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  • [050] A. v. Werdeck, 28./29.1801

[050] An Adolphine v. Werdeck, 28./29. Juli 1801

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[1] [BKA IV/2 70] [DKV IV 248] [SE:1993 II 671] [Heimböckel:1999 (Reclam) 257] [MA II 751] Paris, d.]den 28t 28t (und 29t) 28t (und 29.) ]28. (und 29.) Juli, ]Juli 1801. ]1801

Gnädigste Frau,

Erkennen Sie an diesen Zügen wohl noch die Schrift eines Jünglings, die seit
sechs Jahren
nicht mehr vor Ihren Augen erschien?
Können Sie aus ihrer Form
wohl noch, wie sonst, [MA II 752] den Namen des Schriftstellers errathen,]erraten, und regt sich dabei 5
in Ihrer Seele wohl noch ein wenig von dem Wohlwollen, von dem sie ihm einst
so viel schenkten?
Oder ist diese Hand Ihnen unbekannt geworden? Hat sie sich
mit dem Herzen verändert?
Ist sie alt geworden mit ihm, u.]und muß sie sein Schick⸗
sal
theilen,]teilen, weniger Theilnahme]Teilnahme zu finden, als in der Blüthenzeit]Blütenzeit der Jugend?
— Ach,
was ist das Leben eines Menschen für ein farbenwechselndes Ding!
Sechs Jahre! 10
Wie viele Gedanken, wie viele Gefühle, wie viele Wünsche, wie viele Hoffnungen,
wie viele Täuschungen, wie viele Freuden, wie viele Leiden schließen
sechs Jünglingsjahre ein!
Wie der Felsen, dessen drohender Gipfel, [DKV IV 249] wenn wir
unter seinen Füßen stehen, Erstaunen u.]und Verwunderung in [Heimböckel:1999 (Reclam) 258] unsrer Seele
erregt, nach u.]und nach, wenn wir uns von ihm entfernen, immer kleiner u.]und [SE:1993 II 672] kleiner 15
wird, und endlich zu einem dämmernden Pünctchen]Pünktchen schwindet, das wir mühsam
suchen müssen, um es zu finden, so werden auch die großen Momente der Ver⸗
gangenheit
immer kleiner u.]und kleiner —
Selbst Gefühle an deren Ewigkeit
wir nicht zweifelten, schwinden ganz aus dem Gedächtniß.]Gedächtnis.
Es war eine Zeit,
wo ich nicht glaubte, daß diese Seele jemals einen andern Gedanken bearbeiten 20
würde, als einen einzigen, jemals ein anderes Gefühl lieb gewinnen könnte,
als ein einziges; und jetzt muß eine Zeitung mir in die Hände fallen, oder
ein Comet]Komet über die Erde ziehen, um mich seiner zu erinnern — ?
Ach, die
Liebe entwöhnt uns von ihren Freuden, wie die Mutter das Kind von der Milch,
indem sie sich Wehrmuth]Wermut auf die Brust legt —
Und doch ist die Erinnerung selbst 25
an das Bitterste noch süß.
Ja, es ist kein Unglück, das Glück verloren zu haben,
das erst ist ein Unglück, sich seiner nicht mehr zu erinnern.
So lange wir noch
die Trümmern der Vergangenheit besuchen können, so lange hat das Leben auch
immer noch eine Farbe.
Aber wenn ein unruhiges Schicksal uns zerstreut,
wenn die rohen Bedürfnisse des Daseins die leiseren übertäuben, wenn die Noth⸗30
wendigkeit]Notwendigkeit
uns zu denken, zu streben, zu handeln zwingt, wenn neue Gedanken
sich zeigen u.]und wieder verschwinden, neue Wünsche sich regen u.]und wieder sinken, neue
Bande sich knüpfen, u.]und wieder zerreißen, wenn wir dann zuweilen, flüchtig,
mit ermatteter Seele, die geliebten Ruinen besteigen, das Blümchen der Er⸗
innerung
zu pflücken, und dann auch hier Alles]alles [MA II 753] leer u.]und öde finden, die 35
schönsten Blöcke in Staub u.]und Asche gesunken, die letzten Säulen dem Sturze nah,
bis zuletzt das ganze Monument matt u.]und flach ist, wie die Ebene, die es trägt,
dann erst verwelkt das Leben, dann bleicht es aus, dann verliert es alle seine bunten
Farben —
Wie viele Freuden habe ich auf dieser Reise genossen, wie viel Schönes
gesehen, wie viele Freunde gefunden, wie viele großen Augenblicke durchlebt,40
— Aber zu schnell wechs[DKV IV 250] eln [Heimböckel:1999 (Reclam) 259] die Erscheinungen im Leben, zu eng ist das Herz
sie alle zu umfassen, und immer die vergangnen schwinden, Platz zu machen
den neuen —
Zuletzt ekelt dem Herzen vor den neuen, u.]und matt giebt]gibt es sich
Eindrücken hin, deren Vergänglichkeit es vorempfindet —
Ach, es muß leer
u.]und öde u.]und traurig sein, später zu sterben, als das Herz —
45

