[065] An Wilhelmine v. Zenge, 20. Mai 1802
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[1] [BKA IV/2 216] [DKV IV 308] [SE:1993 II 725] [Heimböckel:1999 (Reclam) 316] [MA II 806] Auf der Aarinsel bei Thun, d.]tun 20t ]20. Mai, ]Mai 1802. ]1802 /
Liebe Wilhelmine, um die Zeit des Jahreswechſels / erhielt ich den letzten Brief von Dir, in welchem Du / noch einmal mit vieler Herzlichkeit auf mich ein/stürmst, zurückzukehren ins Vaterland, mich dann mit / vieler Zartheit an Dein Vaterhaus und die Schwäch/lichkeit Deines Körpers erinnerst, als Gründe, die es / Dir unmöglich machen, mir in die Schweiz zu folgen,/ dann mit diesen Worten schließest: wenn Du dies Alles alles ]alles / gelesen hast, so thue]tue was Du willst. Nun hatte ich es wirklich / 10 in der Absicht mich in diesem Lande anzukaufen, in einer / Menge von vorhergehenden [SE:1993 II 726] Briefen an Bitten / und Erklärungen von meiner Seite nicht / fehlen lassen, so daß von einem neuen Briefe kein / bessrer Erfolg zu erwarten war; und da mir eben aus / jenen Worten einzuleuchten schien, Du selbst erwartetest / keine weiteren Bestürmungen, so ersparte ich mir und / Dir das Widrige einer schriftlichen Erklärung, die mir nun / aber Dein jüngst empfangner Brief doch nothwendig notwendig ]notwendig / macht. / 20
Ich werde wahrscheinlicher Weise niemals in mein Vater/land zurückkehren. Ihr Weiber versteht in der Regel ein / [Heimböckel:1999 (Reclam) 317] Wort in der deutschen Sprache nicht, es heißt Ehrgeiz. Es ist nur / ein einziger Fall in welchem ich zurückkehre, wenn ich / der Erwartung der Menschen, die ich thörigter]törichter Weise durch / eine Menge von prahlerischen Schritten gereizt habe, ent/sprechen kann. Der Fall ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. / Kurz, [MA II 807] kann ich nicht mit Ruhm im Vaterlande erscheinen, / geschieht es nie. Das ist entschieden, wie die Natur meiner / Seele. / 30
[2] [BKA IV/2 219]Ich war im Begriff mir ein kleines Gut in der Schweiz / zu kaufen, und Pannwitz hatte mir schon den Rest meines / ganzen Vermögens dazu überschickt, als ein abscheulicher Volks/aufstand mich plötzlich, acht Tage ehe ich das Geld empfieng]empfing / davon abschreckte. Ich fieng]fing es nun an für ein Glück anzusehn,/ daß Du mir nicht hattest in die Schweiz [DKV IV 309] folgen wollen, zog in ein / ganz einsames Häuschen auf einer Insel in der Aare, wo ich / mich nun mit Lust oder Unlust, gleichviel, an die Schrift/stellerei machen muß. /
Indessen geht, bis mir dieses glückt, wenn es mir überhaupt / 40 glückt, mein kleines Vermögen gänzlich drauf, und ich bin wahr/scheinlicher Weise in einem Jahre ganz arm. — Und in dieser / Lage, da ich noch außer dem Kummer, den ich mit Dir theile]teile, / ganz andre Sorgen habe, die Du gar nicht kennst, kommt Dein / Brief, u.]und weckt wieder die Erinnerung an Dich, die glücklicher,/ glücklicher Weise ein wenig ins Dunkel getreten war — /
— Liebes Mädchen, schreibe mir nicht mehr. Ich habe keinen / andern Wunsch als bald zu sterben. H. K. /
