von 1190 bis 1381 war Altzella die Begräbnisstätte der Markgrafen, insgesamt 26 Wettiner. Siehe Liste der Markgrafen.Begraben in Altzella sind u. a.: Otto, »der Reiche« (NDB/ADB, Wikisource/ADB, Wikipedia) ; Friedrich II., »der Ernsthafte« (NDB/ADB, Wikisource/ADB) ; Friedrich III., »der Strenge« (Wikisource/ADB) von Meißen. In neuern Zeiten hat man jedem derselben ein Monument geben wollen. Man hat daher [MA II 614] die Skelette ausgegraben, Ab 1676 ließen die sächsischen Kurfürsten Grabungen nach ihren Vorfahren durchführen, die bis 1787 andauerten, also bis 13 Jahre vor der Reise Kleists durch Nossen. u.]und die Knochen eines Jeden möglichst genau zusammengesucht, wobei es indessen [Heimböckel:1999 (Reclam) 102] immer noch zweifelhaft bleibt, ob Jeder auch wirklich den Kopf bekommen hat, der ihm gehört.

Gegen Abend kamen wir über Wilsdruf, nach den Höhen von Kesselsdorf; ein Ort, der berühmt ist, weil in seiner Nähe ein Sieg In der Schlacht bei Kesselsdorf wurde am 15. Dezember 1745 der 2. Schlesische Krieg (1744–1745) zugunsten Preussens gegen die Verbündeten Sachsen und Österreich entschieden. (Wikipedia) erfochten worden ist. So kann man sich Ruhm erwerben in der Welt, ohne selbst das Mindeste]mindeste dazu beizutragen.

Es war schon ganz finster, als wir von den Elbhöhen herabfuhren, u.]und im Mondschein die Thürme]Türme von Dreßden]Dresden erblickten. Grade jener vortheilhafte]vorteilhafte Schleier lag über die Stadt, der uns, wie Wieland sagt, mehr erwarten läßt, als versteckt ist. Man führte uns durch enge Gassen, zwischen hohen meistens 5]fünf- bis 6]sechs- Stöckigen]stöckigen Häusern entlang bis in die Mitte der Stadt, u.]und sagte uns vor der Post, daß wir am Ziele unsrer Reise wären. Es war ½ 11 Uhr. Aber da die Elbbrücke nicht weit war, so eilten wir schnell dahin, sahen rechts die Altstadt, im Dunkel, links die Neustadt, im Dunkel, im Hintergrunde die hohen Elbufer, im Dunkel, kurz alles in im Dunkel gehüllt, u.]und giengen]gingen zurück, mit dem Entschluß, wiederzukehren, sobald nur die große Lampe im Osten angesteckt Sonnenaufgang sei.

———

Liebes Minchen. So eben]Soeben kommen wir von dem engl. Ambassadeur, franz.: Botschafter Lord Elliot zurück, wo wir Dinge gehört haben, die uns bewegen, nicht nach Wien zu gehen, sondern ent[DKV IV 99] weder nach Würzburg oder nach Straßburg. Sei ruhig, u.]und wenn das Herzchen unruhig wird, so ließ]lies die Instruction]Instruktion Siehe vorige Briefe (hier und hier) durch, oder besieh’ Deine neue Tasse von oben und unten.

Diese Veränderung unseres Reiseplans hat ihre Schwierigkei[SE:1993 II 543] ten, die jedoch nicht unüberwindlich sind; besonders wegen Deiner Briefe, die ich in Wien getroffen haben würde. Doch ich werde schon noch Mittel aussinnen, u.]und sie Dir am Ende dieses Briefes mittheilen.]mitteilen.

[Heimböckel:1999 (Reclam) 103] [5] [BKA IV/1 240]

Übrigens bleibt Alles]alles beim Alten.]alten. Ich gehe nicht weiter, als an einen dieser Orte, u.]und kehre zu der einmal bestimmten Zeit, nämlich vor d.]dem 1t ]1. Novmbr]November Siehe Brief an Ulrike v. Kleist v. 26. August. gewiß zurück, wenn nicht vielleicht noch früher.

Denke nicht darüber nach, u.]und halte Dich, wenn die Unmög[MA II 615] lichkeit, mich zu begreifen, Dich beunruhigt, mit blinder Zuversicht an Deinem Vertrauen zu meiner Redlichkeit, das Dich dich nicht täuschen wird, so wahr Gott über mich lebt.

Einst wirst Du Alles]alles erfahren, u.]und mir mit Thränen]Tränen danken.

Täglich werde ich Dir schreiben. Ich reise morgen von hier wieder ab, und werde Tag u.]und Nacht nicht ruhen. Aber ein Stündchen werde ich doch erübrigen, Dir zu schreiben. Mehr kann ich jetzt für Deine Ruhe nicht thun,]tun, liebes, geliebtes Mädchen.