Mit welchen Empfindungen ich Mainz wiedererblickte, das [SE:1993 II 673] ich schon als Kna⸗
be
einmal sah
— wie ließe sich das beschreiben?
Das war damals die
[2] [BKA IV/2 73] die][gestr.] [gestr.]
üppigste Secunde]Sekunde in der Minute meines Lebens! Sechzehn Jahre, der
Frühling, die Rheinhöhen, der erste Freund, den ich so]soeben eben] gefunden hatte,
u.]und ein Lehrer wie Wieland, dessen Sympathien]»Sympathien« ich damals laß]las —
War 50
die Anlage nicht günstig, einen großen Eindruck tief zu begründen?

Warum ist die Jugend die üppigste Zeit des Lebens? Weil kein Ziel so hoch
u.]und so fern ist, das sie sich nicht einst zu erreichen getraute.
Vor ihr liegt eine
Unendlichkeit —
Noch ist nichts bestimmt, u.]und Alles]alles möglich — Noch spielt die
Hand, muthwillig]mutwillig zögernd, mit den Loosen]Losen in der Urne des Schicksals,55
welche auch das große enthält — warum sollte sie es nicht fassen können?
Sie säumt u.]und säumt, indem schon die bloße Möglichkeit fast eben]ebenso so] wol⸗
lüstig
ist, wie die Wirklichkeit —
Indessen spielt ihr das Schicksal einen
Zettel unter die Finger — es ist nicht das große Loos,]Los, es ist keine Niete,
es ist ein Loos,]Los, wie es Tausende schon getroffen hat, u.]und Millionen 60
noch treffen wird.

Damals entwickelten sich meine ersten Gedanken u.]und Gefühle. In
meinem Innern sah es so poetisch aus, wie in der Natur, die mich um⸗
gab
.
Mein Herz schmolz unter so vielen begeisternden Eindrücken,
mein Geist flatterte wollüstig, wie ein Schmetterling über honig⸗65
duftende
Blumen, mein ganzes Wesen ward fortgeführt von einer
unsichtbaren Gewalt, wie [MA II 754] eine Fürsichblüthe]Fürsichblüte von der Morgenluft —

Mir war’s,]wars, als ob ich vorher ein todtes]totes Instrument gewesen wäre, und
nun, plötzlich mit dem Sinn des Gehörs beschenkt, entzückt würde
über die eignen Harmonieen.]Harmonien. —
70

[Heimböckel:1999 (Reclam) 260]

Wir standen damals in Bieberich in Cantonnirungsquar[DKV IV 251] tieren.]Kantonierungsquartieren.
Vor mir blühte der Lustgarten der Natur — eine concave]konkave Wölbung,
wie von der Hand der Gottheit eingedrückt.
Durch ihre Mitte fließt
der Rhein, zwei Paradiese aus einem zu machen.
In der Tiefe liegt
Mainz, wie der Schauplatz in der Mitte eines Amphitheaters.
Der 75
Krieg war aus dieser Gegend geflohen, der Friede spielte sein
allegorisches Stück.
Die Terrassen der umschließenden Berge
dienten statt der Logen, Wesen aller Art blickten als Zuschauer
voll Freude herab, u.]und sangen und sprachen Beifall —
Oben in der
Himmelsloge stand Gott.
Hoch an dem Gewölbe des großen Schau⸗80
spielhauses
strahlte die Girandole der Frühlingssonne, die entzückende
Vorstellung zu beleuchten.
[SE:1993 II 674] Holde Düfte stiegen, wie Dämpfe aus Opfer⸗
schalen
, aus den Kelchen der Blumen u.]und Kräuter empor.
Ein blauer Schleier,
wie in Italien gewebt, umhüllte die Gegend, u.]und es war, als ob der Himmel
selbst hernieder gesunken wäre auf die Erde —
85

