[035] An Wilhelmine v. Zenge, 31. Januar 1801
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[1]
[BKA IV/1 464]
[DKV IV 186]
[SE:1993 II 617]
[Heimböckel:1999 (Reclam) 193]
[MA II 695]
Berlin,
d.]den
31t
]31.
Januar,
]Januar
1801.
]1801
Liebe
Wilhelmine,
nicht, weil
mir
etwa
Dein
Brief
weni⸗
ger
lieb
gewesen
wäre, als
die
andern, nicht
dieses, sage
ich,
war
[Heimböckel:1999 (Reclam) 194]
der
Grund, daß
ich
Dir
diesmal
etwas
später
antworte, als
auf
Deine
andern
Briefe — Denn
das
habe
ich
mir
zum
Gesetz
5
gemacht, jedes
Schreiben, das
mir
irgend
eine
schönere
Seite
von
Dir
zeigt, u.]und
mir
darum
inniger
an
das
Herz
greift, gleich
u.]und
ohne
Aufschub
zu
beantworten.
Aber
diesmal
war
es
mir
doch
ganz
unmöglich.
Leopold
ist
hier,
Huth
hat
mich
in
sein
Interesse
ge⸗
zogen
u.]und
mich
aus
meiner
Einsamkeit
ein
wenig
in
die
gelehrte
10
Welt
von
Berlin
eingeführt, — worin
es
mir
aber, im
Vorbeigehn
gesagt, so
wenig
gefällt, als
in
der
ungelehrten.
Allein
Du
selbst
kannst
daraus
schließen, wie
karg
ich
mit
der
Zeit
sein
mußte,
um
nothwendige]notwendige
Arbeiten
nicht
ganz
zu
versäumen.
Gern
mögte]möchte
ich
für
Geld
Stunden
kaufen, wenn
dies
möglich
wäre, und
15
Manchem]manchem
würde
damit
gedient
sein, der
daran
einen
Über⸗
fluß
hat
u.]und
nicht
weiß, was
er
damit
anfangen
soll.
Die
wenigen
Stunden, die
mir
nach
so
vielen
[DKV IV 187]
Zerstreuungen
übrig
blieben, mußte
ich
ganz
meinem
Zwecke
widmen — heute
endlich
hat
mir
der
Himmel
einen
freien
Abend
geschenkt
u.]und
Dir
soll
er
gewid⸗20
met
sein.
— Aber
ich
hebe
das
Gesetz
nicht
auf, u.]und
künftig
beant⸗
worte
ich
jeden
Brief
von
Dir, wenn
er
so
ist
wie
der
letzte,
sogleich — Du
mußt
dann
nur
zuweilen
mit
Wenigem]wenigem
zu⸗
frieden
sein.
Besonders
der
Blick, den
Du
mir
diesmal
in
Dein
Herz
25
voll
[SE:1993 II 618]
Liebe
hast
werfen
lassen, hat
mir
unaussprechliche
Freude
gewährt — obschon
das
Ganze, um
mir
Vertrauen
zu
der
Wahrheit
Deiner
Neigung
einzuflößen, eigentlich
nicht
nöthig]nötig
war.
Wenn
Du
mich
nicht
liebtest, so
müßtest
Du
verachtungswürdig
sein
und
ich, wenn
ich
es
von
Dir
nicht
30
glaubte.
Ich
habe
Dir
schon
einmal
gesagt, warum?
— Also
dieses
ist
ein
für
allemal
abgethan.]abgetan.
Wir
lieben
uns, hoffe
ich,
herzlich
und
innig
genug, um
es
uns
nicht
mehr
sagen
zu
dürfen,
und
die
Geschichte
unsrer
Liebe
macht
alle
Versicherungen
durch
Worte
unnöthig.]unnötig.
