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  • [035] W. v. Zenge, 31.1.1801

[035] An Wilhelmine v. Zenge, 31. Januar 1801

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[1] [BKA IV/1 464] [DKV IV 186] [SE:1993 II 617] [Heimböckel:1999 (Reclam) 193] [MA II 695] Berlin, d.]den 31t ]31. Januar, ]Januar 1801. ]1801

Liebe Wilhelmine, nicht, weil mir etwa Dein Brief weni⸗
ger
lieb gewesen wäre, als die andern, nicht dieses, sage ich,
war [Heimböckel:1999 (Reclam) 194] der Grund, daß ich Dir diesmal etwas später antworte, als auf
Deine andern Briefe — Denn das habe ich mir zum Gesetz 5
gemacht, jedes Schreiben, das mir irgend eine schönere Seite
von Dir zeigt, u.]und mir darum inniger an das Herz greift, gleich u.]und ohne
Aufschub zu beantworten.
Aber diesmal war es mir doch ganz
unmöglich.
Leopold ist hier, Huth hat mich in sein Interesse ge⸗
zogen
u.]und mich aus meiner Einsamkeit ein wenig in die gelehrte 10
Welt von
Berlin
eingeführt, — worin es mir aber, im Vorbeigehn
gesagt, so wenig gefällt, als in der ungelehrten.
Allein Du selbst
kannst daraus schließen, wie karg ich mit der Zeit sein mußte,
um nothwendige]notwendige Arbeiten nicht ganz zu versäumen.
Gern mögte]möchte
ich für Geld Stunden kaufen, wenn dies möglich wäre, und 15
Manchem]manchem würde damit gedient sein, der daran einen Über⸗
fluß
hat u.]und nicht weiß, was er damit anfangen soll.
Die wenigen
Stunden, die mir nach so vielen [DKV IV 187] Zerstreuungen übrig blieben, mußte
ich ganz meinem Zwecke widmen — heute endlich hat mir der
Himmel einen freien Abend geschenkt u.]und Dir soll er gewid⸗20
met
sein.
— Aber ich hebe das Gesetz nicht auf, u.]und künftig beant⸗
worte
ich jeden Brief von Dir, wenn er so ist wie der letzte,
sogleich — Du mußt dann nur zuweilen mit Wenigem]wenigem zu⸗
frieden
sein.

Besonders der Blick, den Du mir diesmal in Dein Herz 25
voll [SE:1993 II 618] Liebe hast werfen lassen, hat mir unaussprechliche
Freude gewährt — obschon das Ganze, um mir Vertrauen zu
der Wahrheit Deiner Neigung einzuflößen, eigentlich
nicht nöthig]nötig war.
Wenn Du mich nicht liebtest, so müßtest Du
verachtungswürdig sein und ich, wenn ich es von Dir nicht 30
glaubte.
Ich habe Dir schon einmal gesagt, warum? — Also
dieses ist ein für allemal abgethan.]abgetan.
Wir lieben uns, hoffe ich,
herzlich und innig genug, um es uns nicht mehr sagen zu dürfen,
und die Geschichte unsrer Liebe macht alle Versicherungen durch
Worte unnöthig.]unnötig.
35

[MA II 696]

Laß mich jetzt einmal ein Wort von meinem Freunde
Brokes reden, von dem mein Herz ganz voll ist —
Er hat [Heimböckel:1999 (Reclam) 195] mich
[2] [BKA IV/1 467] verlassen, er ist nach Mecklenburg gegangen, dort ein Amt
anzutreten, das seiner wartet — — und mit ihm habe ich
den einzigen Menschen in dieser volkreichen Königsstadt 40
verloren, der mein Freund war, den einzigen, den ich recht
wahrhaft ehrte u.]und liebte, den einzigen, für den ich in Berlin
Herz und Gefühl haben konnte, den einzigen, dem ich es
ganz geöffnet hatte u.]und der jede, auch selbst seine geheim⸗
sten
Falten kannte.
Von keinem Andern]andern kann ich dies letzte 45
sagen, Niemand]niemand versteht mich ganz, Niemand]niemand kann mich
ganz verstehen, als er u.]und Du — ja selbst Du vielleicht, liebe Wil⸗
helmine,
wirst mich u.]und meine künftigen Handlungen nie
ganz verstehen, wenn Du nicht für das, was ich höher achte, als
die Liebe,
einen so hohen Sinn fassen kannst, als er.
50

