[050] An Adolphine v. Werdeck, 28./29. Juli 1801
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[1]
[BKA IV/2 70]
[DKV IV 248]
[SE:1993 II 671]
[Heimböckel:1999 (Reclam) 257]
[MA II 751]
Paris,
d.]den
28t
28t (und 29t)
28t (und 29.)
]28. (und 29.)
Juli,
]Juli
1801.
]1801
Erkennen
Sie
an
diesen
Zügen
wohl
noch
die
Schrift
eines
Jünglings, die
seit
sechs
Jahren
nicht
mehr
vor
Ihren
Augen
erschien?
Können
Sie
aus
ihrer
Form
wohl
noch, wie
sonst, [MA II 752]
den
Namen
des
Schriftstellers
errathen,]erraten,
und
regt
sich
dabei
5
in
Ihrer
Seele
wohl
noch
ein
wenig
von
dem
Wohlwollen, von
dem
sie
ihm
einst
so
viel
schenkten?
Oder
ist
diese
Hand
Ihnen
unbekannt
geworden?
Hat
sie
sich
mit
dem
Herzen
verändert?
Ist
sie
alt
geworden
mit
ihm, u.]und
muß
sie
sein
Schick⸗
sal
theilen,]teilen,
weniger
Theilnahme]Teilnahme
zu
finden, als
in
der
Blüthenzeit]Blütenzeit
der
Jugend?
— Ach,
was
ist
das
Leben
eines
Menschen
für
ein
farbenwechselndes
Ding!
Sechs
Jahre!
10
Wie
viele
Gedanken, wie
viele
Gefühle, wie
viele
Wünsche, wie
viele
Hoffnungen,
wie
viele
Täuschungen, wie
viele
Freuden, wie
viele
Leiden
schließen
sechs
Jünglingsjahre
ein!
Wie
der
Felsen, dessen
drohender
Gipfel, [DKV IV 249]
wenn
wir
unter
seinen
Füßen
stehen, Erstaunen
u.]und
Verwunderung
in
[Heimböckel:1999 (Reclam) 258]
unsrer
Seele
erregt, nach
u.]und
nach, wenn
wir
uns
von
ihm
entfernen, immer
kleiner
u.]und
[SE:1993 II 672]
kleiner
15
wird, und
endlich
zu
einem
dämmernden
Pünctchen]Pünktchen
schwindet, das
wir
mühsam
suchen
müssen, um
es
zu
finden, so
werden
auch
die
großen
Momente
der
Ver⸗
gangenheit
immer
kleiner
u.]und
kleiner —
Selbst
Gefühle
an
deren
Ewigkeit
wir
nicht
zweifelten, schwinden
ganz
aus
dem
Gedächtniß.]Gedächtnis.
Es
war
eine
Zeit,
wo
ich
nicht
glaubte, daß
diese
Seele
jemals
einen
andern
Gedanken
bearbeiten
20
würde, als
einen
einzigen, jemals
ein
anderes
Gefühl
lieb
gewinnen
könnte,
als
ein
einziges; und
jetzt
muß
eine
Zeitung
mir
in
die
Hände
fallen, oder
ein
Comet]Komet
über
die
Erde
ziehen, um
mich
seiner
zu
erinnern — ?
Ach, die
Liebe
entwöhnt
uns
von
ihren
Freuden, wie
die
Mutter
das
Kind
von
der
Milch,
indem
sie
sich
Wehrmuth]Wermut
auf
die
Brust
legt —
Und
doch
ist
die
Erinnerung
selbst
25
an
das
Bitterste
noch
süß.
Ja, es
ist
kein
Unglück, das
Glück
verloren
zu
haben,
das
erst
ist
ein
Unglück, sich
seiner
nicht
mehr
zu
erinnern.
So
lange
wir
noch
die
Trümmern
der
Vergangenheit
besuchen
können, so
lange
hat
das
Leben
auch
immer
noch
eine
Farbe.
