[019] An Wilhelmine v. Zenge, 04. September 1800
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[1] [BKA IV/1 252] [DKV IV 103] [SE:1993 II 546] [Heimböckel:1999 (Reclam) 107] [MA II 618] Oderan]Öderan im Erzgebirge, d.]den 4t ]4. Septbr. 1800, Abends]abends 9 Uhr. ]Uhr /
So heißt der Ort, der mich für diese Nacht empfängt. Er ist zwar / von Dir nicht gekannt, aber er sorgt doch für Deine Wünsche Wünsche, [Graph undeutlich] wie für einen / alten Freund. Denn er bietet mir ein Stübchen an, ganz wie / das Deinige in Frankfurt; u.]und ich werde nicht einschlafen, ohne tausend/mal an Dich gedacht zu haben. /
[MA II 619] [SE:1993 II 547]Unsere Reise gieng]ging von Dreßden]Dresden aus süd-westlich,]südwestlich, immer an dem / Fuße des Erzgebirges entlang, über Freiberg nach Oderan. Die / ganze Gegend sieht aus wie ein bewegtes Meer von Erde. Das / sind nichts als Wogen, immer die eine kühner als die andern. / 10 Doch sahen wir noch nichts von dem eigentlichen Hochgebirge. Bei / Freiberg giengen]gingen wir wieder über denselben Strom, den wir / schon bei Nossen auf der Reise nach Dreßden]Dresden passirt]passiert waren;/ welches aber nicht die Mulde ist. In dem Thale]Tale dieses Flusses / liegt das Bergwerk. Wir sahen es von Weitem]weitem liegen u.]und mich / drängte die Begierde, es zu sehen. Aber mein Ziel trat mir vor Au/gen, u.]und in einer halben Stunde hatte ich Freiberg schon wieder / im Rücken. /
Hier bin ich nun 6 Meilen von Dreßden.]Dresden. Brokes [Heimböckel:1999 (Reclam) 108] wünscht hier / zu übernachten, aus Gründen, die ich Dir in der Folge mittheilen]mitteilen / 20 werde. Ich benutzte noch die erste Viertelstunde, um Dir an einem / Tage auch noch den zweiten Brief zu schrei[DKV IV 104] ben. Mein letzter Brief / aus Dreßden]Dresden ist auch vom 4t, ]4., von heute. Du sollst an Nachrichten / von mir nicht Mangel haben. Aber diese Absicht ist nun erfüllt,/ u.]und eigentlich bin ich herzlich müde. Also gute Nacht, liebes Mädchen. / Morgen schreibe ich mehr. /
Kemnitz,]Chemnitz, d. ]den 5t ]5. Septmbr,]September, Morgends]morgens 8 Uhr. /
Wie doch zwei Kräfte immer in dem Menschen sich streiten! / Immer weiter von Dir führt mich die eine, die Pflicht, u.]und die andere,/ die Neigung, strebt immer wieder zu Dir zurück. Aber die höhere / 30 Macht soll siegen, u.]und sie wird es. Laß mich nur ruhig meinem / Ziele entgegen gehen, Wilhelmine. Ich wandle auf einem guten / Wege, das fühle ich an meinem heitern Selbstbewußtsein,/ [2] [BKA IV/1 255] an der Zufriedenheit, die mir das Innere durchwärmt. Wie würde / ich sonst mit solcher Zuversicht zu Dir sprechen? Wie würde ich sonst / Dich noch mit inniger Freude die meinige]Meinige nennen können? Wie würde / ich die schöne Natur, die jetzt mich umgiebt,]umgibt, so froh u.]und ruhig genießen / können? Ja, liebes Mädchen, das letzte ist entscheidend. Einsamkeit / in der offnen Natur, das ist der Prüfstein des Gewissens. In Gesell/schaften, auf den Straßen, in dem Schauspiele mag es schweigen,/ 40 denn da wirken die Gegenstände nur auf den Verstand u.]und bei ihnen / braucht man kein Herz. Aber wenn man die weite, edlere, er[SE:1993 II 548] habe/nere Schöpfung vor sich sieht, — ja da braucht [MA II 620] man ein Herz, da / regt es sich unter der Brust u.]und klopft an das Gewissen. Der erste / Blick flog in die weite Natur, der zweite schlüpft heimlich in / unser innerstes Bewußtsein. Finden wir uns selbst / häßlich, uns allein in diesem Ideale von Schönheit, ja dann / ist es vorbei mit der Ruhe, u.]und weg ist Freude u.]und Genuß. Da drückt / es uns die Brust zusammen, wir können das Hohe u.]und Göttliche nicht / fassen, u.]und wandeln stumpf [Heimböckel:1999 (Reclam) 109] u.]und sinnlos wie Sclaven]Sklaven durch die Palläste]Paläste / 50 ihrer Herren. Da ängstigt uns die Stille der Wälder, da schreckt uns / das Geschwätz der Quelle, uns ist die Gegenwart Gottes zur / Last, wir u. wir [Graph undeutlich, ›u.