35
Laß
mich
jetzt
einmal
ein
Wort
von
meinem
Freunde
Brokes
reden, von
dem
mein
Herz
ganz
voll
ist —
Er
hat
[Heimböckel:1999 (Reclam) 195]
mich
[2]
[BKA IV/1 467]
verlassen, er
ist
nach
Mecklenburg
gegangen, dort
ein
Amt
anzutreten, das
seiner
wartet — — und
mit
ihm
habe
ich
den
einzigen
Menschen
in
dieser
volkreichen
Königsstadt
40
verloren, der
mein
Freund
war, den
einzigen, den
ich
recht
wahrhaft
ehrte
u.]und
liebte, den
einzigen, für
den
ich
in
Berlin
Herz
und
Gefühl
haben
konnte, den
einzigen, dem
ich
es
ganz
geöffnet
hatte
u.]und
der
jede, auch
selbst
seine
geheim⸗
sten
Falten
kannte.
Von
keinem
Andern]andern
kann
ich
dies
letzte
45
sagen, Niemand]niemand
versteht
mich
ganz, Niemand]niemand
kann
mich
ganz
verstehen, als
er
u.]und
Du
— ja
selbst
Du
vielleicht, liebe
Wil⸗
helmine,
wirst
mich
u.]und
meine
künftigen
Handlungen
nie
ganz
verstehen, wenn
Du
nicht
für
das, was
ich
höher
achte, als
die
Liebe,
einen
so
hohen
Sinn
fassen
kannst, als
er.
50
Ich
habe
Dir
schon
oft
versprochen, Dir
etwas
von
diesem
herr⸗
lichen
Menschen
mitzutheilen,]mitzuteilen,
der
gewiß
von
den
Wenigen,]wenigen,
die
die
Würde
ihrer
Gattung
behaupten, Einer]einer
ist, u.]und
nicht
der
schlechteste
unter
diesen
Wenigen.]wenigen.
— Eigentlich
weiß
ich
jetzt
gar
nichts
von
ihm
zu
reden, als
bloß
[DKV IV 188]
sein
Lob, u.]und
ob
ich
schon
55
gleich
mich
entsinne, zuweilen
auch
an
diesem
den
Charakter
der
Menschheit, nämlich
nicht
ganz
vollkommen
zu
sein, entdeckt
zu
haben, so
ist
doch
jetzt
mein
Gedächtniß]Gedächtnis
für
seine
Fehler
ganz
ausgestorben
u.], und
ich
habe
nur
eines
für
seine
Tugenden.
Ich
füge
dieses
hinzu, damit
Du
etwa
nicht
glaubst, daß
mein
60
Lob
aus
einer
verblendeten
Seele
entsprang.
Wahr
ist
es,
daß
die
Menschen
uns, wie
die
Sterne, bei
ihrem
Verschwinden
höher
erscheinen, als
sie
wirklich
stehen; aber
dieser
ist
in
dem
ganzen
Zeitraume
unsrer
vertrauten
Bekanntschaft
nie
von
der
Stufe
herabgestiegen, auf
welcher
ich
ihn
Dir
jetzt
zeigen
65
werde.
Ich
[SE:1993 II 619]
habe
ihn
anhaltend
beobachtet
u.]und
in
den
verschieden⸗
sten
Lagen
geprüft
u.]und
mir
das
Bild
dieses
Menschen
mit
meiner
ganzen
Seele
angeeignet, als
ob
es
eine
Erscheinung
wäre,
die
man
nur
einmal, u.]und
nicht
wieder
sieht.
Ja
wenn
Du
unter
den
Mädchen
wärest, was
dieser
unter
den
70
Männern — — Zwar
dann
müßte
ich
freilich
auch
er[Heimböckel:1999 (Reclam) 196] schrecken.
Denn
müßte
ich
dann
nicht
auch
sein, wie
er, um
von
Dir
geliebt
zu
werden?
Ich
sage
Dir
nichts
von
seiner
Gestalt, die
nicht
schön
war, aber
sehr
edel.
Er
ist
groß, nicht
sehr
stark, hat
ein
gelbbräunliches
Haar, ein
75
blaues
Auge, viel
Ruhe
u.]und
Sanftmuth]Sanftmut
im
Gesicht, u.]und
eben]
so]ebenso
im
Betragen.