Aber
wenn
ein
unruhiges
Schicksal
uns
zerstreut,
wenn
die
rohen
Bedürfnisse
des
Daseins
die
leiseren
übertäuben, wenn
die
Noth⸗30
wendigkeit]Notwendigkeit
uns
zu
denken, zu
streben, zu
handeln
zwingt, wenn
neue
Gedanken
sich
zeigen
u.]und
wieder
verschwinden, neue
Wünsche
sich
regen
u.]und
wieder
sinken, neue
Bande
sich
knüpfen, u.]und
wieder
zerreißen, wenn
wir
dann
zuweilen, flüchtig,
mit
ermatteter
Seele, die
geliebten
Ruinen
besteigen, das
Blümchen
der
Er⸗
innerung
zu
pflücken, und
dann
auch
hier
Alles]alles
[MA II 753]
leer
u.]und
öde
finden, die
35
schönsten
Blöcke
in
Staub
u.]und
Asche
gesunken, die
letzten
Säulen
dem
Sturze
nah,
bis
zuletzt
das
ganze
Monument
matt
u.]und
flach
ist, wie
die
Ebene, die
es
trägt,
dann
erst
verwelkt
das
Leben, dann
bleicht
es
aus, dann
verliert
es
alle
seine
bunten
Farben —
Wie
viele
Freuden
habe
ich
auf
dieser
Reise
genossen, wie
viel
Schönes
gesehen, wie
viele
Freunde
gefunden, wie
viele
großen
Augenblicke
durchlebt,40
— Aber
zu
schnell
wechs[DKV IV 250] eln
[Heimböckel:1999 (Reclam) 259]
die
Erscheinungen
im
Leben, zu
eng
ist
das
Herz
sie
alle
zu
umfassen, und
immer
die
vergangnen
schwinden, Platz
zu
machen
den
neuen —
Zuletzt
ekelt
dem
Herzen
vor
den
neuen, u.]und
matt
giebt]gibt
es
sich
Eindrücken
hin, deren
Vergänglichkeit
es
vorempfindet —
Ach, es
muß
leer
u.]und
öde
u.]und
traurig
sein,
später
zu
sterben, als
das
Herz —
45
Mit
welchen
Empfindungen
ich
Mainz
wiedererblickte, das
[SE:1993 II 673]
ich
schon
als
Kna⸗
be
einmal
sah
— wie
ließe
sich
das
beschreiben?
Das
war
damals
die
[2]
[BKA IV/2 73]
die][gestr.]
[gestr.]
üppigste
Secunde]Sekunde
in
der
Minute
meines
Lebens!
Sechzehn
Jahre, der
Frühling, die
Rheinhöhen, der
erste
Freund, den
ich
so]soeben
eben]
gefunden
hatte,
u.]und
ein
Lehrer
wie
Wieland,
dessen
Sympathien]»Sympathien«
ich
damals
laß]las
—
War
50
die
Anlage
nicht
günstig, einen
großen
Eindruck
tief
zu
begründen?
Warum
ist
die
Jugend
die
üppigste
Zeit
des
Lebens?
Weil
kein
Ziel
so
hoch
u.]und
so
fern
ist, das
sie
sich
nicht
einst
zu
erreichen
getraute.
Vor
ihr
liegt
eine
Unendlichkeit —
Noch
ist
nichts
bestimmt, u.]und
Alles]alles
möglich —
Noch
spielt
die
Hand, muthwillig]mutwillig
zögernd, mit
den
Loosen]Losen
in
der
Urne
des
Schicksals,55
welche
auch
das
große
enthält — warum
sollte
sie
es
nicht
fassen
können?
Sie
säumt
u.]und
säumt, indem
schon
die
bloße
Möglichkeit
fast
eben]ebenso
so]
wol⸗
lüstig
ist, wie
die
Wirklichkeit —
Indessen
spielt
ihr
das
Schicksal
einen
Zettel
unter
die
Finger — es
ist
nicht
das
große
Loos,]Los,
es
ist
keine
Niete,
es
ist
ein
Loos,]Los,
wie
es
Tausende
schon
getroffen
hat, u.]und
Millionen
60
noch
treffen
wird.
Damals
entwickelten
sich
meine
ersten
Gedanken
u.]und
Gefühle.
In
meinem
Innern
sah
es
so
poetisch
aus, wie
in
der
Natur, die
mich
um⸗
gab.
Mein
Herz
schmolz
unter
so
vielen
begeisternden
Eindrücken,
mein
Geist
flatterte
wollüstig, wie
ein
Schmetterling
über
honig⸗65
duftende
Blumen, mein
ganzes
Wesen
ward
fortgeführt
von
einer
unsichtbaren
Gewalt, wie
[MA II 754]
eine
Fürsichblüthe]Fürsichblüte
von
der
Morgenluft —
Mir
war’s,]wars,
als
ob
ich
vorher
ein
todtes]totes
Instrument
gewesen
wäre, und
nun, plötzlich
mit
dem
Sinn
des
Gehörs
beschenkt, entzückt
würde
über
die
eignen
Harmonieen.]Harmonien.