Ach, ich entsinne mich, daß ich in meiner Entzückung zuweilen, wenn
ich die Augen schloß, besonders einmal, als ich an dem Rhein spatzieren]spazieren
gieng,]ging, u.]und so zugleich die Wellen der Luft u.]und des Stromes mich umtönten,
eine ganze vollständige Sinfonie gehört habe, die Melodie und alle
begleitenden Accorde,]Akkorde, von der zärtlichen Flöte bis zu dem rauschenden 90
Contra-Violon.]Kontra-Violon.
Das klang mir wie eine Kirchenmusik, u.]und ich glaube,
daß Alles,]alles, was uns die Dichter von der Sphärenmusik erzählen, nichts
[3] [BKA IV/2 74] Reizenderes gewesen ist, als diese seltsame Träumerei.

Zuweilen stieg ich allein in einen Nachen u.]und stieß mich bis auf die
Mitte des Rheins.
Dann legte ich mich nieder auf den Boden des Fahr⸗95
zeugs
, u.]und vergaß, sanft von dem Strome hinabgeführt, die ganze Erde,
und sah nichts, als den Himmel —

Wie diese Fahrt, so war mein ganzes damaliges Leben — Und jetzt! — Ach, das
Leben des Menschen ist, wie jeder Strom, bei seinem Ursprunge am höchsten.
Es
fließt nur [Heimböckel:1999 (Reclam) 261] fort, indem es fällt —
In das Meer müssen wir alle — Wir sinken 100
u.]und sinken, [MA II 755] bis wir so niedrig stehen, wie die Andern,]andern, u.]und [DKV IV 252] das Schicksal zwingt
uns, so zu sein, wie die, die wir verachten —

Ich habe in der Gegend von Mainz jeden Ort besucht, der mir durch irgend
eine Erinnerung heilig war, die Insel bei Bieberich, die ich mit Müllern,
oft im größten Sturm, umschiffte — das Ufer zwischen Bieberich u.]und Schierstein, 105
an welchem Gleißenberg mich einmal mitten in der Nacht, als der Schiffer schel⸗
misch
aus unserm Kahn gesprungen war, hinanstieß — das Lager bei Marien⸗
born,
wo ich noch Spuren einer Höhle fand, die ich einmal mit Barßen, uns
vor der Sonne zu schützen, in die Erde gegraben hatte —

Von Mainz aus fuhr ich mit Ulriken auf dem Rheine nach Coblentz]Koblenz — Ach, das 110
ist eine Gegend, wie ein Dichtertraum, und die üppigste Phantasie kann
nichts Schöneres erdenken, als dieses Thal,]Tal, das sich bald öffnet, bald schließt, bald
blüht, bald öde ist, bald lacht, bald schreckt.
Pfeilschnell strömt der Rhein heran
von Mainz, als hätte er sein Ziel schon im Auge, als sollte ihn nichts abhalten, es
zu erreichen, als wollte er es, ungeduldig, auf dem [SE:1993 II 675] kürzesten Wege ereilen.
Aber 115
ein Rebenhügel (der Rheingau) beugt seinen stürmischen Lauf, sanft aber
mit festem Sinn, wie eine Gattinn]Gattin den stürmischen Willen ihres Mannes,
u.]und zeigt ihm mit stiller Standhaftigkeit den Weg, der ihn ins Meer führen wird —

Und er ehrt die edle Warnung u.]und giebt]gibt sein voreiliges Ziel auf, und durchbricht,
der freundlichen Weisung folgend, den Rebenhügel nicht, sondern umgeht ihn,120
mit beruhigtem Laufe seine blumigen Füße ihm küssend —

Aber still u.]und breit u.]und majestätisch strömt er bei Bingen heran, u.]und sicher, wie
ein Held zum Siege, u.]und langsam, als ob er seine Bahn doch wohl vollenden
würde —
Und ein Gebirge (der Hundsrück) wirft sich ihm in den Weg, wie die
Verläumdung]Verleumdung der unbescholtenen Tugend.
Er aber durchbricht es, u.]und wankt 125
nicht, u.]und die Felsen weichen ihm aus, u.]und blicken mit Bewunderung u.]und Erstaunen
[Heimböckel:1999 (Reclam) 262] auf ihn hinab — doch er eilt verächtlich bei ihnen vorüber, aber ohne zu
frohlocken, und die einzige Rache, die er sich erlaubt, ist diese, ihnen in seinem
klaren Spiegel ihr schwarzes Bild zu zeigen —