Ich habe Dir schon oft versprochen, Dir etwas von diesem herr⸗
lichen
Menschen mitzutheilen,]mitzuteilen, der gewiß von den Wenigen,]wenigen,
die die Würde ihrer Gattung behaupten, Einer]einer ist, u.]und nicht der
schlechteste unter diesen Wenigen.]wenigen.
— Eigentlich weiß ich jetzt
gar nichts von ihm zu reden, als bloß [DKV IV 188] sein Lob, u.]und ob ich schon 55
gleich mich entsinne, zuweilen auch an diesem den Charakter
der Menschheit, nämlich nicht ganz vollkommen zu sein, entdeckt zu
haben, so ist doch jetzt mein Gedächtniß]Gedächtnis für seine Fehler ganz
ausgestorben u.], und ich habe nur eines für seine Tugenden.

Ich füge dieses hinzu, damit Du etwa nicht glaubst, daß mein 60
Lob aus einer verblendeten Seele entsprang.
Wahr ist es,
daß die Menschen uns, wie die Sterne, bei ihrem Verschwinden
höher erscheinen, als sie wirklich stehen; aber dieser ist in
dem ganzen Zeitraume unsrer vertrauten Bekanntschaft nie von
der Stufe herabgestiegen, auf welcher ich ihn Dir jetzt zeigen 65
werde.
Ich [SE:1993 II 619] habe ihn anhaltend beobachtet u.]und in den verschieden⸗
sten
Lagen geprüft u.]und mir das Bild dieses Menschen mit meiner
ganzen Seele angeeignet, als ob es eine Erscheinung wäre,
die man nur einmal, u.]und nicht wieder sieht.

Ja wenn Du unter den Mädchen wärest, was dieser unter den 70
Männern — — Zwar dann müßte ich freilich auch
er[Heimböckel:1999 (Reclam) 196] schrecken.
Denn müßte ich dann nicht auch sein, wie er, um
von Dir geliebt zu werden?

[3] [BKA IV/1 468] [MA II 697]

Ich sage Dir nichts von seiner Gestalt, die nicht schön war, aber sehr
edel.
Er ist groß, nicht sehr stark, hat ein gelbbräunliches Haar, ein 75
blaues Auge, viel Ruhe u.]und Sanftmuth]Sanftmut im Gesicht, u.]und eben] so]ebenso im
Betragen.

Eben] so] wenig]Ebensowenig kann ich Dir von seiner Geschichte sagen. Er hatte eine
sehr gebildete u.]und zärtlich liebende Mutter, seine Erziehung war ein
wenig poetisch, u.]und ganz dahin abzweckend, sein Herz weich u.]und für 80
alle Eindrücke des Schönen u.]und Guten schnell empfänglich zu machen.
Er
studierte in Göttingen, lernte in Frankfurt am Main die Liebe
kennen, die ihn nicht glücklich machte, gieng]ging dann in dänische Militair⸗
dienste,]Militärdienste,
wo es sein freier Geist nicht lange aushielt, nahm dann
den Abschied, konnte sich nicht wieder entschließen, ein Amt zu nehmen,85
gieng,]ging, um doch Etwas]etwas Gutes zu stiften, mit einem jungen
Manne
zum zweitenmale auf die Universität, der sich dort
unter seiner Anleitung bildete, dessen Eltern interessirten]interessierten sich für
ihn am meck[DKV IV 189] lenburgschen Hofe, der ihm nun jetzt ein Amt anträgt,
das er freilich annehmen muß, weil es sein Schicksal so will.
90