‹ eher gestr.] stürzen uns in das Gewühl der Menschen um uns / selbst unter der Menge zu verlieren, u.]und wünschen uns nie, nie / wiederzufinden. /
[DKV IV 105]Wie froh bin ich, daß doch wenigstens ein Mensch in der Welt / ist, der mich ganz versteht. Ohne Brokes würde mir vielleicht / Heiterkeit, vielleicht selbst Kraft zu meinem Unternehmen fehlen. / Denn ganz auf sein Selbstbewußtsein zurückgewiesen zu sein,/ nirgends ein Paar]paar Augen finden, die uns Beifall zuwinken / 60 — u.]und doch recht thun,]tun, das soll freilich, sagt man, die Tugend der / Helden sein. Aber wer weiß ob Christus am Kreuze gethan]getan / haben würde, was er that, wenn / nicht aus dem Kreise wüthender]wütender Verfolger / seine Mutter u.]und seine Jünger feuchte Blicke des Entzückens / [3] [BKA IV/1 256] auf ihn geworfen hätten. /
Die Post ist vor der Thüre,]Türe, Adieu.]adieu. Ich nehme diesen Brief noch / mit mir. Er kömmt zwar immer weiter von Dir ab u.]und / später wirst Du ihn nun erhalten. Aber das Porto / ist theuer,]teuer, u.]und wir beide müssen für ganzes Geld auch das / 70 ganze Vergnügen genießen. /
Noch einen Gedanken — —. Warum, wirst Du sagen, warum / spreche ich so geheimnißreiche]geheimnisreiche Gedanken halb aus, die ich doch nicht / ganz sagen will? Warum rede ich von Dingen, die Du nicht verstehn / kannst u.]und sollst? Liebes Mädchen, ich will es Dir sagen. Wenn ich so / etwas schreibe, so denke ich mich immer zwei Monate älter. Wenn / wir dann einmal, in der Gartenlaube, einsam, diese Briefe / durchblättern werden, und ich Dir solche dunkeln Äußerungen / erklären werde, und Du mit dem Ausruf des Erstaunens: ja so,/ so war das gemeint — — / 80
Adieu. Der Postillion bläst. /
[Heimböckel:1999 (Reclam) 110] [SE:1993 II 549]Lungwitz, um ½ 11 Uhr. ]Uhr /
O welch’]welch ein herrliches Geschenk des Himmels ist ein schönes / [MA II 621] Vaterland! Wir sind durch ein einziges Thal]Tal gefahren,/ romantisch schön. Da ist Dorf an Dorf, Garten an Garten,/ herrlich bewässert, schöne Gruppen von Bäumen an den Ufern,/ Alles]alles wie eine englische Anlage. Jeder Bauerhof ist eine / Landschaft. Reinlichkeit u.]und Wohlstand blickt aus Allem]allem hervor. / Man sieht aus dem Ganzen, daß auch der Knecht u.]und die Magd / hier das Leben genießen. Frohsinn u.]und Wohlwollen [DKV IV 106] spricht uns / 90 aus jedem Auge an. Die Mädchen sind zum Theil]Teil höchst interessant / gebildet. Das findet man meistens in allen Gebirgen. Wahrlich,/ wenn ich Dich nicht hätte, u.]und reich wäre, ich sagte à dieu a toutes / les beautés des villes. Ich durchreisete die Gebirge, besonders die / dunkeln Thäler,]Täler, spräche ein von Haus zu Haus, und wo ich ein blaues / Auge unter dunkeln Augenwimpern, oder bräunliche Locken auf / dem weißen Nacken fände, da wohnte ich ein Weilchen u.]und sähe zu / ob das Mädchen auch im Innern so schön sei, wie von außen. / Wäre das, u.]und wäre auch nur ein Fünkchen von Seele in ihr, ich nähme / sie mit mir, sie auszubilden nach meinem Sinn. Denn das / 100 [4] [BKA