—
70
Wir
standen
damals
in
Bieberich
in
Cantonnirungsquar[DKV IV 251] tieren.]Kantonierungsquartieren.
Vor
mir
blühte
der
Lustgarten
der
Natur — eine
concave]konkave
Wölbung,
wie
von
der
Hand
der
Gottheit
eingedrückt.
Durch
ihre
Mitte
fließt
der
Rhein,
zwei
Paradiese
aus
einem
zu
machen.
In
der
Tiefe
liegt
Mainz,
wie
der
Schauplatz
in
der
Mitte
eines
Amphitheaters.
Der
75
Krieg
war
aus
dieser
Gegend
geflohen,
der
Friede
spielte
sein
allegorisches
Stück.
Die
Terrassen
der
umschließenden
Berge
dienten
statt
der
Logen, Wesen
aller
Art
blickten
als
Zuschauer
voll
Freude
herab, u.]und
sangen
und
sprachen
Beifall —
Oben
in
der
Himmelsloge
stand
Gott.
Hoch
an
dem
Gewölbe
des
großen
Schau⸗80
spielhauses
strahlte
die
Girandole
der
Frühlingssonne, die
entzückende
Vorstellung
zu
beleuchten.
[SE:1993 II 674]
Holde
Düfte
stiegen, wie
Dämpfe
aus
Opfer⸗
schalen, aus
den
Kelchen
der
Blumen
u.]und
Kräuter
empor.
Ein
blauer
Schleier,
wie
in
Italien
gewebt, umhüllte
die
Gegend, u.]und
es
war, als
ob
der
Himmel
selbst
hernieder
gesunken
wäre
auf
die
Erde —
85
Ach, ich
entsinne
mich, daß
ich
in
meiner
Entzückung
zuweilen, wenn
ich
die
Augen
schloß, besonders
einmal, als
ich
an
dem
Rhein
spatzieren]spazieren
gieng,]ging,
u.]und
so
zugleich
die
Wellen
der
Luft
u.]und
des
Stromes
mich
umtönten,
eine
ganze
vollständige
Sinfonie
gehört
habe, die
Melodie
und
alle
begleitenden
Accorde,]Akkorde,
von
der
zärtlichen
Flöte
bis
zu
dem
rauschenden
90
Contra-Violon.]Kontra-Violon.
Das
klang
mir
wie
eine
Kirchenmusik, u.]und
ich
glaube,
daß
Alles,]alles,
was
uns
die
Dichter
von
der
Sphärenmusik
erzählen,
nichts
[3]
[BKA IV/2 74]
Reizenderes
gewesen
ist, als
diese
seltsame
Träumerei.
Zuweilen
stieg
ich
allein
in
einen
Nachen
u.]und
stieß
mich
bis
auf
die
Mitte
des
Rheins.
Dann
legte
ich
mich
nieder
auf
den
Boden
des
Fahr⸗95
zeugs, u.]und
vergaß, sanft
von
dem
Strome
hinabgeführt, die
ganze
Erde,
und
sah
nichts, als
den
Himmel —
Wie
diese
Fahrt, so
war
mein
ganzes
damaliges
Leben —
Und
jetzt!
— Ach,
das
Leben
des
Menschen
ist, wie
jeder
Strom, bei
seinem
Ursprunge
am
höchsten.