Eben]
so]
wenig]Ebensowenig
kann
ich
Dir
von
seiner
Geschichte
sagen.
Er
hatte
eine
sehr
gebildete
u.]und
zärtlich
liebende
Mutter, seine
Erziehung
war
ein
wenig
poetisch, u.]und
ganz
dahin
abzweckend, sein
Herz
weich
u.]und
für
80
alle
Eindrücke
des
Schönen
u.]und
Guten
schnell
empfänglich
zu
machen.
Er
studierte
in
Göttingen,
lernte
in
Frankfurt
am
Main
die
Liebe
kennen, die
ihn
nicht
glücklich
machte, gieng]ging
dann
in
dänische
Militair⸗
dienste,]Militärdienste,
wo
es
sein
freier
Geist
nicht
lange
aushielt, nahm
dann
den
Abschied, konnte
sich
nicht
wieder
entschließen, ein
Amt
zu
nehmen,85
gieng,]ging,
um
doch
Etwas]etwas
Gutes
zu
stiften, mit
einem
jungen
Manne
zum
zweitenmale
auf
die
Universität, der
sich
dort
unter
seiner
Anleitung
bildete, dessen
Eltern
interessirten]interessierten
sich
für
ihn
am
meck[DKV IV 189] lenburgschen
Hofe,
der
ihm
nun
jetzt
ein
Amt
anträgt,
das
er
freilich
annehmen
muß, weil
es
sein
Schicksal
so
will.
90
Auch
von
seinen
Tugenden
kann
ich
Dir
nur
Weniges]weniges
im
Allgemeinen]allgemeinen
sagen, weil
sonst
dieser
Bogen
nicht
hinreichen
würde.
Er
war
durchaus
immer
edel,
nicht
bloß
der
äußern
Handlung
nach, auch
dem
innersten
Bewegungsgrunde
nach.
Ein
tiefes
Gefühl
für
Recht
war
immer
in
ihm
herrschend, u.]und
wenn
er
es
geltend
machte, so
zeigte
95
er
sich
zu
gleicher
Zeit
immer
so
stark
u.]und
doch
so
sanft.
Sanftheit
war
überhaupt
die
Basis
seines
ganzen
Wesens.
Dabei
war
er
von
ei⸗
ner
ganz
reinen, ganz
unbefleckten
Sittlichkeit
u.]und
ein
Mädchen
könnte
nicht
reiner, nicht
unbefleckter
sein, als
er.
Frei
war
seine
Seele
u.]und
ohne
Vorurtheil,]Vorurteil,
voll
Güte
u.]und
Menschenliebe, und
100
nie
stand
ein
Mensch
so
unscheinbar
unter
den
andern, über
die
er
doch
so
unendlich
er[SE:1993 II 620] haben
war.
Ein
einziger
Zug
konnte
ihn
schnell
für
einen
Menschen
gewinnen,
gewinnen;
]gewinnen;
denn
so
wie
es
sein
Bedürf⸗
niß]Bedürfnis
war, Liebe
[Heimböckel:1999 (Reclam) 197]
zu
finden, so
war
es
auch
sein
Bedürfniß,]Bedürfnis,
Liebe
zu
geben.
Nur
zuweilen
gegen
Gelehrte
war
er
hart, nicht
seine
105
Handlung, sondern
sein
Wort, indem
er
sie
meistens
Vielwisser
nannte.
Sein
Grundsatz
war: Handeln
ist
besser
als
Wissen.
Daher
sprach
er
selbst
zuweilen
verächtlich
von
der
Wissenschaft,
u.]und
nach
seiner
Rede
zu
urtheilen]urteilen
so
schien
es, als
[MA II 698]
wäre
er
immer
vor
Allem]allem
geflohen, was
ihr
ähnlich
sieht — — aber
er
meinte
eigen⸗110
tlich
bloß
die
Vielwisserei, u.]und
wenn
er, statt
dieser, wegwer⸗
[4]
[BKA IV/1 471] fend
von
den
Wissenschaften
sprach, so
bemerkte
ich
mitten
in
seiner
Rede, daß
er
in
keiner
einzigen
ganz
fremd
und
in
sehr
vielen
ganz
zu
Hause
war.