Abends um 8 Uhr. ]Uhr

Ich habe den übrigen Theil]Teil des heutigen Tages dazu angewendet, einige Merkwürdigkeiten von Dreßden]Dresden zu sehen, und will Dir, was ich sah u.]und dachte u.]und fühlte, mittheilen.]mitteilen.

Dreßden]Dresden hat enge Straßen, meistens 5 bis 6 Stock hohe Häuser, viel Leben u.]und Thätigkeit,]Tätigkeit, wenig Pracht u.]und Geschmack. Die Elbbrücke ist ganz von Stein, aber nicht prächtig. Auf dem Zwinger (dem kurfürstl. Garten) findet man Pracht, aber ohne Geschmack. Das kurfürstliche Schloß selbst kann man kaum finden, so alt u.]und russig]rußig sieht es aus.

Wir giengen]gingen in die berühmte Die Dresdner Gemäldegalerie befand sich zu Kleists Zeit im Johanneum, Neumarkt 1, im 1. Obergeschoss (heute das Verkehrsmuseum). Bildergallerie.]Bildergalerie. Aber wenn man nicht genau vorbereitet ist, so gafft man so etwas an, [DKV IV 100] wie Kinder eine Puppe. Eigentlich habe ich daraus nicht mehr gelernt, als daß hier viel zu lernen sei.

Wir hatten den Nachmittag frei, u.]und die Wahl, das grüne Gewölbe, Pilnitz, oder Tharandt zu sehen. In der Wahl zwischen Antiquität, Kunst u.]und Natur wählten wir das Letztere]letztere u.]und sind nicht unzufrieden mit unsrer Wahl.

[Heimböckel:1999 (Reclam) 104]

Der Weg nach Tharandt geht durch den schönen plauenschen]Plauenschen Grund. Man fährt an der Weißritz entlang, die dem Reisenden [SE:1993 II 544] entgegen rauscht. Mehr Abwechselung wird man selten in einem Thale]Tale finden. Die Schlucht ist bald eng, bald breit, bald steil, bald flach, bald felsig, bald grün, bald ganz roh, bald auf das Fruchtbarste bebaut. So hat man das Ende der Fahrt erreicht, ehe man es wünscht. Aber man findet doch hier noch etwas Schöneres, als man es auf diesem ganzen Wege sah.

Man steigt auf einen Felsen nach der Ruine einer alten Ritterburg. Es war ein unglückseeliger]unglückseliger Einfall, die herabgefallenen Steine weg zu [6] [BKA IV/1 243] schaffen u.]und den Pfad dahin zu bahnen. Da[MA II 616] durch hat das Ganze aufgehört eine Antiquität zu sein. Man will sich den Genuß erkaufen, „wär’s]wärs auch mit einem Tropfen Schweißes nur“. nur.“ Du bist mir noch einmal so lieb geworden, seitdem ich um Deinetwillen reise.

Aber die Natur hat zuviel gethan,]getan, um mißvergnügt diesen Platz zu verlassen. Welch’ eine Fülle von Schönheit! Wahrlich, es war ein natürlicher Einfall, sich hier ein Haus zu bauen, denn ein schönerer Platz läßt sich schwerlich denken. Mitten im engen Gebirge hat man die Aussicht in drei reizende Thäler.]Täler. Wo sie sich kreuzen, steht ein Fels, auf ihm die alte Ruine. Von hier aus übersieht man das Ganze. An seinem Fuße, wie an den Felsen geklebt, hangen zerstreut die Häuser von Tharandt. Wasser sieht man in jedem Thale,]Tale, grüne Ufer, waldige Hügel. Aber das schönste Thal]Tal ist das südwestliche. Da schäumt die Weißritz heran, durch schroffe Felsen, die Tannen u.]und Birken tragen, schön gruppirt]gruppiert wie Federn auf den Köpfen der Mädchen. Dicht unter der Ruine bildet sie selbst ein natürliches Bassin, u.]und wirft das verkehrte Bild der Gegend malerisch schön zurück.

[DKV IV 101]

Bei der Rückfahrt sah ich Dreßden]Dresden in der Ferne. Es liegt, vielthürmig,]vieltürmig, von der Elbe getheilt,]geteilt, in einem weiten Kessel von Bergen. Der Kessel ist fast zu weit. Unzählige Mengen von Häusern liegen so weit man sieht umher, wie vom Himmel herabgestreut. Die Stadt selbst sieht aus, als [Heimböckel:1999 (Reclam) 105] wenn sie von den Bergen herab zusammengekollert wäre. Wäre das Thal]Tal enger, so würde dies Alles]alles mehr concentrirt]konzentriert sein. Doch auch so ist es reizend.