IV/1 259] ist nun einmal mein Bedürfniß;]Bedürfnis; u.]und wäre ein Mädchen / auch noch so vollkommen, ist sie fertig, so ist es nichts für / mich. Ich selbst muß es mir formen u.]und ausbilden, sonst fürchte / ich, geht es mir, wie mit dem Mundstück an meiner Clarinette.]Klarinette. / Die kann man zu Dutzenden auf der Messe kaufen, aber wenn / man sie braucht, so ist kein Ton rein. Da gab mir einst der Mu/sicus]Musikus Baer in Potsdam ein Stück, mit der Versicherung, das sei / gut, er könne gut darauf spielen. Ja, er, er [Graph undeutlich] das glaub’ ich. Aber mir gab es / lauter falsche quickende]quieckende Töne an. Da schnitt ich mir von einem / gesunden Rohre ein Stück ab, formte es nach meinen / 110 Lippen, schabte u.]und kratzte mit dem Messer bis es in jeden Ein/schnitt meines Mundes paßte — — u.]und das gieng]ging herrlich. Ich / spielte nach Herzenslust. — /
[Heimböckel:1999 (Reclam) 111]Zuweilen bin ich auf Augenblicke ganz vergnügt. Wenn ich so / im offnen Wagen sitze, der Mantel gut geordnet, die Pfeife / brennend, neben mir Brockes, tüchtige Pferde, guter Weg, und / immer rechts u.]und links die Erscheinungen wechseln, wie Bilder auf / dem Tuche bei dem Guckkasten — und vor mir das schöne Ziel,/ u.]und hinter mir das liebe Mädchen — — u.]und in mir Zufriedenheit / — dann, ja dann bin ich froh, recht herzlich froh. / 120
[MA II 622] [SE:1993 II 550]Wenn Du einmal könntest so neben mir sitzen, zur Linken,/ Arm an Arm, Hand in Hand, immer Gedanken wechselnd / und Gefühle, bald mit den Lippen, bald mit den Fingern — ja / das würden schöne, süße herrliche Tage sein. /
[DKV IV 107]Was das Reisen hier schnell geht, das glaubst Du gar nicht. Oder / ist es die Zeit, die so schnell verstreicht? Fünf Uhr war es als wir / von Oderan abfuhren, jetzt ist es ½ 11, also in 5 ½ Stunde 4 Meilen. / Jetzt geht es gleich weiter nach Zwickau. Wir fliegen wie die Vögel / über die Länder. Aber dafür lernen wir auch nicht viel. / Einige flüchtige Gedanken sind die ganze Ausbeute unsrer / 130 Reise. /
Sind Sie in Dreßden]Dresden gewesen? — „Ja, durchgereist.“ — Haben Sie / das grüne Gewölbe gesehen? — „Nein“ — das]Das Schloß? — „Von außen“./ — Königsstein? — „Von weitem“ — Pillnitz, Moritzburg? — / „Gar nicht.“ — Mein Gott, wie ist das möglich? — Möglich? Mein / Freund, das war nothwendig.]notwendig. /
[5] [BKA IV/1 260]Weil wir eben von Dreßden]Dresden sprechen — da habe ich Dir einige / Ansichten dieser Gegend mitgeschickt. So kannst Du Dir deutlicher / denken, wo Dein Freund war. Bei Dreßden,]Dresden, rechts, der grüne / Vordergrund, das ist der Zwinger. Nein — Eigentlich der Thurm,]Turm, / 140 an den der grüne Berg u.]und die grüne Allee stößt, das ist der Zwinger, / d. h. der kurfürstliche Garten. Auf diesem grünen Berge stand ich u.]und sah über / die Elbbrücke. — Das Stück von Tharandt ist schlecht. Tausendmal / schöner hat es die Natur gebildet, als dieser Pfuscher von Künstler. / Übrigens kann es doch meine mein [Graph undeutlich] Beschreibung davon / erklären. Der höchste Berg in der [Heimböckel:1999 (Reclam) 112] Mitte, wo die schönsten Sträucher stehen,/ da stand ich. Die Aussicht über den See ist die schönste. Die andern beiden / sind hier versteckt. — Das dritte Stück: die Halsbrücke zu Freiberg / kaufte ich ebenfalls zu Dreßden]Dresden in Hofnung]Hoffnung sie in natura zu sehen. / Aber daraus ward nichts, nicht einmal von weitem. / 150
Adieu, in der nächsten Station noch ein Wort, u.]und dann wird / der Brief zugesiegelt u.]und abgeschickt. /