Von
den
meisten
hatte
er
die
Hauptzüge
auf⸗
gefaßt
u.]und
von
den
andern
wenigstens
doch
diejenigen
Züge, die
in
115
sein
Ganzes
paßten — denn
dahin, nämlich
Alles]alles
in
sich
immer
in
Einheit
zu
bringen
u.]und
zu
erhalten, dahin
gieng]ging
sein
unauf⸗
hörliches
Bestreben.
Daher
stand
sein
Geist
auf
einer
hohen
Stufe
von
Bildung, ob gleich
obgleich
obgleich
]obgleich
nur
eigentlich, wie
er
sagte,
die
Ausbildung
seines
Herzens
sein
Geschäfft]Geschäft
war.
Denn
120
zwischen
diesen
beiden
Partheien]Parteien
in
dem
menschlichen
Wesen, machte
er
einen
scharfen, schneidenden
Unterschied.
[DKV IV 190]
Immer
nannte
er
den
Verstand
kalt, u.]und
nur
das
Herz
wirkend
und
schaffend.
Daher
hatte
er
ein
unüberwindliches
Mißtrauen
gegen
jenen, und
hingegen
ein
eben]ebenso
so]
unerschütterliches
Vertrauen
zu
diesem
gefaßt.
125
Immer
seiner
ersten
Regung
gab
er
sich
ganz
hin, das
nannte
er
seinen
Gefühlsblick,
u.]und
ich
selbst
habe
nie
gefunden, daß
dieser
ihn
getäuscht
habe.
Er
sprach
immer
wegwerfend
von
dem
Verstande, ob]obgleich
gleich]
er
in
einer
solchen
Rede
selbst
zeigte, daß
er
mehr
habe, als
Andere,]andere,
die
damit
prahlen.
Übrigens
war
das
130
Sprechen
über
seinen
innern
Zustand
eben
nicht, wie
es
scheinen
mögte,]möchte,
sein
Bedürfniß,]Bedürfnis,
selten
theilte]teilte
er
sich
Einzelnen]einzelnen
mit,
Vielen]vielen
nie.
In
Gesellschaften
war
er
meist
still
u.]und
leidend, wie
überhaupt
in
dem
ganzen
Leben, und
dennoch
war
er
in
Gesell⸗
schaft
immer
gern
gesehen.
Ja
ich
habe
nie
einen
Menschen
135
gesehen, der
so
viel
Liebe
fand
bei
allen
Wesen — u.]und
oft
habe
ich
mich
sinnend
[Heimböckel:1999 (Reclam) 198]
in
Gedanken
vertieft, wenn
ich
sah, daß
sogar
Deines
Bruders
Spitz,
der
gegen
seinen
Herrn
u.]und
gegen
mich
nie
recht
zärtlich
war, dagegen
unbeschreiblich
freudig
um
dieses
Menschen
Knie
sprang, sobald
er
[SE:1993 II 621]
in
die
Stube
trat.
Aber
er
war
von
140
einem
ganz
liebenden, kindlichen
Wesen, ein
natürlicher
Freund
aller
Geschöpfe — liebe
Wilhelmine,
es
ist
keine
Sprache
vorhanden, um
das
Bild
dieses
Menschen
recht
treu
zu
mah⸗
len]malen
———
Ich
will
daher
von
seinem
Wesen
nur
noch
das
ganz
charakteristische]Charakteristische
145
herausheben — das
war
seine
Uneigennützigkeit.
— Lie⸗
be
Wilhelmine!
Bist
Du
wohl
schon
recht
aufmerksam
ge[MA II 699] wesen
auf
Dich
u.]und
auf
andere?
Weißt
Du
wohl, was
es
heißt,
ganz
uneigennützig
sein?
Und
weißt
Du
auch
wohl, was
es
heißt,
es
immer,
und
aus
der
innersten
Seele
und
mit
Freudigkeit
es
zu
150
[5]
[BKA IV/1 472]
sein?