Es
fließt
nur
[Heimböckel:1999 (Reclam) 261]
fort, indem
es
fällt —
In
das
Meer
müssen
wir
alle —
Wir
sinken
100
u.]und
sinken, [MA II 755]
bis
wir
so
niedrig
stehen, wie
die
Andern,]andern,
u.]und
[DKV IV 252]
das
Schicksal
zwingt
uns, so
zu
sein, wie
die, die
wir
verachten —
Ich
habe
in
der
Gegend
von
Mainz
jeden
Ort
besucht, der
mir
durch
irgend
eine
Erinnerung
heilig
war, die
Insel
bei
Bieberich,
die
ich
mit
Müllern,
oft
im
größten
Sturm, umschiffte —
das
Ufer
zwischen
Bieberich
u.]und
Schierstein,
105
an
welchem
Gleißenberg
mich
einmal
mitten
in
der
Nacht, als
der
Schiffer
schel⸗
misch
aus
unserm
Kahn
gesprungen
war, hinanstieß — das
Lager
bei
Marien⸗
born,
wo
ich
noch
Spuren
einer
Höhle
fand, die
ich
einmal
mit
Barßen,
uns
vor
der
Sonne
zu
schützen, in
die
Erde
gegraben
hatte —
Von
Mainz
aus
fuhr
ich
mit
Ulriken
auf
dem
Rheine
nach
Coblentz]Koblenz
—
Ach, das
110
ist
eine
Gegend, wie
ein
Dichtertraum,
und
die
üppigste
Phantasie
kann
nichts
Schöneres
erdenken, als
dieses
Thal,]Tal,
das
sich
bald
öffnet, bald
schließt, bald
blüht, bald
öde
ist, bald
lacht, bald
schreckt.
Pfeilschnell
strömt
der
Rhein
heran
von
Mainz,
als
hätte
er
sein
Ziel
schon
im
Auge, als
sollte
ihn
nichts
abhalten, es
zu
erreichen, als
wollte
er
es, ungeduldig, auf
dem
[SE:1993 II 675]
kürzesten
Wege
ereilen.
Aber
115
ein
Rebenhügel (der
Rheingau) beugt
seinen
stürmischen
Lauf, sanft
aber
mit
festem
Sinn, wie
eine
Gattinn]Gattin
den
stürmischen
Willen
ihres
Mannes,
u.]und
zeigt
ihm
mit
stiller
Standhaftigkeit
den
Weg, der
ihn
ins
Meer
führen
wird —
Und
er
ehrt
die
edle
Warnung
u.]und
giebt]gibt
sein
voreiliges
Ziel
auf, und
durchbricht,
der
freundlichen
Weisung
folgend, den
Rebenhügel
nicht, sondern
umgeht
ihn,120
mit
beruhigtem
Laufe
seine
blumigen
Füße
ihm
küssend —
Aber
still
u.]und
breit
u.]und
majestätisch
strömt
er
bei
Bingen
heran, u.]und
sicher, wie
ein
Held
zum
Siege, u.]und
langsam, als
ob
er
seine
Bahn
doch
wohl
vollenden
würde —
Und
ein
Gebirge (der
Hundsrück)
wirft
sich
ihm
in
den
Weg, wie
die
Verläumdung]Verleumdung
der
unbescholtenen
Tugend.
Er
aber
durchbricht
es, u.]und
wankt
125
nicht, u.]und
die
Felsen
weichen
ihm
aus, u.]und
blicken
mit
Bewunderung
u.]und
Erstaunen
[Heimböckel:1999 (Reclam) 262]
auf
ihn
hinab — doch
er
eilt
verächtlich
bei
ihnen
vorüber, aber
ohne
zu
frohlocken, und
die
einzige
Rache, die
er
sich
erlaubt, ist
diese, ihnen
in
seinem
klaren
Spiegel
ihr
schwarzes
Bild
zu
zeigen —
Und
hier
in
diesem
Thale,]Tale,
wo
der
Geist
des
Friedens
u.]und
der
Liebe
zu
dem
Men⸗130
schen
spricht, wo
Alles,]alles,
was
Schönes
u.]und
Gu[MA II 756] tes
in
unsrer
Seele
schlummert, lebendig
wird, u.]und
Alles,]alles,
was
niedrig
ist, schweigt, wo
jeder
Luftzug
u.]und
jede
Welle, freund⸗
lich-geschwätzig, unsere
Leidenschaften
beruhigt, u.]und
die
ganze
Natur
gleich⸗
sam
den
Menschen
einladet, vortrefflich
zu
sein — o
war
es
möglich, daß
dieses
Thal]Tal
ein
Schauplatz
werden
konnte
für
den
Krieg?
Zerstörte
Felder,135
zertretene
Weinberge, ganze
Dörfer
in
Asche, Festen, die
unüber⸗
windlich
schienen, in
den
Rhein
gestürzt —
Ach, wenn
ein
einziger
Mensch
so
viele
Frevel
auf
seinem
Gewissen
tragen
sollte, er
müßte
nieder⸗
[4]
[BKA IV/2 77] sinken, erdrückt
von
der
Last —
Aber
eine
ganze
Nation
erröthet]errötet
niemals.