Zwickau, 3 Uhr Nachmittags. ]nachmittags /
Jetzt habe ich das Schönste auf meiner ganzen bisherigen Reise / gesehen, u.]und ich will es Dir beschreiben. /
Es war das Schloß Lichtenstein. Wir sahen von einem hohen Berge / herab, rechts und links dunkle Tannen, ganz wie ein ge[SE:1993 II 551] [MA II 623] wählter / Vordergrund; zwischen durch eine Gegend, [DKV IV 108] ganz wie ein geschloßnes]geschlossnes / Gemälde. In der Tiefe lag zur Rechten am Wasser das Gebirgsstädtchen; hinter / ihm, ebenfalls zur Rechten, auf der Hälfte eines ganz buschigten Felsens,/ 160 das alte Schloß Lichtenstein; hinter diesem, immer noch zur rechten]Rechten / ein höchster Felsen, auf welchem ein Tempel steht. Aber zur Linken / öffnet sich ein weites Feld, wie ein Teppich, von Dörfern, Gärten / u.]und Wäldern gewebt. Ganz im Hintergrunde ahndet das Auge blasse / Gebirge u.]und drüber hin, über die höchste matteste Linie der Berge,/ schimmert der bläuliche Himmel, der Himmel im Norden, der Himmel / von Frankfurt, der Himmel, der mein liebes Minchen beleuchtet,/ u.]und beschützen möge, bis ich es einst wieder in meine Arme drücke. /
Ja, mein liebes Mädchen, das ist ein ganz andrer Styl]Stil von Gegend,/ als man in unserm traurigen märkischen Vaterlande sieht. / 170 [6] [BKA IV/1 263] Zwar ist das Thal,]Tal, das die Oder ausspült, besonders bei Frankfurt / sehr reizend. Aber das ist doch nur ein bloßes Miniatür-Ge/mälde.]Miniatürgemälde. Hier sieht man die Natur gleichsam in Lebensgröße. / Jenes ist gleichsam wie die Gelegenheitsstücke großer Künstler,/ flüchtig gezeichnet, nicht ohne [Heimböckel:1999 (Reclam) 113] meisterhafte Züge, aber ohne Vollendung;/ dieses hingegen ist ein Stück, mit Begeisterung gedichtet, mit / Fleiß u.]und Genie auf das Tableau geworfen, u.]und aufgestellt vor / der Welt mit der Zuversicht auf Bewunderung. /
Dabei ist Alles]alles fruchtbar, selbst die höchsten Spitzen bebaut, und / oft bis an die Hälfte des Berges, wie in der Schweiz, laufen / 180 saftgrüne Wiesen hinan. — /
Aber nun muß ich den Brief zusiegeln. Adieu. Schreibe mir doch / ob Vater u.]und Mutter nicht nach mir gefragt haben; u.]und in welcher Art. / Aber sei ganz aufrichtig. Ich werde ihnen flüchtige Gedanken, die / natürlich sind, nicht verdenken. Aber bleibe Du standhaft, u.]und verlasse / Dich darauf, daß ich diesmal besser für Dich, u.]und also für Deine Eltern / sorge, als je in meinem Leben. /
Adieu — Oder soll ich Dir noch einmal schreiben von der / nächsten Station? Soll ich? — Es ist 3 Uhr, um 6 sind wir in Reichen /bach — ja es sei. — Aber für diesen Brief, für dieses [DKV IV 109] Kunststück / 190 einen 8 Seiten langen Brief mitten auf einer ununterbrochenen Extra/-Post-Reise]Extrapost-Reise zu schreiben, dafür, sage ich, [MA II 624] mußt Du du [Graph unklar, bka: ›Du‹] mir auch bei / der Rückkehr entweder — einen Kuß geben, oder [SE:1993 II 552] mir ein / neues Band in den Tobacksbeutel]Tobaksbeutel ziehen. Denn das alte ist / abgerissen. /
Aber nun will ich auch einmal etwas essen. Adieu. In Reichenbach / mehr. — /
Geschwind noch ein Paar]paar Worte. Der Postillion ist faul u.]und langsam,/ ich bin fleißig u.]und schnell. Das ist natürlich, denn er arbeitet für Geld,/ u.]und ich für den Lohn der Liebe. / 200