Auch von seinen Tugenden kann ich Dir nur Weniges]weniges im Allgemeinen]allgemeinen
sagen, weil sonst dieser Bogen nicht hinreichen würde.
Er war
durchaus immer edel, nicht bloß der äußern Handlung nach, auch dem
innersten Bewegungsgrunde nach.
Ein tiefes Gefühl für Recht war
immer in ihm herrschend, u.]und wenn er es geltend machte, so zeigte 95
er sich zu gleicher Zeit immer so stark u.]und doch so sanft.
Sanftheit war
überhaupt die Basis seines ganzen Wesens.
Dabei war er von ei⸗
ner
ganz reinen, ganz unbefleckten Sittlichkeit u.]und ein Mädchen
könnte nicht reiner, nicht unbefleckter sein, als er.
Frei war
seine Seele u.]und ohne Vorurtheil,]Vorurteil, voll Güte u.]und Menschenliebe, und 100
nie stand ein Mensch so unscheinbar unter den andern, über
die er doch so unendlich er[SE:1993 II 620] haben war.
Ein einziger Zug konnte ihn
schnell für einen Menschen gewinnen, gewinnen; ]gewinnen; denn so wie es sein Bedürf⸗
niß]Bedürfnis
war, Liebe [Heimböckel:1999 (Reclam) 197] zu finden, so war es auch sein Bedürfniß,]Bedürfnis, Liebe
zu geben.
Nur zuweilen gegen Gelehrte war er hart, nicht seine 105
Handlung, sondern sein Wort, indem er sie meistens Vielwisser
nannte.
Sein Grundsatz war: Handeln ist besser als Wissen.
Daher sprach er selbst zuweilen verächtlich von der Wissenschaft,
u.]und nach seiner Rede zu urtheilen]urteilen so schien es, als [MA II 698] wäre er immer
vor Allem]allem geflohen, was ihr ähnlich sieht — — aber er meinte eigen⸗110
tlich
bloß die Vielwisserei, u.]und wenn er, statt dieser, wegwer⸗
[4] [BKA IV/1 471] fend
von den Wissenschaften sprach, so bemerkte ich mitten in
seiner Rede, daß er in keiner einzigen ganz fremd und in sehr
vielen ganz zu Hause war.
Von den meisten hatte er die Hauptzüge auf⸗
gefaßt
u.]und von den andern wenigstens doch diejenigen Züge, die in 115
sein Ganzes paßten — denn dahin, nämlich Alles]alles in sich immer
in Einheit zu bringen u.]und zu erhalten, dahin gieng]ging sein unauf⸗
hörliches
Bestreben.
Daher stand sein Geist auf einer hohen
Stufe von Bildung, ob gleich obgleich obgleich ]obgleich nur eigentlich, wie er sagte,
die Ausbildung seines Herzens sein Geschäfft]Geschäft war.
Denn 120
zwischen diesen beiden Partheien]Parteien in dem menschlichen Wesen, machte
er einen scharfen, schneidenden Unterschied.
[DKV IV 190] Immer nannte er
den Verstand kalt, u.]und nur das Herz wirkend und schaffend.
Daher
hatte er ein unüberwindliches Mißtrauen gegen jenen, und
hingegen ein eben]ebenso so] unerschütterliches Vertrauen zu diesem gefaßt.
125
Immer seiner ersten Regung gab er sich ganz hin, das nannte
er seinen Gefühlsblick, u.]und ich selbst habe nie gefunden, daß dieser
ihn getäuscht habe.
Er sprach immer wegwerfend von dem
Verstande, ob]obgleich gleich] er in einer solchen Rede selbst zeigte, daß
er mehr habe, als Andere,]andere, die damit prahlen.
Übrigens war das 130
Sprechen über seinen innern Zustand eben nicht, wie es scheinen
mögte,]möchte, sein Bedürfniß,]Bedürfnis, selten theilte]teilte er sich Einzelnen]einzelnen mit,
Vielen]vielen nie.
In Gesellschaften war er meist still u.]und leidend, wie
überhaupt in dem ganzen Leben, und dennoch war er in Gesell⸗
schaft
immer gern gesehen.
Ja ich habe nie einen Menschen 135
gesehen, der so viel Liebe fand bei allen Wesen — u.]und oft habe
ich mich sinnend [Heimböckel:1999 (Reclam) 198] in Gedanken vertieft, wenn ich sah, daß sogar
Deines Bruders Spitz, der gegen seinen Herrn u.]und gegen mich nie recht
zärtlich war, dagegen unbeschreiblich freudig um dieses Menschen
Knie sprang, sobald er [SE:1993 II 621] in die Stube trat.
Aber er war von 140
einem ganz liebenden, kindlichen Wesen, ein natürlicher
Freund aller Geschöpfe — liebe Wilhelmine, es ist keine Sprache
vorhanden, um das Bild dieses Menschen recht treu zu mah⸗
len]malen
———