Sie
dividirt]dividiert
die
Schuld
mit
30000000,
da
kömmt
ein
kleiner
Theil]Teil
auf
je⸗140
den, den
ein
Franzose
ohne
Mühe
trägt.
—
Gleim
in
Halberstadt
nahm
mir
das
Versprechen
ab, als
ein
Deutscher
zurückzukehren
in
mein
Vaterland.
Es
wird
mir
nicht
schwer
werden, dieses
Versprechen
zu
halten.
Ich
wäre
auf
dieser
Rheinreise
sehr
glücklich
gewesen, wenn — wenn —
— Ach, gnädigste
Frau,
es
giebt]gibt
wohl][fehlt]
nichts
Großes
in
der
Welt, wozu
Ulrike
nicht
145
fähig
wäre,
ein
edles, weises, großmüthiges]großmütiges
[SE:1993 II 676]
Mädchen, eine
Heldenseele
in
einem
Weiberkörper, u.]und
ich
müßte
von
Allem]allem
diesen
nichts
sein, wenn
ich
das
nicht
innig
fühlen
wollte.
Aber — ein
Mensch
kann
viel
besitzen, vieles
geben,
es
läßt
sich
doch
nicht
immer, wie
Göthe]Goethe
sagt, an
seinem
Busen
ruhen —
Sie
ist
ein
Mädchen, das
orthographisch
schreibt
u.]und
handelt, nach
dem
Tacte]Takte
spielt
und
150
denkt, ein
Wesen, das
von
dem
Weibe
nichts
hat, als
die
Hüften, und
nie
hat
sie
gefühlt, wie
süß
ein
Händedruck
ist —
Aber
sie
mißverstehen
mich
doch
nicht — ?
O
es
giebt]gibt
kein
Wesen
in
der
Welt, das
ich
so
ehre, wie
meine
Schwester.
Aber
welchen
Mißgrif]Mißgriff
hat
die
Natur
[Heimböckel:1999 (Reclam) 263]
begangen, als
sie
ein
Wesen
bildete, das
weder
Mann
noch
Weib
ist, u.]und
gleichsam
wie
eine
Amphibie
zwischen
zwei
Gattungen
155
schwankt?
Auffallend
ist
in
diesem
Geschöpf
der
Widerstreit
zwischen
Wille
u.]und
Kraft.
Auf
einer
Fußreise
in
dem
schlesischen
Gebirge
aß
u.]und
trank
sie
nicht
vor
Er[DKV IV 254] müdung, ward
bei
dem
Sonnenaufgang
auf
der
Riesenkoppe
ohnmächtig,
u.]und
antwortete
doch
immer, so
oft
man
sie
fragte, sie
befinde
sich
wohl.
Vor
Töplitz
fuhren
wir
mit
einem
andern
beladenen
Wagen
so
zusammen, daß
wir
weder
160
vor- noch
rückwärts
konnten, weil
auf
der
andern
Seite
ein
Zaun
war.
Der
Zaun, rief
sie, muß
abgetragen
werden —
Es
[MA II 757]
gab
wirklich
kein
anderes
Mit⸗
tel, u.]und
der
Vorschlag
war
eines
Mannes
würdig.
Sie
aber
gieng]ging
weiter, und
legte, ihr
Geschlecht
vergessend, die
schwache
Hand
an
den
Balken, der
sich
nicht
rührte —
Mitten
in
einer
großen
Gefahr
auf
einem
See
bei
Fürstenwalde,
165
wo
die
ganze
Familie
im
Nachen
dem
Sturme
ausgesetzt
war, u.]und
Alles]alles
weinte
u.]und
schrie, u.]und
selbst
die
Männer
die
Besinnung
verloren, sagte
sie: kommen
wir
doch
in
die
Zeitungen —
Mit
Kälte
u.]und
Besonnenheit
geht
sie
jeder
Gefahr
entgegen, erscheint
aber
unvermuthet]unvermutet
ein
Hund
oder
ein
Stier,
so
zittert
sie
an
allen
Gliedern —
Wo
ein
Anderer]anderer
überlegt, da
entschließt
170
sie
sich, u.]und
wo
er
spricht, da
handelt
sie.
Als
wir
auf
der
Ostsee
zwischen
Rügen
u.]und
dem
festen
Lande
im
Sturme
auf
einem
Bote]Boote
mit
Pferden
u.]und
Wagen
dem
Untergange
nahe
waren, u.]und
der
Schiffer
schnell
das
Steuer
verließ, die
Segel
Seegel
zu
fällen, sprang
sie
an
seinen
Platz
u.]und
hielt
das
Ruder —
Unerschütterte
Ruhe
scheint
ihr
das
glücklichste
Loos]Los
auf
Erden.