Aber geschwind — Ich bin in die sogenannte große Kirche gewesen,/ hier in Zwickau. Da giebt]gibt es Manches]manches zu sehen. / [7] [BKA IV/1 264] Zuerst ist der Eindruck des Innern angenehm u.]und erhebend. / Ein weites Gewölbe wird von wenigen u.]und doch schlanken Pfeilern / getragen. Wir sehen es gern, wenn mit geringen Kräften ausgewirkt / wird, was große zu erfordern scheint. Ferner war zu sehn ein / Stück von Lucas Cranach, mit Meisterzügen, aber ohne Plan und / Ordnung, wie die durchlöcherten u.]und gefärbten Stücke, die an den Thüren]Türen [Heimböckel:1999 (Reclam) 114] / der Bauern, Soldaten u.]und Bedienten hangen; doch das kennst Du nicht. / Ferner war zu sehn, ein Model]Modell des heiligen Grabes zu Jerusalem / 210 aus Holz geschnitzt &]etc. &]etc. /
Dabei fällt mir eine Kirche ein, die ich Dir noch nicht beschrieben / habe; die Nickolskirche zu Leipzig. Sie ist im Äußern, wie die / Religion, die in ihr gepredigt wird, antik, im Innern nach dem / modernsten Geschmack ausgebaut. Aus der Kühnheit der äuße/ren Wölbungen sprach uns der Götze der abendtheuerlichen]abenteuerlichen / Gothen]Goten zu; aus der edeln Simplicität]Simplizität des Innern wehte uns / der Geist der verfeinerten Griechen an. Schade daß ein — — /— ich hätte beinah etwas gesagt, was die Priester übelnehmen. / Aber das weiß ich, daß die edeln Gestalten der leblosen Steine / 220 wärmer zu meinem Herzen sprachen, als der hochgelehrte / Priester auf seiner Kanzel. /
[DKV IV 110]Reichenbach, Abends]abends 8 Uhr. ]Uhr /
Nur zwei Dinge mögte]möchte ich gewiß wissen, dann wollte ich mich / leichter, über den Mangel aller Nachrichten von Dir trösten: erstens / ob Du lebst, zweitens, ob Du mich liebst. Oder nur das Erste;]erste; denn / dies, hoffe ich, schließt bei Dir, wie bei mir, das Andere]andere ein. / Aber am Liebsten]liebsten fast mögte]möchte ich wissen, ob Du ganz ruhig bist. / Wenn Du nur damals an jenem Abend in der Gartenlaube / nicht geweint hättest, als ich Dir einen doppel[MA II 625] sinnigen Gedanken / 230 mittheilte,]mitteilte, von dem Du gleich den übelsten Sinn auffaß[SE:1993 II 553] test. / Aber Du versprachst mir Besserung, u.]und wirst Dein Wort / [8] [BKA IV/1 267] halten u.]und vernünftig sein. Wie sollte es Dich einst reuen,/ Wilhelmine, wenn Du mit Beschämung, vielleicht in Kurzem,]kurzem, / einsähest, Deinem redlichsten Freunde mißtraut zu haben. / Und wie wird es Dich dagegen mit innigem Entzücken erfüllen,/ wenn Du in wenigen Wochen, den Freund, dem den [Graph unklar] Du Alles]alles ver/trautest, u.]und der Dich in nichts betrog, in die Arme schließen / kannst. /
Adieu, liebes Mädchen, jetzt schließe ich den Brief. In der / 240 nächsten Station fange ich einen andern Brief an. Es werden / [Heimböckel:1999 (Reclam) 115] doch Zwischenräume von Tagen sein, ehe Du den folgenden Brief / empfängst. Vielleicht empfängst Du sie auch alle auf einmal./ — Aber was ich in der Nacht denken werde weiß ich nicht, denn / es ist finster, u.]und der Mond verhüllt. — Ich werde ein / Gedicht machen. Und worauf? — Da fielen mir heute / die Nadeln ins Auge, die ich einst in der Gartenlaube auf/suchte. Unaufhörlich lagen sie mir im Sinn. Ich werde / in dieser Nacht ein Gedicht auf oder an eine Nadel machen. / Adieu. Schlafe wohl, ich wache für Dich. H. K. / 250
N. S. So eben]Soeben höre ich, daß der Waffenstillstand zwischen / Kaiserlichen u.]und Franzosen morgen, d.]den 6t ]6. aufhört. Wir reisen / grade den Franzosen entgegen, u.]und da wird es was Neues / zu sehen geben. Wenn nur die Briefe nicht gehindert werden! / Aber Briefe an Damen — die Franzosen sind artig — ich hoffe / das Beßte.]Beste. Fürchte nichts für mich. /