[DKV IV 253]

Und hier in diesem Thale,]Tale, wo der Geist des Friedens u.]und der Liebe zu dem Men⸗130
schen
spricht, wo Alles,]alles, was Schönes u.]und Gu[MA II 756] tes in unsrer Seele schlummert, lebendig
wird, u.]und Alles,]alles, was niedrig ist, schweigt, wo jeder Luftzug u.]und jede Welle, freund⸗
lich
-geschwätzig, unsere Leidenschaften beruhigt, u.]und die ganze Natur gleich⸗
sam
den Menschen einladet, vortrefflich zu sein — o war es möglich, daß
dieses Thal]Tal ein Schauplatz werden konnte für den Krieg?
Zerstörte Felder,135
zertretene Weinberge, ganze Dörfer in Asche, Festen, die unüber⸗
windlich
schienen, in den Rhein gestürzt —
Ach, wenn ein einziger Mensch
so viele Frevel auf seinem Gewissen tragen sollte, er müßte nieder⸗
[4] [BKA IV/2 77] sinken
, erdrückt von der Last —
Aber eine ganze Nation erröthet]errötet niemals.
Sie dividirt]dividiert die Schuld mit 30000000, da kömmt ein kleiner Theil]Teil auf je⸗140
den
, den ein Franzose ohne Mühe trägt.
— Gleim in Halberstadt nahm
mir das Versprechen ab, als ein Deutscher zurückzukehren in mein Vaterland.

Es wird mir nicht schwer werden, dieses Versprechen zu halten.

Ich wäre auf dieser Rheinreise sehr glücklich gewesen, wenn — wenn —
— Ach, gnädigste Frau, es giebt]gibt wohl][fehlt] nichts Großes in der Welt, wozu Ulrike nicht 145
fähig wäre,
ein edles, weises, großmüthiges]großmütiges [SE:1993 II 676] Mädchen, eine Heldenseele
in einem Weiberkörper, u.]und ich müßte von Allem]allem diesen nichts sein, wenn ich
das nicht innig fühlen wollte.
Aber — ein Mensch kann viel besitzen, vieles geben,
es läßt sich doch nicht immer, wie Göthe]Goethe sagt, an seinem Busen ruhen —
Sie ist
ein Mädchen, das orthographisch schreibt u.]und handelt, nach dem Tacte]Takte spielt und 150
denkt, ein Wesen, das von dem Weibe nichts hat, als die Hüften, und nie hat sie
gefühlt, wie süß ein Händedruck ist —
Aber sie mißverstehen mich doch nicht — ?
O es giebt]gibt kein Wesen in der Welt, das ich so ehre, wie meine Schwester. Aber
welchen Mißgrif]Mißgriff hat die Natur [Heimböckel:1999 (Reclam) 263] begangen, als sie ein Wesen bildete, das weder
Mann noch Weib ist, u.]und gleichsam wie eine Amphibie zwischen zwei Gattungen 155
schwankt?
Auffallend ist in diesem Geschöpf der Widerstreit zwischen Wille
u.]und Kraft.
Auf einer Fußreise in dem schlesischen Gebirge aß u.]und trank sie nicht
vor Er[DKV IV 254] müdung, ward bei dem Sonnenaufgang auf der Riesenkoppe ohnmächtig,
u.]und antwortete doch immer, so oft man sie fragte, sie befinde sich wohl.
Vor Töplitz
fuhren wir mit einem andern beladenen Wagen so zusammen, daß wir weder 160
vor- noch rückwärts konnten, weil auf der andern Seite ein Zaun war.
Der
Zaun, rief sie, muß abgetragen werden —
Es [MA II 757] gab wirklich kein anderes Mit⸗
tel
, u.]und der Vorschlag war eines Mannes würdig.
Sie aber gieng]ging weiter, und
legte, ihr Geschlecht vergessend, die schwache Hand an den Balken, der sich nicht
rührte —
Mitten in einer großen Gefahr auf einem See bei Fürstenwalde, 165
wo die ganze Familie im Nachen dem Sturme ausgesetzt war, u.]und Alles]alles weinte
u.]und schrie, u.]und selbst die Männer die Besinnung verloren, sagte sie: kommen
wir doch in die Zeitungen —
Mit Kälte u.]und Besonnenheit geht sie jeder
Gefahr entgegen, erscheint aber unvermuthet]unvermutet ein Hund oder ein Stier,
so zittert sie an allen Gliedern —
Wo ein Anderer]anderer überlegt, da entschließt 170
sie sich, u.]und wo er spricht, da handelt sie.
Als wir auf der Ostsee zwischen Rügen
u.]und dem festen Lande
im Sturme auf einem Bote]Boote mit Pferden u.]und Wagen dem
Untergange nahe waren, u.]und der Schiffer schnell das Steuer verließ, die Segel Seegel
zu fällen, sprang sie an seinen Platz u.]und hielt das Ruder —
Unerschütterte Ruhe
scheint ihr das glücklichste Loos]Los auf Erden.
Von Bahrdten hörte sie einst, er 175
habe den Tod seiner geliebten Tochter am Spieltische erfahren, ohne aufzu⸗
stehen
.
Der Mann schien ihr beneidens- [SE:1993 II 677] u.]und nachahmungswürdig. — Wo
ein andrer fühlt, da denkt sie, u.]und wo er genießt, da will sie sich unter⸗
richten
.
In Cassel]Kassel spielte ein steinerner Satyr durch die Bewegung des Was⸗180
sers
die Flöte.
Es war ein angenehmes Lied, ich schwieg u.]und horchte. Sie frag⸗
te
: wie geht das zu?
— Einst sagte sie, sie könne nicht be[Heimböckel:1999 (Reclam) 264] greifen, wie
üppige Gedichte, oder Mahlereien]Malereien reizen könnten —?
Doch still davon.
Das klingt ja fast wie ein Tadel — und selbst der leiseste ist zu bitter
für ein Wesen, das keinen andern Fehler hat, als diesen, zu groß zu 185
sein für ihr Geschlecht.