Ich will daher von seinem Wesen nur noch das ganz charakteristische]Charakteristische 145
herausheben — das war seine Uneigennützigkeit.
— Lie⸗
be
Wilhelmine!
Bist Du wohl schon recht aufmerksam ge[MA II 699] wesen
auf Dich u.]und auf andere?
Weißt Du wohl, was es heißt, ganz
uneigennützig
sein?
Und weißt Du auch wohl, was es heißt,
es immer, und aus der innersten Seele und mit Freudigkeit es zu 150
[5] [BKA IV/1 472] sein?
— Ach, es ist schwer — Wenn Du das nicht recht innig
fühlst, so widme einmal einen einzigen Tag dem Geschäft, es
an Dir u.]und an Andern]andern zu untersuchen.
Sei einmal recht aufmerksam
auf Dich u.]und auf die Dich umgebenden Menschen, — Du wirst Dich u.]und sie
oft, o sehr oft, wenn auch nur in Kleinigkeiten, in Lagen 155
sehen, wo das eigne Interesse mit fremdem streitet — dann
prüfe einmal [DKV IV 191] das Betragen, aber besonders den Grund, u.]und oft wirst
Du vor Andern]andern oder vor Dir selbst erröthen]erröten müssen —
Vielleicht
hat die Natur Dir jene Klarheit, zu Deinem Glücke versagt, jene
traurige Klarheit, die mir zu jeder Miene den Gedanken, zu 160
jedem Worte den Sinn, zu jeder Handlung den Grund nennt.
Sie
zeigt mir Alles,]alles, was mich umgiebt,]umgibt, u.]und mich selbst, in seiner
ganzen armseeligen]armseligen Blöße, u.]und der farbige Nebel verschwindet,
u.]und alle die gefällig geworfnen Schleier sinken u.]und dem Herzen
ekelt zuletzt vor dieser Nacktheit —
O glücklich bist Du, wenn 165
Du das nicht verstehst.
Aber glaube mir, es ist sehr schwer immer
ganz uneigennützig
zu sein.

Und diese schwerste von allen Tugenden, o nie hat ihr Heiligen⸗
schein
diesen Menschen verlassen, so lange ich ihn kannte auch nicht
auf einen Augenblick.
Immer von seiner [Heimböckel:1999 (Reclam) 199] liebenden Seele 170
geführt, wählte er in jedem streitenden Falle nie sein eignes,
immer das fremde
Interesse; und das that]tat er nicht nur in wichtigen
Lagen, nicht nur in solchen Lagen, wo die Augen der Menschen auf
ihn gerichtet waren, ]waren (denn da zeigt sich freilich mancher durch eine
Anstrengung uneigennützig, der es ohne diese Anstrengung 175
nicht wäre) ]wäre), — auch in den unscheinbarsten, unbemerktesten
Fällen (und das ist bei Weitem]weitem mehr) zeigte sich seine Seele
immer von derselben unbefleckten Uneigennützigkeit, selbst in
solchen [SE:1993 II 622] Augenblicken, wo wir im gemeinen Leben gern einen
kleinen Eigennutz verzeihen, und das immer ganz im Stillen, ganz 180
anspruchlos, ohne die mindeste Rechnung auf Dank, ja selbst
dann, wenn es ohne meine, durch das Entzücken über diese nie er⸗
blickte
Erscheinung, immer rege Aufmerksamkeit, gar nicht em⸗
pfunden
u.]und verstanden worden wäre.

[MA II 700]

Ich kann Dir zu dem Allen]allen Beispiele geben. — Als ich ihm in Pase⸗185
walk
meine Lage eröffnete, besann er sich nicht einen Augenblick,
mir nach Wien zu folgen.
Er sollte schon damals ein Amt nehmen,
er hieng]hing innig an seiner Schwester u.]und sie noch inniger an ihm.