Von
Bahrdten
hörte
sie
einst, er
175
habe
den
Tod
seiner
geliebten
Tochter
am
Spieltische
erfahren, ohne
aufzu⸗
stehen.
Der
Mann
schien
ihr
beneidens-
[SE:1993 II 677]
u.]und
nachahmungswürdig.
— Wo
ein
andrer
fühlt, da
denkt
sie, u.]und
wo
er
genießt, da
will
sie
sich
unter⸗
richten.
In
Cassel]Kassel
spielte
ein
steinerner
Satyr
durch
die
Bewegung
des
Was⸗180
sers
die
Flöte.
Es
war
ein
angenehmes
Lied, ich
schwieg
u.]und
horchte.
Sie
frag⸗
te: wie
geht
das
zu?
— Einst
sagte
sie, sie
könne
nicht
be[Heimböckel:1999 (Reclam) 264] greifen, wie
üppige
Gedichte, oder
Mahlereien]Malereien
reizen
könnten —?
Doch
still
davon.
Das
klingt
ja
fast
wie
ein
Tadel — und
selbst
der
leiseste
ist
zu
bitter
für
ein
Wesen, das
keinen
andern
Fehler
hat, als
diesen, zu
groß
zu
185
sein
für
ihr
Geschlecht.
d.]den
29t
]29.
Juli.
]Juli
Seit
dem
3t]3.
bin
ich
nun (über
Straßburg)
in
Paris.
— Werde
ich
Ihnen
nicht
auch
etwas
von
dieser
Stadt
schreiben
müssen?
Herzlich
gern, wenn
ich
nur
mehr
zum
Beobachten
gemacht
wäre.
Aber — kehren
uns
nicht
alle
irrdischen]irdischen
Gegen⸗190
stände
ihre
Schattenseite
zu, wenn
wir
in
die
Sonne
sehen — ?
Wer
die
Welt
in
seinem
Innern
kennen
lernen
will, der
darf
nur
flüchtig
die
Dinge
außer
ihm
mustern.
Ach, es
ist
meine
angebohrne]angeborne
Unart, nie
den
Augenblick
er⸗
greifen
zu
können,
u.]und
immer
an
einem
Orte
zu
leben, an
welchem
ich
nicht
bin, u.]und
in
einer
[MA II 758]
Zeit, die
vorbei, oder
noch
nicht
da
ist.
— Als
ich
in
mein
Vater⸗195
land
war, war
ich
oft
in
Paris,
u.]und
nun
ich
in
Paris
bin, bin
ich
fast
immer
in
mein
Vaterland.
Zuweilen
gehe
ich, mit
offnen
Augen
durch
die
Stadt,
und
sehe — viel
Lächerliches, noch
mehr
Abscheuliches, u.]und
hin
u.]und
wieder
etwas
Schönes.