— Ach, es
ist
schwer — Wenn
Du
das
nicht
recht
innig
fühlst, so
widme
einmal
einen
einzigen
Tag
dem
Geschäft, es
an
Dir
u.]und
an
Andern]andern
zu
untersuchen.
Sei
einmal
recht
aufmerksam
auf
Dich
u.]und
auf
die
Dich
umgebenden
Menschen, — Du
wirst
Dich
u.]und
sie
oft, o
sehr
oft, wenn
auch
nur
in
Kleinigkeiten, in
Lagen
155
sehen, wo
das
eigne
Interesse
mit
fremdem
streitet — dann
prüfe
einmal
[DKV IV 191]
das
Betragen, aber
besonders
den
Grund, u.]und
oft
wirst
Du
vor
Andern]andern
oder
vor
Dir
selbst
erröthen]erröten
müssen —
Vielleicht
hat
die
Natur
Dir
jene
Klarheit, zu
Deinem
Glücke
versagt, jene
traurige
Klarheit, die
mir
zu
jeder
Miene
den
Gedanken, zu
160
jedem
Worte
den
Sinn, zu
jeder
Handlung
den
Grund
nennt.
Sie
zeigt
mir
Alles,]alles,
was
mich
umgiebt,]umgibt,
u.]und
mich
selbst, in
seiner
ganzen
armseeligen]armseligen
Blöße, u.]und
der
farbige
Nebel
verschwindet,
u.]und
alle
die
gefällig
geworfnen
Schleier
sinken
u.]und
dem
Herzen
ekelt
zuletzt
vor
dieser
Nacktheit —
O
glücklich
bist
Du, wenn
165
Du
das
nicht
verstehst.
Aber
glaube
mir, es
ist
sehr
schwer
immer
ganz
uneigennützig
zu
sein.
Und
diese
schwerste
von
allen
Tugenden, o
nie
hat
ihr
Heiligen⸗
schein
diesen
Menschen
verlassen, so
lange
ich
ihn
kannte
auch
nicht
auf
einen
Augenblick.
Immer
von
seiner
[Heimböckel:1999 (Reclam) 199]
liebenden
Seele
170
geführt, wählte
er
in
jedem
streitenden
Falle
nie
sein
eignes,
immer
das
fremde
Interesse; und
das
that]tat
er
nicht
nur
in
wichtigen
Lagen, nicht
nur
in
solchen
Lagen, wo
die
Augen
der
Menschen
auf
ihn
gerichtet
waren,
]waren
(denn
da
zeigt
sich
freilich
mancher
durch
eine
Anstrengung
uneigennützig, der
es
ohne
diese
Anstrengung
175
nicht
wäre)
]wäre),
— auch
in
den
unscheinbarsten, unbemerktesten
Fällen (und
das
ist
bei
Weitem]weitem
mehr) zeigte
sich
seine
Seele
immer
von
derselben
unbefleckten
Uneigennützigkeit, selbst
in
solchen
[SE:1993 II 622]
Augenblicken, wo
wir
im
gemeinen
Leben
gern
einen
kleinen
Eigennutz
verzeihen, und
das
immer
ganz
im
Stillen, ganz
180
anspruchlos, ohne
die
mindeste
Rechnung
auf
Dank, ja
selbst
dann, wenn
es
ohne
meine, durch
das
Entzücken
über
diese
nie
er⸗
blickte
Erscheinung, immer
rege
Aufmerksamkeit, gar
nicht
em⸗
pfunden
u.]und
verstanden
worden
wäre.
Ich
kann
Dir
zu
dem
Allen]allen
Beispiele
geben.
— Als
ich
ihm
in
Pase⸗185
walk
meine
Lage
eröffnete, besann
er
sich
nicht
einen
Augenblick,
mir
nach
Wien
zu
folgen.
Er
sollte
schon
damals
ein
Amt
nehmen,
er
hieng]hing
innig
an
seiner
Schwester
u.]und
sie
noch
inniger
an
ihm.