[5] [BKA IV/2 78] [DKV IV 255]

d.]den 29t ]29. Juli. ]Juli

Seit dem 3t]3. bin ich nun (über Straßburg) in Paris. — Werde ich Ihnen nicht
auch etwas von dieser Stadt schreiben müssen?
Herzlich gern, wenn ich nur
mehr zum Beobachten gemacht wäre.
Aber — kehren uns nicht alle irrdischen]irdischen Gegen⸗190
stände
ihre Schattenseite zu, wenn wir in die Sonne sehen — ?
Wer die Welt in
seinem Innern kennen lernen will, der darf nur flüchtig die Dinge außer
ihm mustern.
Ach, es ist meine angebohrne]angeborne Unart, nie den Augenblick er⸗
greifen
zu können,
u.]und immer an einem Orte zu leben, an welchem ich nicht
bin, u.]und in einer [MA II 758] Zeit, die vorbei, oder noch nicht da ist.
— Als ich in mein Vater⸗195
land
war, war ich oft in Paris, u.]und nun ich in Paris bin, bin ich fast immer
in mein Vaterland.
Zuweilen gehe ich, mit offnen Augen durch die Stadt,
und sehe — viel Lächerliches, noch mehr Abscheuliches, u.]und hin u.]und wieder etwas
Schönes.
Ich gehe durch die langen, krummen, engen, mit Koth]Kot oder Staub über⸗
deckten
, von tausend widerlichen Gerüchen duftenden Straßen, an den 200
schmalen, aber hohen Häusern entlang, die sechsfache Stockwerke tragen,
gleichsam den Ort zu vervielfachen, ich winde mich durch einen Haufen
von Menschen, welche schreien, laufen, keuchen, einander schieben,
stoßen u.]und umdrehen, ohne es übelzunehmen, ich sehe jemanden an, er sieht
mich wieder an, ich frage ihn ein Paar]paar Worte, er antwortet mir höflich, ich 205
werde warm, er ennuÿirt ennuyirt ]ennuyiert sich, wir sind einander herzlich satt, er empfiehlt
sich, ich verbeuge mich, u.]und wir haben uns beide vergessen, so]sobald bald] wir um
die Ecke sind —
Geschwind gehe ich nach dem Louvre
u.]und erwärme mich an dem Marmor, an dem Apoll vom
Belvedere,
an der mediceischen Venus, oder trete vor das herr[Heimböckel:1999 (Reclam) 265] liche niederländische 210
Tableau, wo der Sauhirt den Ulysses ausschimpft
—
Auf dem Rückwege gehe
[SE:1993 II 678] ich durch das palais]Palais royal, wo man ganz Paris kennen lernen kann, mit
allen seinen Gräueln]Greueln u.]und sogenannten Freuden —
Es ist kein sinnliches Be⸗
dürfniß]Bedürfnis,
das hier nicht bis zum Ekel befriedigt, keine Tugend, die hier nicht
mit Frechheit verspottet, keine Infamie, die hier nicht nach Principien]Prinzipien begangen würde —
[DKV IV 256] Noch 215
schrecklicher ist der Anblick des Platzes an der halle]Halle au bléd, wo auch der letzte
Zügel gesunken
ist —
Dann ist es Abend, dann habe ich ein brennendes
Bedürfniß,]Bedürfnis, das Alles]alles aus den Augen zu verlieren, alle diese Dächer
u.]und Schornsteine u.]und alle diese Abscheulichkeiten]Abscheulichkeiten, u.]und nichts zu sehen, als rund⸗
um
den Himmel — aber giebt]gibt es einen Ort in dieser Stadt, wo man ihrer 220
nicht gewahr würde?