[6] [BKA IV/1 475] Ja es ist eine traurige Gewißheit, daß diese plötzliche, geheim⸗
nißvolle]geheimnisvolle
Abreise ihres Bruders, und das Gefühl, nun von ihrem 190
einzigen Freunde verlassen [DKV IV 192] zu sein, einzig u.]und allein das arme
Weib bewogen hat, einen Gatten sich zu wählen, mit dem sie jetzt
doch nicht recht glücklich ist —
So theuer,]teuer, Wilhelmine, ward unser
Glück erkauft.
Werden wir nicht auch etwas thun]tun müssen, es
zu verdienen?
195

Doch ich kehre zurück. Er — ich brauche ihn doch nicht mehr zu nennen?
Er]er vergaß sein ganzes eignes Interesse, u.]und folgte mir.
Um mir
den Verdacht zu ersparen, als sei ich der eigentliche Zweck der Reise,
u.]und als hätte ich ihn nur bewegt mir zu folgen, welches meiner
Absicht schaden konnte, gab er bei seiner Familie der ganzen 200
Reise den Anstrich, als geschehe sie nur um seinetwillen.
Er
selbst hat nur ein kleines Capital,]Kapital, von mir wollte er sich die
Kosten der Reise nicht vergüten lassen, er opferte 600 rth. Rth. ]Rth. von
seinem [Heimböckel:1999 (Reclam) 200] eignen Vermögen, mir zu folgen, und uns beide glücklich
zu machen —
Du liebst ihn doch auch? 205

Aber das ist doch noch nicht die Uneigennützigkeit, die ich meine.
Es ist wahr, daß ich ihr die ganze glückliche Wendung meines Schick⸗
saals]Schicksals
verdanke, aber doch ist das nicht die Uneigennützigkeit,
die mich entzückt.
Das Alles,]alles, fühle ich, würde ich für ihn auch
gethan]getan haben — — aber er hat noch weit mehr gethan,]getan, o weit 210
mehr!
Es ist ganz unscheinbar, u.]und Du wirst vielleicht darüber
lächeln, wenn Du es nicht verstehst — aber mich hat es entzückt.

Höre.

Wenn wir beide in den Postwagen stiegen, so nahm er sich immer
den Platz, der am Wenigsten]wenigsten bequem war.
— Von dem Stroh, das 215
zuweilen in den Fußboden lag, nahm er sich nie etwas, wenn es
nicht hinreichte, die Füße beider zu erwärmen.
— Wenn [SE:1993 II 623] ich
in der Nacht zuweilen schlafend an seine Brust sank, so hielt
er mich, ohne selbst zu schlafen —
Wenn wir in ein Nachtquar⸗
tier
kamen, so wählte er für sich immer das schlechteste Bett.
220
— Wenn wir zusammen Früchte aßen, [MA II 701] blieben immer die schönsten, saft⸗
vollsten
für mich übrig.
— Wenn man uns in Würzburg Bücher
aus der Lesegesellschaft brachte, so laß]las er nie in dem zuerst,
das mir das liebste war —
Als man uns zum erstenmale
die franzö[DKV IV 193] sischen u.]und deutschen Zeitungen brachte, hatte ich, ohne Absicht,225
[7] [BKA IV/1 476] zuerst die französischen ergriffen.
So oft die Zeitungen nun wieder
kamen gab er mir immer die französischen.
Ich merkte das, u.]und nahm
mir einmal die deutschen.
Seitdem gab er mir immer die deut⸗
schen
.
— Um die Zeit, in welcher mein Arzt mich besuchte, gieng]ging
er immer spatzieren.]spazieren.
Ich hatte ihm nie etwas gesagt, aber es 230
mogte]mochte schlechtes oder gutes Wetter sein, er verließ das Zimmer
u.]und gieng]ging spatzieren.]spazieren.
— Nie kam er in meine Kammer, auch
darum hatte ich ihn nicht gebeten, aber er errieth]erriet es, u.]und nie ließ er
sich darin sehen.
— Ich brannte während der Nacht Licht in meiner
Kammer, u.]und der Schein fiel durch die geöffnete Thür]Tür grade auf sein 235
Bett.
Nachher habe ich gelegentlich erfahren, daß er viele Nächte
deswegen gar nicht geschlafen habe; [Heimböckel:1999 (Reclam) 201] aber nie hatte hat ]hat er es mir ge⸗
sagt
.
O noch einen Zug werde ich Dir einst erzählen, aber
jetzt nicht — noch ein Opfer, das ihn nöthigte]nötigte jede Nacht mit
dem bloßen übergeworfnen Mantel über den kalten Flur zu 240
gehen, u.]und von dem ich auch nicht das Mindeste]mindeste erfuhr, bis spät
nachher —

Aber Du lächelst wohl über diese Kleinigkeiten. —? O Wil⸗
helmine,
wie schlecht verstehst Du Dich dann auf die Menschen!