Ich
gehe
durch
die
langen, krummen, engen, mit
Koth]Kot
oder
Staub
über⸗
deckten,
von
tausend
widerlichen
Gerüchen
duftenden
Straßen, an
den
200
schmalen, aber
hohen
Häusern
entlang, die
sechsfache
Stockwerke
tragen,
gleichsam
den
Ort
zu
vervielfachen, ich
winde
mich
durch
einen
Haufen
von
Menschen, welche
schreien, laufen, keuchen, einander
schieben,
stoßen
u.]und
umdrehen, ohne
es
übelzunehmen, ich
sehe
jemanden
an, er
sieht
mich
wieder
an, ich
frage
ihn
ein
Paar]paar
Worte, er
antwortet
mir
höflich, ich
205
werde
warm, er
ennuÿirt
ennuyirt
]ennuyiert
sich, wir
sind
einander
herzlich
satt, er
empfiehlt
sich, ich
verbeuge
mich, u.]und
wir
haben
uns
beide
vergessen, so]sobald
bald]
wir
um
die
Ecke
sind —
Geschwind
gehe
ich
nach
dem
Louvre
u.]und
erwärme
mich
an
dem
Marmor, an
dem
Apoll
vom
Belvedere,
an
der
mediceischen
Venus,
oder
trete
vor
das
herr[Heimböckel:1999 (Reclam) 265] liche
niederländische
210
Tableau,
wo
der
Sauhirt
den
Ulysses
ausschimpft
—
Auf
dem
Rückwege
gehe
[SE:1993 II 678]
ich
durch
das
palais]Palais
royal,
wo
man
ganz
Paris
kennen
lernen
kann, mit
allen
seinen
Gräueln]Greueln
u.]und
sogenannten
Freuden —
Es
ist
kein
sinnliches
Be⸗
dürfniß]Bedürfnis,
das
hier
nicht
bis
zum
Ekel
befriedigt, keine
Tugend, die
hier
nicht
mit
Frechheit
verspottet, keine
Infamie, die
hier
nicht
nach
Principien]Prinzipien
begangen
würde —
[DKV IV 256]
Noch
215
schrecklicher
ist
der
Anblick
des
Platzes
an
der
halle]Halle
au
bléd,
wo
auch
der
letzte
Zügel
gesunken
ist —
Dann
ist
es
Abend, dann
habe
ich
ein
brennendes
Bedürfniß,]Bedürfnis,
das
Alles]alles
aus
den
Augen
zu
verlieren, alle
diese
Dächer
u.]und
Schornsteine
u.]und
alle
diese
Abscheulichkeiten]Abscheulichkeiten,
u.]und
nichts
zu
sehen, als
rund⸗
um
den
Himmel — aber
giebt]gibt
es
einen
Ort
in
dieser
Stadt, wo
man
ihrer
220
nicht
gewahr
würde?
Luchesini]Lucchesini
u.]und
Humboldt
haben
mich
vorläufig
bei
einigen
französischen
Gelehrten
eingeführt.
Ich
soll
nämlich
hier
studieren, ich
soll
es, so
will
es
ein
jahrelang
entworfener
Plan, dem
ich
folgen
muß, wie
ein
Jüng⸗
ling
einem
Hofmeister, von
dem
er
sich
noch
nicht
loß]los
machen
kann.
Ich
225
habe
auch
schon
einigen
Vorlesungen
beigewohnt —
Ach, diese
Menschen
sprechen
von
Säuren
u.]und
Alkalien, indessen
mir
ein
allgewaltiges
[MA II 759]
Bedürfniß]Bedürfnis
die
Lippe
trocknet
—
Liebe
Freundinn,]Freundin,
sagen
Sie
mir, sind
wir
da, die
Höhe
der
Sonne
zu
ermessen, oder
uns
an
ihren
Strahlen
zu
wärmen?
Genießen!
Genießen!
Wo
genießen
wir?
230
[6]
[BKA IV/2 81]
Mit
dem
Verstande
oder
mit
dem
Herzen?
Ich
will
es
nicht
mehr
binden
u.]und
rädern, frei
soll
es
die
Flügel
bewegen, ungezügelt
um
seine
Sonne
soll
es
fliegen,
flöge
es
auch
gefährlich, wie
die
Mücke
um
das
Licht —
Ach, daß
wir
ein
Leben
bedürfen, zu
lernen, wie
wir
leben
müßten, daß
wir
im
Tode
erst
ahnden, was
der
Himmel
mit
uns
will!
—
Wohin
wird
235
dieser
schwankende
Geist
mich
führen, der
nach
Allem]allem
strebt, u.]und
berührt
er
es, gleichgültig
es
fahren
läßt
—
Und
doch, wenn
die
Jugend
von
jedem
Eindrucke
bewegt
wird, u.]und
ein
heftiger
sie
stürzt, so
ist
das
nicht,
weil
sie
keinen, sondern
weil
sie
starken
Wiederstand]Widerstand
leistet.
Die
abgestorbene
Eiche,
[Heimböckel:1999 (Reclam) 266]
sie
steht
unerschüttert
im
Sturm, aber
die
240
blühende
stürzt
er,
weil
er
in
ihre
Krone
greifen
kann
—
Ich
entsinne
mich, daß
mir
ein
Buch
zuerst
den
Gedanken
einflößte, ob
es
nicht
möglich
sei, ein
hohes
wissenschaftliches
Ziel
noch
zu
erreichen?
Ich
versuchte
es, und
auf
der
Mitte
der
Bahn
hält
mich
jetzt
ein
Gedanke
zurück —
Ach, ich
trage
mein
Herz
mit
mir
herum, wie
ein
nördliches
Land
den
Keim
einer
Süd⸗245
frucht.