Gute Nacht, liebes Mädchen. Es ist 10 Uhr, morgen früh muß ich Dir noch mehr schreiben u.]und also früh aufstehen. Gute Nacht.

[SE:1993 II 545]

d.]den 4t ]4. Septmbr,]September, Morgends]morgens 5 Uhr.

Guten Morgen, Minchen. Ich bin gestern bei meiner Erzählung zu rasch über manchen interessanten Gegenstand hinweggegangen u.]und ich will das heute noch nachholen.

In der Mitte des plauenschen]Plauenschen Grundes krümmt sich das Thal]Tal u.]und bildet da einen tiefen Einschnitt. Die Weißritz stürtzt]stürzt sich gegen die Wand eines vorspringenden Felsens u.]und will ihn gleichsam durchbohren. Aber der Felsen ist stärker, wankt nicht, u.]und beugt ihren stürmischen Lauf.

[MA II 617]

Da hangt an dem Einschnitt des Thales,]Tales, zwischen Felsen u.]und Strom, ein Haus, eng u.]und einfältig gebaut, wie für einen Weisen. Der hintere Felsen giebt]gibt dem Örtchen Sicherheit, Schatten winken ihm die überhangenden Zweige zu, Kühlung führt ihm die Welle der Weißritz entgegen. [7] [BKA IV/1 244] Höher hinauf in das Thal]Tal ist die Aussicht schauerlich, tiefer hinab in die Ebene von Dreßden]Dresden heiter. Die Weißritz trennt die Welt von diesem Örtchen u.]und nur ein schmaler Steg führt in seinen Eingang. — Eng sagte ich, wäre das Häuschen? Ja freilich, für Assembleen Assemblee: Versammlung ›vornehmer Personen‹. Siehe Adelung: ›Assemblēe‹ u.]und Redouten. Fest- und Tanzveranstaltungen. Siehe Adelung: ›Redōute‹ Aber für 2 Menschen u.]und die Liebe weit genug, weit hinlänglich genug.

Ich verlor mich in meinen Träumereien. Ich sah mir das Zimmer aus, wo ich wohnen würde, ein anderes, wo Jemand]jemand Anderes]anderes wohnen würde, ein drittes, wo wir beide wohnen würden. Ich sah eine Mutter auf der Treppe sitzen, ein Kind schlummernd an ihrem Busen. Im Hintergrunde kletterten Knaben an dem Felsen, u.]und sprangen von Stein zu Stein, u.]und jauchzten laut —

[DKV IV 102]

In dem reizenden Thale]Tale von Tharandt war ich unbeschreiblich bewegt. Ich wünschte recht mit Innigkeit Dich [Heimböckel:1999 (Reclam) 106] bei mir zu sehen. Solche Thäler,]Täler, eng u.]und heimlich, sind das wahre Vaterland der Liebe. Da würden wir Freuden genossen haben, höhere noch als in der Gartenlaube. Und wie herrlich müßte einmal ein kurzes Leben in der idealischen Natur auf Deine Seele wirken. Denn tiefe Eindrücke macht der Anblick der erhabenen edlern edlen edlen ]edlen Schöpfung auf weiche, empfängliche Herzen. Die Natur würde gewiß das Gefühl u.]und den Gedanken in Dir erwecken; ich würde ihn zu entwickeln suchen u.]und selbst neue Gedanken u.]und Gefühle bilden. — O, einst müssen wir einmal beide eine schöne Gegend besuchen. Denn da erwarten uns ganz neue Freuden, die wir noch gar nicht kennen.

[SE:1993 II 546]

So erinnert mich fast jeder Gegenstand durch eine entfernte oder nahe Beziehung an Dich, mein liebes, geliebtes Mädchen. Und wenn mein Geist sich einmal in einer eine [Graph undeutlich] wissenschaftlichen Folgereihe von Gedanken von Dir entfernt, so führt mich ein Blick auf Deinen Tobacksbeutel,]Tobaksbeutel, der immer an dem Knopfe meiner Weste hangt, oder auf Deine Handschuh, die ich selten ausziehe, oder auf das blaue Band, das Du mir um den linken Arm gewunden hast, u.]und das immer noch, unaufge[MA II 618] löst, wie das Band unserer Liebe, verknüpft ist, wieder zu Dir zurück.

———

Abgeschickt den 1t Brief aus Berlin 2 ____ Pasewalk 3 ____ Berlin 4 ____ Berlin 5 ____ Leipzig u.]und diesen aus Dreßden.]Dresden. Empfangen.]Empfangen Zwei Briefe, nur zwei, aber zwei herrliche, die ich mehr als einmal durchgelesen habe. Wann werde ich wieder etwas von Deiner Hand sehen?