Luchesini]Lucchesini u.]und Humboldt haben mich vorläufig bei einigen französischen
Gelehrten eingeführt.
Ich soll nämlich hier studieren, ich soll es, so will
es ein jahrelang entworfener Plan, dem ich folgen muß, wie ein Jüng⸗
ling
einem Hofmeister, von dem er sich noch nicht loß]los machen kann.
Ich 225
habe auch schon einigen Vorlesungen beigewohnt —
Ach, diese Menschen
sprechen von Säuren u.]und Alkalien, indessen mir ein allgewaltiges
[MA II 759] Bedürfniß]Bedürfnis die Lippe trocknet
—
Liebe Freundinn,]Freundin, sagen Sie mir, sind
wir da, die Höhe der Sonne zu ermessen, oder uns an ihren
Strahlen zu wärmen?
Genießen! Genießen! Wo genießen wir? 230
[6] [BKA IV/2 81] Mit dem Verstande oder mit dem Herzen? Ich will es nicht mehr binden
u.]und rädern, frei soll es die Flügel bewegen, ungezügelt um seine Sonne soll es fliegen,
flöge es auch gefährlich, wie die Mücke um das Licht —
Ach, daß wir
ein Leben bedürfen, zu lernen, wie wir leben müßten, daß wir
im Tode erst ahnden, was der Himmel mit uns will!
— Wohin wird 235
dieser schwankende Geist mich führen, der nach Allem]allem strebt, u.]und berührt
er es, gleichgültig es fahren läßt
—
Und doch, wenn die Jugend von
jedem Eindrucke bewegt wird, u.]und ein heftiger sie stürzt, so ist das nicht,
weil sie keinen, sondern weil sie starken Wiederstand]Widerstand leistet.