[6]
[BKA IV/1 475]
Ja
es
ist
eine
traurige
Gewißheit, daß
diese
plötzliche, geheim⸗
nißvolle]geheimnisvolle
Abreise
ihres
Bruders, und
das
Gefühl, nun
von
ihrem
190
einzigen
Freunde
verlassen
[DKV IV 192]
zu
sein, einzig
u.]und
allein
das
arme
Weib
bewogen
hat, einen
Gatten
sich
zu
wählen, mit
dem
sie
jetzt
doch
nicht
recht
glücklich
ist —
So
theuer,]teuer,
Wilhelmine,
ward
unser
Glück
erkauft.
Werden
wir
nicht
auch
etwas
thun]tun
müssen, es
zu
verdienen?
195
Doch
ich
kehre
zurück.
Er — ich
brauche
ihn
doch
nicht
mehr
zu
nennen?
Er]er
vergaß
sein
ganzes
eignes
Interesse, u.]und
folgte
mir.
Um
mir
den
Verdacht
zu
ersparen, als
sei
ich
der
eigentliche
Zweck
der
Reise,
u.]und
als
hätte
ich
ihn
nur
bewegt
mir
zu
folgen, welches
meiner
Absicht
schaden
konnte, gab
er
bei
seiner
Familie
der
ganzen
200
Reise
den
Anstrich, als
geschehe
sie
nur
um
seinetwillen.
Er
selbst
hat
nur
ein
kleines
Capital,]Kapital,
von
mir
wollte
er
sich
die
Kosten
der
Reise
nicht
vergüten
lassen, er
opferte
600
rth.
Rth.
]Rth.
von
seinem
[Heimböckel:1999 (Reclam) 200]
eignen
Vermögen, mir
zu
folgen, und
uns
beide
glücklich
zu
machen —
Du
liebst
ihn
doch
auch?
205
Aber
das
ist
doch
noch
nicht
die
Uneigennützigkeit, die
ich
meine.
Es
ist
wahr, daß
ich
ihr
die
ganze
glückliche
Wendung
meines
Schick⸗
saals]Schicksals
verdanke, aber
doch
ist
das
nicht
die
Uneigennützigkeit,
die
mich
entzückt.
Das
Alles,]alles,
fühle
ich, würde
ich
für
ihn
auch
gethan]getan
haben — — aber
er
hat
noch
weit
mehr
gethan,]getan,
o
weit
210
mehr!
Es
ist
ganz
unscheinbar, u.]und
Du
wirst
vielleicht
darüber
lächeln, wenn
Du
es
nicht
verstehst — aber
mich
hat
es
entzückt.
Höre.
Wenn
wir
beide
in
den
Postwagen
stiegen, so
nahm
er
sich
immer
den
Platz, der
am
Wenigsten]wenigsten
bequem
war.
— Von
dem
Stroh, das
215
zuweilen
in
den
Fußboden
lag, nahm
er
sich
nie
etwas, wenn
es
nicht
hinreichte, die
Füße
beider
zu
erwärmen.
— Wenn
[SE:1993 II 623]
ich
in
der
Nacht
zuweilen
schlafend
an
seine
Brust
sank, so
hielt
er
mich, ohne
selbst
zu
schlafen —
Wenn
wir
in
ein
Nachtquar⸗
tier
kamen, so
wählte
er
für
sich
immer
das
schlechteste
Bett.
220
— Wenn
wir
zusammen
Früchte
aßen, [MA II 701]
blieben
immer
die
schönsten, saft⸗
vollsten
für
mich
übrig.
— Wenn
man
uns
in
Würzburg
Bücher
aus
der
Lesegesellschaft
brachte, so
laß]las
er
nie
in
dem
zuerst,
das
mir
das
liebste
war —
Als
man
uns
zum
erstenmale
die
franzö[DKV IV 193] sischen
u.]und
deutschen
Zeitungen
brachte, hatte
ich, ohne
Absicht,225
[7]
[BKA IV/1 476]
zuerst
die
französischen
ergriffen.
So
oft
die
Zeitungen
nun
wieder
kamen
gab
er
mir
immer
die
französischen.