Große Opfer sind Kleinigkeiten, die kleinen sind es, die schwer 245
sind; und es war leichter, mir nach Wien zu folgen, leichter
mir 600 Rth. Rth zu opfern, als mit nie ermüdendem Wohlwollen und
mit immer stiller u.]und anspruchloser Beeiferung meinen Vortheil]Vorteil
mit dem seinigen zu erkaufen u.]und in der unendlichen Mannigfal⸗
tigkeit
von Lagen sich nie, auch nicht auf einen Augenblick, anders 250
zu zeigen, als ganz uneigennützig.

Du glaubst doch wohl nicht von mir, daß ich nur darum dieser
Uneigennützigkeit so lebhaft das Wort rede, weil sie grade
meinem Vortheil]Vorteil schmeichelte —?
O pfui. Ich gebe Dir darauf
kein Wort zur Antwort.
255

[SE:1993 II 624]

O wenn Du ahnden könntest, warum ich grade Dir das Alles]alles schrieb!
— Denke einmal an alle die Abscheulichkeiten, zu welchen der Eigen⸗
nutz
die Menschen treibt — denke Dir einmal die glückliche Welt,
wenn jeder seinen eignen [DKV IV 194] Vortheil,]Vorteil, gegen [MA II 702] den Vortheil]Vorteil des Andern]andern
vergäße — denke Dir wenigstens die glückliche Ehe, in welcher 260
diese innige, herzliche Uneigennützigkeit immer herschend]herrschend wäre —
[8] [BKA IV/1 479]
O Du ahndest gewiß die Absicht dieser Zeilen, die Du darum auch
gewiß recht oft durchlesen wirst — nicht, als ob ich Dich für eigen⸗
nützig
hielte, o behüte, so wenig als mich selbst.
Aber in mir
selbst finde ich doch nicht ein so reines, so hohes Wohlwollen 265
für den Andern,]andern, keine solche innige, unausgesetzte Beeiferung
für seinen Vortheil,]Vorteil, keine so gänzliche Vergessenheit meines
eignen — und das ist jetzt das hohe Bild, das ich mit meiner ganzen
Seele mir anzueignen strebe.
O mögte]möchte es auch das Deinige wer⸗
den
— ja, Wilhelmine, sagte ich nicht, daß unser Glück theuer]teuer 270
erkauft [Heimböckel:1999 (Reclam) 202] ward?
Jetzt können wir es verdienen. Laß uns dem
Beispiel jenes vortrefflichsten der Menschen folgen — mein heilig⸗
ster
Wille ist es.
Immer u.]und in allen Fällen will ich meines eignen
Vortheils]Vorteils ganz vergessen, wie er, u.]und nicht bloß gegen Dich, auch
gegen Andere]andere u.]und wären es auch ganz Fremde ganz uneigennützig 275
sein, wie er.
O mache diesen herrlichen Vorsatz auch zu dem
Deinen.
Verachte nun immer Deinen eignen Vortheil,]Vorteil, er
sei groß oder klein, gegen jeden Andern, Anderen, ]anderen, gegen Deine Schwestern,
gegen Freunde, gegen Bekannte, gegen Diener, gegen Fremde,
gegen Alle.]alle.
Was ist der Genuß eines Vortheils]Vorteils gegen die 280
Entzückung eines freiwilligen Opfers!
Auch in dem geringfügig⸗
sten
Falle erfülle diese schöne Pflicht, ja geize sogar begierig
auf Gelegenheit, wo Du sie erfüllen kannst.
Rechne aber dabei
niemals auf Dank, niemals, wie er.
Auch wenn Dein stilles
bescheidnes Opfer gar nicht verstanden würde, ja selbst dann 285
wenn Du vorher wüßtest, daß es von Keinem]keinem verstanden werden
würde, so bringe es dennoch — Du selbst verstehst es, u.]und Dein Selbst⸗
gefühl
möge Dich belohnen.
Verlange aber nie ein Gleiches von
dem Andern,]andern, o niemals.
Denn wahre Uneigennützigkeit zeigt
sich in dem Talent, sich durch den Eigennutz Andrer]andrer nie gekränkt 290
zu fühlen, eben]ebenso so] gut, ja selbst noch besser, als in dem Talent
ihm immer zuvor zu kommen.
Daher klage den Andern]andern nie
um dieser Untugend an.
Wenn [DKV IV 195] er Dein freiwilliges Opfer nicht
versteht, so [SE:1993 II 625] schweige u.]und zürne nicht, und wenn er ein Opfer
von Dir verlangt, vorausgesetzt daß es nur möglich ist, so thue]tue es, u.]und er 295
mag es Dir danken, oder nicht, schweige wieder u.]und zürne nicht.