Die abgestorbene Eiche, [Heimböckel:1999 (Reclam) 266] sie steht unerschüttert im Sturm, aber die 240
blühende stürzt er, weil er in ihre Krone greifen kann —
Ich entsinne
mich, daß mir ein Buch zuerst den Gedanken einflößte, ob es nicht möglich
sei, ein hohes wissenschaftliches Ziel noch zu erreichen?
Ich versuchte es, und
auf der Mitte der Bahn hält mich jetzt ein Gedanke zurück —
Ach, ich trage
mein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Süd⸗245
frucht
.
Es treibt u.]und treibt, u.]und es kann nicht [SE:1993 II 679] reifen — Denn [DKV IV 257] Menschen lassen
sich, wie Metalle, zwar formen so lange sie warm sind; aber jede Berüh⸗
rung
wirkt wieder anders auf sie ein, u.]und nur wenn sie erkalten, wird
ihre Gestalt bleibend.
Ich mögte]möchte so gern in einer rein-menschlichen Bildung
fortschreiten, aber das Wissen macht uns weder besser, noch glücklicher.
Ja, wenn 250
wir den ganzen Zusammenhang der Dinge einsehen könnten!
Aber ist nicht der
Anfang u.]und das Ende jeder Wissenschaft in Dunkel gehüllt?
Oder soll ich alle diese
Fähigkeiten, u.]und alle diese Kräfte u.]und dieses ganze Leben nur dazu anwenden,
eine Insectengattung]Insektengattung kennen zu lernen, oder einer Pflanze ihren Platz in
der Reihe der Dinge anzuweisen?
Ach, mich ekelt vor dieser Einseitigkeit! 255
Ich glaube, daß Newton an dem Busen eines Mädchens nichts anderes anders [uneindeutig] sah, als
seine krumme Linie, u.]und daß ihm an ihrem Herzen nichts merkwürdig war, als
sein Cubikinhalt.]Kubikinhalt.
Bei den Küssen seines Weibes denkt ein ächter]echter Chemi⸗
ker
nichts, als daß ihr Athem]Atem Stickgas u.]und Kohlenstoffgas ist.
Wenn die Sonne
glühend über den Horizont heraufsteigt, so fällt ihm weiter nichts ein,260
als [MA II 760] daß sie eigentlich noch nicht da ist —
Er sieht bloß das Insect,]Insekt, nicht die
Erde, die es trägt, und wenn der bunte Holzspecht an die Fichte klopft, oder
im Wipfel der Eiche die wilde Taube zärtlich girrt, so fällt ihm bloß ein,
wie gut sie sich ausnehmen würden, wenn sie ausgestopft wären.
Die
ganze Erde ist dem Botaniker nur ein großes Herbarium, u.]und an der 265
wehmüthigen]wehmütigen Trauerbirke, wie an dem Veilchen, das unter ihrem Schatten
blüht, ist ihm nichts merkwürdig, als ihr linnéischer Name.
Dagegen ist
die Gegend dem Mineralogen [Heimböckel:1999 (Reclam) 267] nur schön, wenn sie steinig ist, und
wenn der alpinische Granit von ihm bis in die Wolken strebt, so thut]tut es
ihm nur leid, daß er ihn nicht in die Tasche stecken kann, um ihn in den Glas⸗270
schrank
neben die andern Fossile zu setzen —
O wie traurig ist diese
cyklopische]zyklopische Einseitigkeit! —
Doch genug. Ich habe Ihnen so viel aus meinem In⸗
nern
mitgetheilt;]mitgeteilt; werden Sie mir diese kindische Neigung zur Vertraulichkeit verzeihen?

Ich hoffe es. Ihre Antwort wird mir eine frohe Stunde schenken. Was macht Werdeck? O mögte]möchte
der Würdigste unter den Men[DKV IV 258] schen doch nicht zugleich der Unglücklichste sein!
Grüßen Sie Fr. Schlegel, 275
u.]und wenn in der Tafel Ihres Gedächtnisses noch ein Plätzchen übrig ist, so heben Sie es auf für den
Namen Ihres Freundes Heinrich Kleist.

50
An Adolphine v. Werdeck, 28./29. Juli 1801

Quellenangaben für Zitation
https://kleist-digital.de/briefe/050, [ggf. Angabe von Zeile/Vers oder Seite], 18.01.2026

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  • Erwähnte Personen
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Apparat

Textwiedergabe nach Kopie der Handschrift. Die Handschrift ist in Besitz von:
Kleist-Gedenk- und Forschungsstelle, Frankfurt / Oder

Erstdruck: [Wuensch:1934] Herbert Wünsch, Zwei bisher unbekannte Briefe Heinrich von Kleists (Maximilian-Gesellschaft Berlin 1934)

Pagina Kleist-Ausgaben
  • [BKA] (049) IV/2 69–81
  • [MA] (049) II 751–760
  • [DKV] (053) IV 248–258
  • [SE:1993] (050) II 671–679
  • [Heimböckel:1999 (Reclam)] (049) 257–267
 Erwähnte Personen
  • []Bahrdt, Karl Friedrich (1)
  • []Barsse, Georg von (1)
  • []Brause, Johann Georg Emil von (1)
  • []Gleim, Ludwig (1)
  • []Gleissenberg, Karl von (1)
  • []Goethe, Johann Wolfgang von (1)
  • []Humboldt, Wilhelm von (1)
  • []Kleist, Heinrich von (1)
  • []Kleist, Ulrike von (2)
  • []Linné, Carl von (1)
  • []Lucchesini, Girolamo (1)
  • []Müller, Carl Adolf von (1)
  • []Newton, Isaac (1)
  • []Schlegell (verh. von Brause), Albertine Karoline von (1)
  • []Werdeck (geb. von Klitzing), Adolphine von (2)
  • []Werdeck, Christoph Wilhelm von (1)
  • []Wieland, Christoph Martin (1)
  • [»]Alle Personen anzeigen +/–
 Erwähnte Orte
  • []Bieberich (3)
  • []Bingen (1)
  • []Cassel (1)
  • []Coblenz (1)
  • []Fürstenwalde (1)
  • []Halberstadt (1)
  • []Hundsrück (1)
  • []Insel bei Bieberich (1)
  • []Italien (1)
  • []Mainz (5)
  • []Marienborn (1)
  • []Paris (5)
  • []Paris ›Halle au bléd‹ (1)
  • []Paris ›Louvre‹ (1)
  • []Paris ›Palais Royal‹ (1)
  • []Rhein (6)
  • []Rügen (1)
  • []Schierstein (1)
  • []Straßburg (1)
  • []Töplitz (1)
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 Vergleich Editionen