Ich
merkte
das, u.]und
nahm
mir
einmal
die
deutschen.
Seitdem
gab
er
mir
immer
die
deut⸗
schen.
— Um
die
Zeit, in
welcher
mein
Arzt
mich
besuchte, gieng]ging
er
immer
spatzieren.]spazieren.
Ich
hatte
ihm
nie
etwas
gesagt, aber
es
230
mogte]mochte
schlechtes
oder
gutes
Wetter
sein, er
verließ
das
Zimmer
u.]und
gieng]ging
spatzieren.]spazieren.
— Nie
kam
er
in
meine
Kammer, auch
darum
hatte
ich
ihn
nicht
gebeten, aber
er
errieth]erriet
es, u.]und
nie
ließ
er
sich
darin
sehen.
— Ich
brannte
während
der
Nacht
Licht
in
meiner
Kammer, u.]und
der
Schein
fiel
durch
die
geöffnete
Thür]Tür
grade
auf
sein
235
Bett.
Nachher
habe
ich
gelegentlich
erfahren, daß
er
viele
Nächte
deswegen
gar
nicht
geschlafen
habe; [Heimböckel:1999 (Reclam) 201]
aber
nie
hatte
hat
]hat
er
es
mir
ge⸗
sagt.
O
noch
einen
Zug
werde
ich
Dir
einst
erzählen, aber
jetzt
nicht — noch
ein
Opfer, das
ihn
nöthigte]nötigte
jede
Nacht
mit
dem
bloßen
übergeworfnen
Mantel
über
den
kalten
Flur
zu
240
gehen, u.]und
von
dem
ich
auch
nicht
das
Mindeste]mindeste
erfuhr, bis
spät
nachher —
Aber
Du
lächelst
wohl
über
diese
Kleinigkeiten.
—?
O
Wil⸗
helmine,
wie
schlecht
verstehst
Du
Dich
dann
auf
die
Menschen!
Große
Opfer
sind
Kleinigkeiten, die
kleinen
sind
es, die
schwer
245
sind; und
es
war
leichter, mir
nach
Wien
zu
folgen, leichter
mir
600
Rth.
Rth
zu
opfern, als
mit
nie
ermüdendem
Wohlwollen
und
mit
immer
stiller
u.]und
anspruchloser
Beeiferung
meinen
Vortheil]Vorteil
mit
dem
seinigen
zu
erkaufen
u.]und
in
der
unendlichen
Mannigfal⸗
tigkeit
von
Lagen
sich
nie, auch
nicht
auf
einen
Augenblick, anders
250
zu
zeigen, als
ganz
uneigennützig.
Du
glaubst
doch
wohl
nicht
von
mir, daß
ich
nur
darum
dieser
Uneigennützigkeit
so
lebhaft
das
Wort
rede, weil
sie
grade
meinem
Vortheil]Vorteil
schmeichelte —?
O
pfui.
Ich
gebe
Dir
darauf
kein
Wort
zur
Antwort.
255
O
wenn
Du
ahnden
könntest, warum
ich
grade
Dir
das
Alles]alles
schrieb!
— Denke
einmal
an
alle
die
Abscheulichkeiten, zu
welchen
der
Eigen⸗
nutz
die
Menschen
treibt — denke
Dir
einmal
die
glückliche
Welt,
wenn
jeder
seinen
eignen
[DKV IV 194]
Vortheil,]Vorteil,
gegen
[MA II 702]
den
Vortheil]Vorteil
des
Andern]andern
vergäße — denke
Dir
wenigstens
die
glückliche
Ehe, in
welcher
260
diese
innige, herzliche
Uneigennützigkeit
immer
herschend]herrschend
wäre —
[8]
[BKA IV/1 479]
O
Du
ahndest
gewiß
die
Absicht
dieser
Zeilen, die
Du
darum
auch
gewiß
recht
oft
durchlesen
wirst — nicht, als
ob
ich
Dich
für
eigen⸗
nützig
hielte, o
behüte, so
wenig
als
mich
selbst.