— O Wil[MA II 703] helmine! Giebt]Gibt es etwas, das Dich mit so hohen
Erwartungen in Deine neue Epoche einführen kann,
als diese herrlichen Vorsätze?
Ich freue mich darauf, daß
ich Dich nicht wieder]wiederkennen kennen] werde, wenn ich Dich wiedersehe.
300
Auch Du sollst besser mit mir zufrieden sein. Adieu. Dein Geliebter H. K.

35
An Wilhelmine v. Zenge, 31. Januar 1801

Quellenangaben für Zitation
https://kleist-digital.de/briefe/035, [ggf. Angabe von Zeile/Vers oder Seite], 01.05.2026

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Apparat

Textwiedergabe nach Kopie der Handschrift. Die Handschrift ist in Besitz von:
Biblioteka Jagiellońska, Kraków; Sammlung Autographa (H. v. Kleist)

Erstdruck: [Buel:1848] 139–150

Pagina Kleist-Ausgaben
  • [BKA] (034) IV/1 461–479
  • [MA] (034) II 695–703
  • [DKV] (037) IV 186–195
  • [SE:1993] (035) II 617–625
  • [Heimböckel:1999 (Reclam)] (034) 193–202
 Erwähnte Personen
  • []Brockes, Louise von (1)
  • []Brockes, Ludwig von (1)
  • []Huth, Johann Sigismund Gottfried (1)
  • []Kleist, Heinrich von (1)
  • []Kleist, Leopold von (1)
  • []Zenge, Wilhelmine von (8)
  • [»]Alle Personen anzeigen +/–
 Erwähnte Orte
  • []Berlin (4)
  • []Frankfurth am Mayn (1)
  • []Göttingen (1)
  • []Mecklenburg (1)
  • []Pasewalk (1)
  • []Wien (2)
  • []Würzburg (1)
  • [»]Alle Orte anzeigen +/–
 Vergleich Editionen

Die durchgeführte Kollation mit unterschiedlichen historischen und aktuellen Kleist-Editionen zeigt bestimmte Lesarten und Emendationen, die von der vorliegenden emendierten Fassung abweichen. In den Anmerkungen finden sich hierzu häufig nähere Erläuterungen. (Gelegentlich ist die Ursache für Abweichungen ein Transkriptionsfehler in der jeweiligen Edition.)

Disclaimer: Abweichungen, die ihren Grund in typographisch bedingten Normalisierungen und Standardisierungen haben, werden nicht angezeigt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden. Mitgeteilte Abweichungen müssen am Original überprüft werden.

[MP:1936] [5 Abw.]
  • 103gewinnen, gewinnen; ]gewinnen; ] gewinnen;
  • 119ob gleich obgleich obgleich ]obgleich ] obgleich
  • 203rth. Rth. ]Rth. ] Rth.
  • 237hatte hat ]hat ] hat
  • 278Andern, Anderen, ]anderen, ] Anderen,
[MA:2010] [2 Abw.]
  • 119ob gleich obgleich obgleich ]obgleich ] obgleich
  • 247Rth. Rth ] Rth
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