Die durchgeführte Kollation mit unterschiedlichen historischen und aktuellen Kleist-Editionen zeigt bestimmte Lesarten und Emendationen, die von der vorliegenden emendierten Fassung abweichen. In den Anmerkungen finden sich hierzu häufig nähere Erläuterungen. (Gelegentlich ist die Ursache für Abweichungen ein Transkriptionsfehler in der jeweiligen Edition.)

Disclaimer: Abweichungen, die ihren Grund in typographisch bedingten Normalisierungen und Standardisierungen haben, werden nicht angezeigt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden. Mitgeteilte Abweichungen müssen am Original überprüft werden.

[MP:1936] [4 Abw.]
  • 128t 28t (und 29t) 28t (und 29.) ]28. (und 29.) ] 28t (und 29t)
  • 48die][gestr.] [gestr.] ] [gestr.]
  • 173Segel Seegel ] Seegel
  • 206ennuÿirt ennuyirt ]ennuyiert ] ennuyirt
[MA:2010] [2 Abw.]
  • 128t 28t (und 29t) 28t (und 29.) ]28. (und 29.) ] 28t (und 29.)
  • 256anderes anders [uneindeutig] ] anders [uneindeutig]
Stellenkommentar

48 die Kleist nimmt in der 1. Zeile der 2. Seite das »die« (versehentlich) wieder auf.

108 Spuren einer Höhle Vgl. Höhlengedicht (Barße)

178 Tod seiner geliebten Tochter am Spieltische erfahren, ohne aufzustehen.Um die selbst verfasste ›Lebensgeschichte‹ von Karl Friedrich Bahrdt hat sich bei den Zeitgenossen schnell eine Debatte entwickelt, z. B. ›Freimüthige Briefe über Doktor Bahrdts eigne Lebensbeschreibung‹. Auch der von Müller-Salget [dkv, S. 757] erwähnte Bericht von Carl Friedrich Benkowitz in der ›Deutschen Monatsschrift‹ (1792): ›Doktor Bahrdt auf seinem Weinberg. Auch ein Beytrag zu desselben Leben und Charakter‹ [S. 115–136], in dem die Episode [S. 127ff] berichtet wird, gehört in diesen Zusammenhang. Die von Kleist aufgegriffene Begebenheit wird von Benkowitz selbst wesentlich ausführlicher und differenzierter behandelt. Benkowitz lässt es offen, ob Bahrdts Verhalten bei der Nachricht des Todes seiner geliebten Tochter aus ›Fühllosigkeit‹, ›Seelenstärke‹ oder ›Verstellung‹ zu erklären sei. Kleists Verkürzung dient hier wesentlich der Charakterisierung seiner Schwester.
Benkowitz verweist übrigens auf Bardts Bericht über den Tod seines Vaters, in dem von diesem selbst ein ähnliches Verhalten beschrieben wird.

216 halle au bléd, ›bléd‹, altfr. Form für ›blé‹, plural ›blés‹ (Getreide, Korn). Von lat. ›bladum‹ (Korn), abgeleitet von ›ablatum‹, das (vom Felde) Weggetragene.

267 linnéischer Name. Vgl. Linnés Hauptwerk ›Systema Naturae‹

275 Fr. Schlegel, Bis zu Reuss/Stängle gelesen als Friedrich Schlegel. Für Reuss/Stängle handelt sich aber um Albertine Therese von Schlegell, zukünftige Schwiegermutter des preussischen Generalmajors Johann Georg Emil von Brause, einem Potsdamer Regimentsbekannten Kleists. Möglich ist aber auch, dass Kleist die gleichaltrige, zukünftige Gemahlin Albertine Karoline von Schlegell meint.
Quelle: Google Books

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