[8] [BKA IV/1 247]

Wegen der nun folgenden Instruction]Instruktion will ich mich kurz fassen. Ich habe Ulriken das Nöthige]Nötige hierüber geschrieben u.]und sie gebeten Dir ihren Brief mitzutheilen.]mitzuteilen. Mache Du es [Heimböckel:1999 (Reclam) 107] mit Deinen Briefen, wie sie es mit dem Gelde machen soll. [DKV IV 103] Schreibe gleich nach Würzburg in Franken. Sei ruhig. Lebe wohl. Morgen schreibe ich Dir wieder. In 5 Minuten reise ich von hier ab.

Dein treuer Freund Heinrich.

(Diese Correspondenz]Korrespondenz wird Dir vieles Geld kosten. Zu Kleists Zeit musste der Empfänger für die zugestellten Briefe zahlen. Ich werde das ändern, so viel es möglich ist. Was es Dir doch kostet, werde ich Dir schon einst ersetzen.)

18
An Wilhelmine v. Zenge, 03. September 1800

Quellenangaben für Zitation
https://kleist-digital.de/briefe/018, [ggf. Angabe von Zeile/Vers oder Seite], 02.05.2026

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Textwiedergabe nach Kopie der Handschrift. Die Handschrift ist in Besitz von:
Biblioteka Jagiellońska, Kraków; Sammlung Autographa (H. v. Kleist)

Erstdruck: [Bieder:1884] 43–53

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  • [BKA] (017) IV/1 229–247
  • [MA] (017) II 610–618
  • [DKV] (020) IV 94–103
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Die durchgeführte Kollation mit unterschiedlichen historischen und aktuellen Kleist-Editionen zeigt bestimmte Lesarten und Emendationen, die von der vorliegenden emendierten Fassung abweichen. In den Anmerkungen finden sich hierzu häufig nähere Erläuterungen. (Gelegentlich ist die Ursache für Abweichungen ein Transkriptionsfehler in der jeweiligen Edition.)

Disclaimer: Abweichungen, die ihren Grund in typographisch bedingten Normalisierungen und Standardisierungen haben, werden nicht angezeigt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden. Mitgeteilte Abweichungen müssen am Original überprüft werden.

[MP:1936] [6 Abw.]
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Stellenkommentar

53 zweistockhohes viereckiges Haus,Wahrscheinlich handelt es sich um das Schloss Gattersburg an der Mulde in Grimma. Ein altes Postkartenmotiv zeigt das Anwesen u. a. in seiner alten Form von 1867.

112 Leichname aller Markgrafen Die Mark Meißen geht auf eine Gründung durch Otto I. im Jahre 965 zurück. Ab 1425 wurden die Markgrafen (nach dem Tod Albrechts III. und dem Aussterben des Geschlechts der Askanier) zu Kurfürsten von Sachsen.
Der Bau des Zisterzienser-Klosters geht auf Markgraf Otto von Meißen, »der Reiche« (1156-1190) zurück, der das Kloster auch als Erbbegräbnisstätte für die Wettiner (die zu dieser Zeit die Markgrafen stellten) plante. Von 1190 bis 1381 war Altzella die Begräbnisstätte der Markgrafen, insgesamt 26 Wettiner. Siehe Liste der Markgrafen.
Begraben in Altzella sind u. a.: Otto, »der Reiche« (NDB/ADB, Wikisource/ADB, Wikipedia) ; Friedrich II., »der Ernsthafte« (NDB/ADB, Wikisource/ADB) ; Friedrich III., »der Strenge« (Wikisource/ADB)

113 Skelette ausgegraben,Ab 1676 ließen die sächsischen Kurfürsten Grabungen nach ihren Vorfahren durchführen, die bis 1787 andauerten, also bis 13 Jahre vor der Reise Kleists durch Nossen.

118 Sieg In der Schlacht bei Kesselsdorf wurde am 15. Dezember 1745 der 2. Schlesische Krieg (1744–1745) zugunsten Preussens gegen die Verbündeten Sachsen und Österreich entschieden. (Wikipedia)

131 große Lampe im Osten angesteckt Sonnenaufgang

133 Ambassadeur,franz.: Botschafter

137 Instruction Siehe vorige Briefe (hier und hier)

145 1t Novmbr Siehe Brief an Ulrike v. Kleist v. 26. August.

164 berühmte Die Dresdner Gemäldegalerie befand sich zu Kleists Zeit im Johanneum, Neumarkt 1, im 1. Obergeschoss (heute das Verkehrsmuseum).

220 Assembleen Assemblee: Versammlung ›vornehmer Personen‹. Siehe Adelung: ›Assemblēe‹

220 Redouten.Fest- und Tanzveranstaltungen. Siehe Adelung: ›Redōute‹

261 Dir vieles Geld kosten.Zu Kleists Zeit musste der Empfänger für die zugestellten Briefe zahlen.

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