Es
treibt
u.]und
treibt, u.]und
es
kann
nicht
[SE:1993 II 679]
reifen —
Denn
[DKV IV 257]
Menschen
lassen
sich, wie
Metalle, zwar
formen
so
lange
sie
warm
sind; aber
jede
Berüh⸗
rung
wirkt
wieder
anders
auf
sie
ein, u.]und
nur
wenn
sie
erkalten, wird
ihre
Gestalt
bleibend.
Ich
mögte]möchte
so
gern
in
einer
rein-menschlichen
Bildung
fortschreiten, aber
das
Wissen
macht
uns
weder
besser, noch
glücklicher.
Ja, wenn
250
wir
den
ganzen
Zusammenhang
der
Dinge
einsehen
könnten!
Aber
ist
nicht
der
Anfang
u.]und
das
Ende
jeder
Wissenschaft
in
Dunkel
gehüllt?
Oder
soll
ich
alle
diese
Fähigkeiten, u.]und
alle
diese
Kräfte
u.]und
dieses
ganze
Leben
nur
dazu
anwenden,
eine
Insectengattung]Insektengattung
kennen
zu
lernen, oder
einer
Pflanze
ihren
Platz
in
der
Reihe
der
Dinge
anzuweisen?
Ach, mich
ekelt
vor
dieser
Einseitigkeit!
255
Ich
glaube, daß
Newton
an
dem
Busen
eines
Mädchens
nichts
anderes
anders [uneindeutig]
sah, als
seine
krumme
Linie, u.]und
daß
ihm
an
ihrem
Herzen
nichts
merkwürdig
war, als
sein
Cubikinhalt.]Kubikinhalt.
Bei
den
Küssen
seines
Weibes
denkt
ein
ächter]echter
Chemi⸗
ker
nichts, als
daß
ihr
Athem]Atem
Stickgas
u.]und
Kohlenstoffgas
ist.
Wenn
die
Sonne
glühend
über
den
Horizont
heraufsteigt, so
fällt
ihm
weiter
nichts
ein,260
als
[MA II 760]
daß
sie
eigentlich
noch
nicht
da
ist —
Er
sieht
bloß
das
Insect,]Insekt,
nicht
die
Erde, die
es
trägt, und
wenn
der
bunte
Holzspecht
an
die
Fichte
klopft, oder
im
Wipfel
der
Eiche
die
wilde
Taube
zärtlich
girrt, so
fällt
ihm
bloß
ein,
wie
gut
sie
sich
ausnehmen
würden, wenn
sie
ausgestopft
wären.
Die
ganze
Erde
ist
dem
Botaniker
nur
ein
großes
Herbarium,
u.]und
an
der
265
wehmüthigen]wehmütigen
Trauerbirke, wie
an
dem
Veilchen, das
unter
ihrem
Schatten
blüht, ist
ihm
nichts
merkwürdig, als
ihr
linnéischer
Name.
Dagegen
ist
die
Gegend
dem
Mineralogen
[Heimböckel:1999 (Reclam) 267]
nur
schön, wenn
sie
steinig
ist, und
wenn
der
alpinische
Granit
von
ihm
bis
in
die
Wolken
strebt, so
thut]tut
es
ihm
nur
leid, daß
er
ihn
nicht
in
die
Tasche
stecken
kann, um
ihn
in
den
Glas⸗270
schrank
neben
die
andern
Fossile
zu
setzen —
O
wie
traurig
ist
diese
cyklopische]zyklopische
Einseitigkeit! —
Doch
genug.
Ich
habe
Ihnen
so
viel
aus
meinem
In⸗
nern
mitgetheilt;]mitgeteilt;
werden
Sie
mir
diese
kindische
Neigung
zur
Vertraulichkeit
verzeihen?
Ich
hoffe
es.
Ihre
Antwort
wird
mir
eine
frohe
Stunde
schenken.
Was
macht
Werdeck?
O
mögte]möchte
der
Würdigste
unter
den
Men[DKV IV 258] schen
doch
nicht
zugleich
der
Unglücklichste
sein!
Grüßen
Sie
Fr.
Schlegel,
275
u.]und
wenn
in
der
Tafel
Ihres
Gedächtnisses
noch
ein
Plätzchen
übrig
ist, so
heben
Sie
es
auf
für
den
Namen
Ihres
Freundes
Heinrich
Kleist.