Aber
in
mir
selbst
finde
ich
doch
nicht
ein
so
reines, so
hohes
Wohlwollen
265
für
den
Andern,]andern,
keine
solche
innige, unausgesetzte
Beeiferung
für
seinen
Vortheil,]Vorteil,
keine
so
gänzliche
Vergessenheit
meines
eignen — und
das
ist
jetzt
das
hohe
Bild, das
ich
mit
meiner
ganzen
Seele
mir
anzueignen
strebe.
O
mögte]möchte
es
auch
das
Deinige
wer⸗
den — ja,
Wilhelmine,
sagte
ich
nicht, daß
unser
Glück
theuer]teuer
270
erkauft
[Heimböckel:1999 (Reclam) 202]
ward?
Jetzt
können
wir
es
verdienen.
Laß
uns
dem
Beispiel
jenes
vortrefflichsten
der
Menschen
folgen — mein
heilig⸗
ster
Wille
ist
es.
Immer
u.]und
in
allen
Fällen
will
ich
meines
eignen
Vortheils]Vorteils
ganz
vergessen, wie
er, u.]und
nicht
bloß
gegen
Dich, auch
gegen
Andere]andere
u.]und
wären
es
auch
ganz
Fremde
ganz
uneigennützig
275
sein, wie
er.
O
mache
diesen
herrlichen
Vorsatz
auch
zu
dem
Deinen.
Verachte
nun
immer
Deinen
eignen
Vortheil,]Vorteil,
er
sei
groß
oder
klein, gegen
jeden
Andern,
Anderen,
]anderen,
gegen
Deine
Schwestern,
gegen
Freunde, gegen
Bekannte, gegen
Diener, gegen
Fremde,
gegen
Alle.]alle.
Was
ist
der
Genuß
eines
Vortheils]Vorteils
gegen
die
280
Entzückung
eines
freiwilligen
Opfers!
Auch
in
dem
geringfügig⸗
sten
Falle
erfülle
diese
schöne
Pflicht, ja
geize
sogar
begierig
auf
Gelegenheit, wo
Du
sie
erfüllen
kannst.
Rechne
aber
dabei
niemals
auf
Dank, niemals, wie
er.
Auch
wenn
Dein
stilles
bescheidnes
Opfer
gar
nicht
verstanden
würde, ja
selbst
dann
285
wenn
Du
vorher
wüßtest, daß
es
von
Keinem]keinem
verstanden
werden
würde, so
bringe
es
dennoch — Du
selbst
verstehst
es, u.]und
Dein
Selbst⸗
gefühl
möge
Dich
belohnen.
Verlange
aber
nie
ein
Gleiches
von
dem
Andern,]andern,
o
niemals.
Denn
wahre
Uneigennützigkeit
zeigt
sich
in
dem
Talent, sich
durch
den
Eigennutz
Andrer]andrer
nie
gekränkt
290
zu
fühlen, eben]ebenso
so]
gut, ja
selbst
noch
besser, als
in
dem
Talent
ihm
immer
zuvor
zu
kommen.
Daher
klage
den
Andern]andern
nie
um
dieser
Untugend
an.
Wenn
[DKV IV 195]
er
Dein
freiwilliges
Opfer
nicht
versteht, so
[SE:1993 II 625]
schweige
u.]und
zürne
nicht, und
wenn
er
ein
Opfer
von
Dir
verlangt,
vorausgesetzt
daß
es
nur
möglich
ist, so
thue]tue
es, u.]und
er
295
mag
es
Dir
danken, oder
nicht, schweige
wieder
u.]und
zürne
nicht.
— O
Wil[MA II 703] helmine!
Giebt]Gibt
es
etwas, das
Dich
mit
so
hohen
Erwartungen
in
Deine
neue
Epoche
einführen
kann,
als
diese
herrlichen
Vorsätze?
Ich
freue
mich
darauf, daß
ich
Dich
nicht
wieder]wiederkennen
kennen]
werde, wenn
ich
Dich
wiedersehe.
300
Auch
Du
sollst
besser
mit
mir
zufrieden
sein.
Adieu.
Dein
Geliebter
H.
K.
